All die Jahre

Es soll ein großes Abenteuer werden. Nora und Theresa Flynn wandern von Irland nach Amerika aus. Noras Verlobter Charlie ist schon vor Ort und wartet auf die beiden Schwestern. Aber dann kommt alles ganz anders als gedacht und Nora und Theresa sprechen mehrere Jahrzehnte nicht mehr miteinander.

All die JahreAll die Jahre ist ein Familienroman und gleichzeitig auch eine Geschichte einer Auswanderung, die zu scheitern droht. Während in ihrem irischen Dorf alles klar geregelt war, sehen sich die Schwestern in Boston mit vielen neuen Freiheiten konfrontiert, mit denen sie nie gelernt haben umzugehen. Nora reißt sich zusammen. Sie weiß, dass sie Charlie heiraten soll, auch wenn sie ihn nicht liebt. Das hatten die Familien schon in Irland abgesprochen. Nora ist ihr eigenes Leben weitestgehend egal. Sie erfüllt ihre Pflicht, arrangiert sich mit ihrer Ehe und hält nichts von Tagträumereien. Nora glaubt daran, dass es Theresa besser haben soll. Für ihre Schwester sollen in Boston alle Türen offen stehen, hier kann sie Lehrerin werden, immerhin war Theresa die beste Absolventin der Dorfschule. Aber Noras Plan geht nicht auf.

Theresa stürzt sich in ihre neue Freiheit und wird von einem verheirateten Mann schwanger. Der Vater des Kindes interessiert sich wenig für Theresa, er hat ja bereits eine eigene Familie. In den 1950er Jahren und im katholischen Umfeld der Schwestern ein Skandal. Nora zwingt die 18-jährige Theresa dazu, das Kind im Geheimen auf die Welt zu bringen, zusammen mit Charlie adoptiert sie dann den Sohn ihrer Schwester. Nora ist 21 und damit volljährig und darf entscheiden, was mit ihrem Neffen passiert. Sie erfüllt ihre Pflicht, glaubt sogar  daran, Theresa einen Gefallen zu tun. „Nora hat sich das Baby einfach genommen“, denkt Theresa. Die Schwestern werden fast fünfzig Jahre nicht miteinander reden.

Ihr Leben lang hatte ihre Schwester sie zähmen wollen, hatte versucht, sie für die Welt zurechtzumachen. Nora hatte einen dummen Mann geheiratet, den sie nicht liebte. Wieso machte die Tatsache seiner Existenz aus ihr eine bessere Mutter, als Theresa es für ihren eigenen Sohn war? (S. 104)

All die Jahre ist der dritte Roman von J. Courtney Sullivan, Sommer in Maine steht hier im Moment noch ungelesen im Regal. Aus verschiedenen Blickwinkeln und mit langen Rückblicken wird die Familiengeschichte der Schwestern erzählt. Geheimnisse und versteckte Vorwürfe gehören selbstverständlich zum Familienalltag der Raffertys.

Da gibt es John, einen aufstrebenden Politiker, der gemeinsam mit seiner Frau, die sich für etwas besseres hält, ein chinesisches Mädchen adoptiert hat; Bridget, die lesbisch ist und darüber nicht mit ihrer Mutter sprechen kann, obwohl sie seit Jahren mit ihrer Freundin zusammenlebt und mit ihr ein Kind plant; Brian, der nichts auf die Reihe kriegt und in der Bar seines Bruders Patrick arbeitet. Und da ist Patrick, das Lieblingskind von Nora – der Sohn von Theresa.

Im Haus ihrer Kindheit und Jugend waren Verdrängung und Unterdrückung von Gefühlen üblich. Nora und Charlie schliefen in getrennten Betten. Insgeheim nannten Bridget und John sie deshalb Ernie und Bert. (S.154)

Auch wenn bei den Raffertys nicht alles rund läuft, treffen sich die Geschwister regelmäßig und versuchen den Kontakt untereinander zu halten. Obwohl die Kinder in der amerikanischen Gesellschäft längst angekommen sind, können Charlie und Nora nicht von der alten Heimat lassen, Nora glaubt auch Jahre nach der Auswanderung noch daran, dass sie irgendwann zurückkehren wird. Als sie nach Jahrzehnten wieder die grüne Insel betritt, merkt sie selbst, dass sie sich etwas vorgemacht hat.

Offene Gespräche innerhalb der Familie sucht man vergebens. Weder kann Bridget ihrer erzkatholischen Mutter begreiflich machen, dass ihre Freundin nicht ihre Mitbewohnerin ist, noch hat Nora mit ihren Kindern darüber gesprochen, dass Patrick der Sohn ihrer Schwester ist. Und auch John und Patrick konkurrieren seit Jahren um die Anerkennung der Mutter. Nora zeigt wenig Gefühle und auch zu ihrer Schwester hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Theresa lebt als Nonne in einem Kloster, weitestgehend abgeschieden von der Welt. Als es zu einem Trauerfall in der Familie kommt, kündigt sich überraschend Theresa an.

Sullivan schreibt sehr locker und handwerklich versiert, eine Geschichte, die keine großen Überraschungen bereit hält. Außerdem gibt sie spannende Einblicke in die irische Auswanderercommunity in den 1960er Jahren in Boston. Durch die Perspektivwechsel zwischen Theresa und Nora und die verschiedenen Zeitsprünge ergibt sich so ein unterhaltsamer Familienroman, den man sehr schnell wegschmökern kann. Sullivan schafft es auch, Nora, die viele versteckte Probleme mit sich herum trägt und mir als Leser*in unglaublich fremd ist, als Figur zu gestalten, die fast sympathisch darin wirkt, unbedingt das richtige tun zu wollen.

Thematisch erinnert die Story ja auch ein bisschen an die Erfolgsserie Call a Midwife, die im London East End der 1950er Jahre spielt und in der sich die Hebammen und Nonnen neben den ständigen Hausgeburten häufig mit ähnlichen Problemlagen konfrontiert sehen wie die Geschwister Nora und Theresa – mit einer ungewollten Schwangerschaft. Allerdings wirken die Figuren hier noch glatter als in der BBC-Erfolgsproduktion. Und für diejenigen, die die Serie kennen, wird vielleicht deshalb klar, weshalb ich diesen Roman nicht schlecht fand, aber eben auch nicht fantastisch gut.

J. Courtney Sullivan – All die Jahre (Saints for all Occasions). Aus dem Englischen von Henriette Heise.  Deuticke im Paul Zsonlay Verlag Wien 2018. 460 Seiten.

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Lied der Weite

Mit dem Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ hat der amerikanische Schriftsteller Kent Haruf viele Leser*innen begeistert, der Roman wurde mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt. Es geht um zwei Menschen, die sehr einsam sind und beschließen, etwas gegen ihre Einsamkeit zu unternehmen. 2014 verstarb Kent Haruf.

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Im Diogenesverlag erscheint jetzt ein neuer – alter – Roman des Schriftstellers, der bereits 2001 unter einem anderen Titel bei Goldmann verlegt wurde. Der neue Titel „Lied der Weite“ ist dabei  deutlich näher am Originaltitel „Plainsong“. Der Roman ist ruhig, der Grundton melancholisch.

 

 

 

 

Die Tür in der gegenüberliegenden Wand war geschlossen. Das Mädchen war nach dem Abendessen in ihr Zimmer gegangen, und seitdem hatten sie nichts mehr von ihr gehört. Sie wussten nicht, was sie davon halten sollten. Im Stillen fragten sie sich, ob alle siebzehnjährigen Mädchen nach dem Abendessen verschwanden. (S.167)

Es geht um Victoria, die mit 17 Jahren ungewollt schwanger wird. Ihre Mutter setzt sie vor die Tür. Zum Glück hilft ihr eine Lehrerin und bringt das Mädchen kurzerhand bei zwei alten Viehzüchtern unter, den Brüdern McPheron. Die brummigen Männer geben sich zwar Mühe, aber das Zusammenleben mit Victoria verläuft nicht ohne Schwierigkeiten.

Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um zwei Brüder, Bobby und Ike, die von ihrer depressiven Mutter vernachlässigt werden. Der Vater hat die Familie verlassen, kümmert sich aber noch jede zweite Woche um die Jungs. Ihre Mutter liegt nur noch im Bett und die beiden Brüder suchen sich einen Nebenjob um ihrer Mutter eine Freude zu machen. Sie kaufen ein Parfüm, es heißt „Evening in Paris“.

Langsam löste sie die Schleifen, wickelte das bunte Papier ab. Als sie sah, was in den Schachteln war, fing sie an zu weinen. Die Tränen rannen ihr über die Wangen, sie kümmerte sich nicht darum. O mein Gott, sagte sie. Mit den Schachteln in den Händen umarmte sie weinend die beiden Jungen. O mein Gott, was soll ich nur machen.

Kent Haruf lässt sämtliche seiner sechs Romane in der fiktiven Kleinstadt Holt spielen. Hier passiert nicht viel. Es gibt Schlägereien, Gewalt in der Familie, einen Lehrer, der versucht alles richtig zu machen und dabei doch vieles falsch macht, eine Lehrerin, die ein Mädchen rettet und nebenbei verendet auch noch ein Pferd.

Die Themen Gewalt in der Familie, Alkoholismus und Einsamkeit, erleben fast alle Protagonist*innen der Geschichte. Trotzdem gibt es immer wieder überraschende Momente der Menschlichkeit, wenn sich Figuren gegenseitig helfen ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Lied der Weite ist eine sehr ruhige Geschichte. So idyllisch (trotz der schwierigen Themen), dass ich anfänglich gar nicht genau wusste, in welcher Zeit die Handlung spielt. Es gibt kein Internet, Handys werden nicht erwähnt, stattdessen ist von Viehzüchtern und Farmen und dem weiten Land die Rede. Kein Wunder, dass die Kleinstadt Holt ein wenig anachronistisch anmutet. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass letztlich in Holt immer noch „alles in Ordnung“ ist. In Notlagen helfen sich die Menschen und greifen dabei auch auf ungewöhnliche Lösungen zurück. Victoria wird geholfen und zwar innerhalb der dörflichen Strukturen, die in Holt bestehen und ohne dass sich irgendjemand einmischt, der nicht dazugehört. Das liest sich sehr schön, aber vor allen Dingen auch sehr melancholisch. Vielleicht, weil es solche Strukturen heute nur noch selten gibt? Mir hat der Roman gerade deshalb sehr gefallen.

Kent Haruf – Lied der Weite. Diogenes 2017.

Ich bedanke mich bei Diogenes und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar.

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Nachtlichter

Amy Liptrot hat mit ihrem Debüt Nachtlichter eine mutige Geschichte über die Einsamkeit in der wilden Natur der Orkneys geschrieben und liefert gleichzeitig tiefe Einblicke in das Leben nach ihrem Alkoholentzug.

NachtlichterDie Journalistin Amy Liptrot landet mit Anfang dreißig an dem Ort, an den sie eigentlich nie zurückwollte – in ihrer alten Heimat, den Orkneyinseln, einer abgelegenen Region im dünn besiedelten Schottland. Nur zwanzig der Inseln sind bewohnt, Cava, Faray, Fara, Eynhallows, Swona und Copinsay sind es nicht mehr. Sie sind  einsame Flecken Erde, „auf denen die leeren Häuser verfallen, den Elementen preisgegeben“, während die Felder sich langsam in Moore verwandeln. Warum Amy Liptrot ausgerechnet diese unwirtlichen Orte aufsucht, macht einen großen Teil der Faszination des Buches aus.

Auf der kleinen Insel Papay gelingt es Amy Liptrot für einen Moment innezuhalten. Als sie die Wellen beobachtet, wird ihr etwas klar: Alle Wellen können „nur eine bestimme Höhe erreichen, ehe sie abstürzen“. Es ist der Moment, der für sie einen Neuanfang markiert.

Während eine Welle zerschellt und Schaum in meine Richtung spritzt, wird mir klar, dass ich […] mich beim Trinken genauso gefühlt habe. (S.266)

Amy Liptrots Debüt zu lesen, gleicht gerade in den Anfangssequenzen einem voyeuristischen Akt. Es ist nicht ganz einfach zu lesen, wie viele Abstürze die Journalistin mitmachen muss und welche Schwierigkeiten ihr immer wieder begegnen, die in der Regel mit ihrer Alkoholsucht zusammenhängen. Das spannende und faszinierende an dieser Biografie ist hingegen, wie es Liptrot gelingt, in der Einsamkeit der Natur zu sich selbst zu finden. Während sie Basstölpel und Lummen beobachtet, Steinmauern baut und Schafe über die Weide trägt, merkt sie, dass das Leben in der Natur eine heilende Wirkung hat. Sie beschäftigt sich mit Nachtlichtern und Astronomie und kann über ihr Handy und ihren Laptop mit der Welt „da draußen“ kommunizieren. Erst hier entfaltet sich das, was der Observer  als „Sternstunde des New Nature Writing“ bezeichnet. Und um diesen krassen Kontrast zu verstehen, war der erste Teil, in dem Liptrot sich von Exzess zu Exzess quält, Jobs verliert, betrunken durch London auf der Suche nach Alkohol irrt und aus WG-Zimmern geschmissen wird, wahrscheinlich für die Schriftstellerin notwendig. Für die Leser*innen kann dieser Aufbau etwas langatmig werden.

Erst weit weg von der Zivilisation, an den wahrscheinlich einsamsten Orten der Welt, die sie seit ihrer Jugend verlassen wollte, findet sie zu sich selbst und lebt ein Leben wie ihre Eltern. Sie züchtet Schafe und lässt sich auf Papay nieder, einer Insel mit gerade einmal 70 Bewohner*innen. Hier schwimmt sie im Meer, fängt an zu schnorcheln und lebt sehr minimalistisch. Außerdem arbeitet sie für einen Umweltschutzverein und zählt den seltenen Wachtelkönig, einen bedrohten Vogel, den man nur nachts hören kann. Während sie versucht, den Vogel zu finden, reflektiert sie immer wieder ihre Situation und versucht zu verstehen, warum sie wieder im Nordwesten der Orkneys gelandet ist. Und dann spielt auch die Literatur wieder eine Rolle.

Schon vor meinem Sommerjob habe ich angefangen, Moby Dick zu lesen. Inzwischen lese ich das Buch schon so lange, dass es sich anfühlt, als befände ich mich selbst auf einer dreijährigen Walfangreise rund um die Welt; ich trage das Buch jeden Tag bei mir, schwer wie eine Harpune liegt es in meiner Umhängetasche. Ich bin der rasende Kapitän Ahab, nur jage ich anstelle eines Wals einen scheuen Vogel. (S.167)

Im englischsprachigen Raum scheint die Kategorie „New Nature Writing“ tatsächlich ein großes Ding zu sein. Ich habe mich ein bisschen an Wild -Der große Trip erinnert gefühlt, aber trotzdem schreibt Liptrot ganz anders, dafür nicht weniger faszinierend von ihrem Weg in ein glücklicheres Leben.

„Ich habe Diskolichter gegen Himmelslichter eingetauscht, aber ich bin immer noch von Tänzern umgeben. Ich werden von siebenundsechszig Monden umkreist.“ (S.269)

Amy Liptrot – Nachtlichter. Aus dem Englischen von Bettina Münch. btb 2017.

Das Bild habe ich letzte Woche in unserem Kroatienurlaub gemacht – ich habe es leider nicht nach Schottland geschafft. Aber Kroatien war auch sehr schön ;)

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen, vielen Dank.

Der Preis, den man zahlt

Der Preis den man zahltSiegen Loyalität und Liebe oder Verrat und Gewalt? Der Preis, den man zahlt ist der Auftakt einer Reihe um den Spion Lorenzo Falcó. Vor einer historischen Kulisse setzt der spanische Autor Arturo Pérez-Reverte eine spannende Agentenstory in Szene.

„So ein Krieg ist ein echtes Spektakel“, sagte sie. (S.167)

Der Spion und Frauenheld Lorenzo Falcó steht vor dem vermeintlich wichtigsten Auftrag seines Lebens. Die Handlung spielt im Jahr 1936. Er erhält den Auftrag, in Alicante einen hochrangigen politischen Gefangenen zu befreien. Die Aktion ist so wichtig, dass sie sogar als kriegsentscheidend eingestuft wird. Obwohl Lorenzo Falcó eigentlich als einsamer Wolf unterwegs ist und gerne alleine arbeitet, muss er in diesem Fall seine Solopläne auf Eis legen. Um den politischen Gefangenen aus dem Gefängnis zu befreien, hat Falcó die Aufgabe, sich einer Gruppe junger Falangist_innen anzuschließen. Unter ihnen ist auch Eva Rengel, eine undurchsichtige Frau, deren Motive auch innerhalb der Gruppe nicht klar zu deuten sind.

Falcó hat für sich eine klare Rolle in dem Spiel der Geheimdienste und Kriegsparteien gefunden. Er ist sich selbst der nächste und hat keine politischen Überzeugungen.

Sollten sie doch töten oder sterben, sie mochten schon wissen, warum und wofür. Ob aus Dummheit, Bosheit oder ehrbaren Beweggründen. Lorenzo Falcos Krieg war ein anderer, und die Seiten waren klar definiert: hier er selbst, dort alle anderen. (S.103)

Trotzdem gilt er in der faschistischen Gruppe als Mann mit Erfahrung. Die anderen sind jung und naiv und haben zum Teil noch nie eine Waffe gehalten. Aber sie bringen eine Menge Fanatismus, Radikalität und jugendlichen Übermut mit. Falcó beginnt schon bald an der realistischen Durchführbarkeit der Aktion zu zweifeln. Eva kann ihn allerdings beeindrucken. Sie ist mutig, besonnen und in der Lage ohne mit der Wimper zu zucken, jemanden hinzurichten. Eine Frau, die Falcó nicht vergessen kann.

Niemand in der Gruppe kennt seine Mitstreiter_innen genau, aber für die Befreiungsaktion muss man sich auf die anderen verlassen können. In diesem gefühlsmäßigen Chaos kommen Eva Rengel und Falcó Lorenzo sich nahe. Und die Aktionen im Untergrund sind nach wie vor gefährlich.

Bis die Befreiungsaktion durchgeführt werden kann, hat Deutschland allerdings schon General Franco anerkannt – niemand weiß, wie sich diese Situation auf die inneren Ränkespiele innerhalb der Falange auswirken kann. Ein weiteres Risiko für Falcó, der sich zu fragen beginnt, warum ausgerechnet er für diese Mission eingesetzt wurde.

Dass Falcó so ein harter Kerl ist, wird leider an der einen oder anderen Stelle überbetont.  Wenn er die Frau des deutschen Botschafters verführt, die „blonde Walküre“ Greta, und er beim Anblick ihrer großen und „schwer wogenden“ Brüste an „Wagner-Musik“ denkt, nun ja, dann muss ich leider wirklich lachen. Aber gut, auch ich habe wirklich verstanden, dass Falcó ein sehr harter Mann ist, dem sich die Damenwelt nicht entziehen kann. Während Falcos Spionagegeschichte wirklich geschickt konstruiert wird, verhält es sich also mit der Rolle des Charmeurs und geschickten Verführers dann eher holzhammerig.

Der Preis, den man zahlt ist insgesamt ein spannender und gut gemachter Spionagethriller. Falcó wirkt zunächst wie eine absolut pragmatische Figur, die nur an sich selbst denkt. Er ist geschickt darin, seinen Job zu erledigen und legt eine Menge Chauvinismus an den Tag – bis er sich in Eva verliebt. Eva ist eine Figur, die lange ein Rätsel bleibt. Es gefällt mir, dass alle Beteiligten in dieser rasanten Spionagegeschichte ein Doppelspiel treiben. Es bleibt daher von Anfang bis zum Ende spannend.

Auch die geschichtlichen Hintergründe sind fantastisch recherchiert und geben Einblicke in den spanischen Bürgerkrieg. Ein absoluter Pluspunkt, aber auch nicht überraschend. Bevor Perez-Reverte zu einem der erfolgreichsten Schriftseller Spaniens wurde, arbeitete er 21 Jahre lang als Kriegsreporter. Vielleicht erklärt sein vorheriger Job auch, warum einige Verhörszenen so brutal und detailreich geschildert werden. Das war mir definitiv zu viel und hätte für mich nicht sein müssen.

Arturo Pérez-Reverte: Der Preis, den man zahlt. Aus dem Spanischen von Petra Zickmann. Insel Verlag Berlin 2017. 295 Seiten.

Ich habe den Roman bei vorablesen.de gewonnen. Vielen Dank!

 

 

 

Die Geschichte der Bienen

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.

Albert Einstein

Seit vielen Jahren wird bereits vor dem Bienensterben gewarnt. Erst letzte Woche hat Sarah Wiener, die vor allen Dingen als TV-Köchin bekannt ist, eine Petition gegen das Bienensterben gestartet. Und die Zahlen sind tatsächlich erschreckend. 1990 gab es noch 1,1 Millionen Honigbienen in Deutschland, mittlerweile sind es noch 700 000 Bienen.

Die geschichte der bienenDie Norwegerin Maja Lunde  macht in ihrem internationalen Bestseller Die Geschichte der Bienen das Bienensterben und die Folgen für Mensch und Umwelt zum Thema. Aber es geht nicht nur um Bienen. Die Osloerin, die bereits zahlreiche erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher schrieb, erzählt die Geschichte von drei unterschiedlichen Menschen, die in verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen Kontinenten leben und deren Schicksal durch die kleinen Insekten entscheidend mitbestimmt wird.

Zum einen gibt es den Samenhändler und Bienenforscher William Savage aus England. William hatte eigentlich vor, eine Karriere als Naturforscher zu beginnen. Aber sein Mentor glaubt nicht mehr an ihn und als Familienvater muss er dafür sorgen, dass seine Kinder und seine Frau einigermaßen versorgt sind. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, sein Laden läuft nicht, in der Forschung fühlt er sich verloren. Schwermütig liegt er tagelang im Bett und hofft wenigstens seinen ältesten Sohn Edward für eine naturwissenschaftliche Karriere erwärmen zu können. Aber Edward denkt nicht einmal daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Für den Vater überraschend, kann sich Williams Tochter Charlotte für die Forschung ihres Vaters begeistern. Gemeinsam basteln sie an einem Bienenstock, der es den Imkern erleichtern soll, den Honig zu ernten, ohne die Bienen zu gefährden. Die Bienen könnten stattdessen domestiziert werden, wie andere Nutztiere. William glaubt, am Höhepunkt seiner Forschung angekommen zu sein.

Ich fing mit Skizzen an, leichte Kohlestriche auf dem Papier, ungenauer Größenangaben, (…) und allmählich nahm er vor meinen Augen Form an, wurde deutlicher, die Striche wurden präziser, die Maße genauer. Und endlich, am 21. Tag, war der Bienenstock fertig.

Dann gibt es den Imker George, der in Ohio daran arbeitet, seinen Hof zu vergrößern. Wie viele seiner Kolleg*innen reist er mit seinen Bienen durch das Land, damit sie die Blüten bestäuben. Anders als seine Kolleg*innen versucht George alles, damit sich die Bienen wohl fühlen, damit sie nicht gestresst sind. Irgendwann soll sein Sohn die Farm und die Bienenstöcke übernehmen. Aber Tom hat kein Interesse an den Bienen, sondern möchte Journalist werden. Der Schock ist groß, als George zu den ersten Farmer*innen gehört, die 2007 vom Colony Collapse Disorder bedroht sind, einem spontanen Bienensterben, das viele Imker überraschend traf. Georges Existenz steht vor dem Aus – soll er weitermachen oder die Imkerei aufgeben?

Eine der spannendsten und eindrücklichsten Figuren ist die Arbeiterin Tao. Sie lebt im Jahr 2098 in China und bestäubt Blüten mit der Hand, weil es mittlerweile kaum noch Bienen oder andere Insekten auf der Welt gibt.

Jetzt summte aus Richtung des Waldes eine Fliege heran, ein seltener Anblick, sowie ich schon seit Tagen keine Vögel mehr gesehen hatte, auch sie waren weniger geworden. Sie machten Jagd auf die wenigen Insekten, die es noch gab, und hungerten ansonsten wie der Rest der Welt auch.

Bei einem Ausflug mit ihrem Mann Kuon und ihrem Sohn Wei-Wen kommt es zu einem Zwischenfall. Ihr Sohn wird nach Peking in ein Krankenhaus gebracht, aber niemand erklärt den Eltern, was passiert ist. Tao fährt nach Peking – in eine Stadt, die aufgrund der Nahrungsmittelknappheit fast ausgestorben ist und versucht ihren Sohn zu finden.

In jeder Episode, die um die Hauptfiguren William, George und Tao kreist, geht es um das Verhältnis der Menschen zu den Bienen. Maja Lunde zeigt anhand ihrer unterschiedlichen Figuren, welche Folgen das Bienensterben haben kann und in der Episode um Tao auch die globalen Folgen dieser Katastrophe. Das ist ein spannender Aspekt, der besonders in Taos Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Aber es werden nicht nur bestehende Probleme fiktionalisiert und auf den Punkt gebracht. In allen drei Episoden spielen auch immer wieder Familien und  die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern eine wichtige Rolle.

Die Geschichte der Bienen ist thematisch aktueller, als sicherlich die meisten von uns denken. Ich habe vor Kurzem den Dokumentarfilm More than Honey auf Netflix gesehen, den Maja Lunde auch als Inspirationsquelle im Nachwort nennt. Insofern ist es wirklich grandios, wie gekonnt Maja Lunde dieses wichtige Thema aufgreift. Ansonsten ist der Roman sehr klassisch konstruiert, es gibt keine Überraschungen, die sich irgendwo verbergen, keine doppelten Böden, keine ungeklärten Fragen, Formulierungen oder Wendungen, die einer besonderen Interpretation bedürfen.

Die Geschichte der Bienen ist eine unterhaltsame, spannende und wirklich gut gemachte Familiengeschichte, in der das Leben und Sterben der Bienen das verbindende Element zwischen ganz unterschiedlichen Figuren ist. Für mich ist Die Geschichte der Bienen ein Sommer-, Strand- und Urlaubsbuch, das mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb 2017. 508 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

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„Ich auster in Gedanken“ – Eine allgemeine Theorie des Vergessens

IMG_20170724_195620José Eduardo Agualusa schreibt eine Geschichte über das Vergessen und eine Geschichte über Angst. Ludovica lebt bei ihrer Schwester Odete in Luanda, der Hauptstadt von Angola. Es sind die 1970er Jahre. In Angola gibt es seit geraumer Zeit Spannungen, eine Revolution liegt in der Luft. Odete verlässt mit ihrem Mann Orlando das Land. Ludo will ihre Heimat nicht verlassen. Am Vorabend der Revolution, in deren Folge Angola die Unabhängigkeit von Portugal erklären wird und ein langwieriger Bürgerkrieg entfacht wird, erschießt Ludo aus Notwehr einen Einbrecher. Sie vergräbt die Leiche in den Blumenbeeten auf dem Balkon und mauert sich in ihrer Wohnung ein. In den nächsten 30 Jahren wird sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen.

 

„Ich habe Angst vor dem, was hinter den Fenstern ist, vor der Luft, die in Schüben hineinweht, und vor den Geräuschen, die sie mit sich bringt.“ (S.32)

Ludo kommt mit ihrem Leben in ihrem selbstgewählten Exil gut zurecht. Sie pflanzt Lebensmittel auf ihrem Balkon an und jagt Tauben. Als der Hunger zu groß wird, versucht sie „Che Guevara“ zu töten – einen Affen, der sie zwischendurch auf ihrem Balkon besucht. Irgendwann wird ihr der Strom abgedreht und so bekommt sie gar nicht mehr mit, was in Angola und der Welt passiert. Stattdessen beginnt sie ihr Leben und ihre Gedanken an die Wände ihrer Wohnung zu schreiben.

„Mir wird bewusst, dass ich meine Wohnung zu einem riesigen Buch gemacht habe. Wenn die Bibliothek verbrannt sein wird, wenn ich gestorben sein werde, wird nur noch meine Stimme da sein.“ (S.219)

Der Erzählstil von Agualusa ist schnörkellos und direkt. Die Überschriften der Erzählungen hingegen wirken poetisch: „Wiegenlied für einen kleinen Tod“, „Über die Abschürfungen der Vernunft“, „Die Substanz der Angst“. In Briefen, Tagebucheinträgen, und Haikus wird die Situation von Ludo beschrieben – einer Frau, die in einer selbstgewählten Isolation lebt, aus der sie sich viele Jahre lang nicht befreien will. Sie beschreibt ihr Leben wie das Dasein einer Auster, vielleicht praktiziert sie auch die Tätigkeit des „austerns“ – in ihrem Haiku heben sich diese Unterschiede zwischen Dasein und Tätigkeit auf. Ihr Leben findet im Verborgenen statt. Sie ist nicht nur ins Innere geflüchtet – ihr Rückzugsort ist auch ein Schutzraum vor der Welt da draußen. Und droht auch zum selbstgewählten Gefängnis zu werden.  

 

„ich auster in gedanken

verschlossen mit perlen

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.

.

am abgrund scherben“ (S. 70)

Neben Ludos Schicksal werden auch die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Angola thematisiert, die Folgen von Kolonialismus und Bürgerkrieg, ohne dass die Exkurse aufgesetzt oder angestrengt wirken. Die Folgen der Revolution werden auch Ludo nur in kleinen Schnipseln zugänglich. Hier hört sie einen Radiobeitrag, da wird sie Zeuge einer Schießerei, die sich auf der Straße abspielt. Auch internationale Ereignisse erreichen Ludo durch den Filter des Radios: Mao Tse-Tung stirbt (1976), im Flughafen von Entebbe beenden israelische Streitkräfte eine Flugzeugentführung (1977) und es wird klar, in welcher Situation sich Angola eigentlich befindet. Denn auch andere Figuren des Romans hören im Radio über „das allmähliche Vorrücken der Regierungstruppen, unterstützt durch Kubaner, gegen die notdürftige, brüchige Allianz aus UNITA, FNLA, der südafrikanischen Armee und portugiesischen, englischen und nordamerikanischen Söldnern“ (S.49).  

Außerdem werden verschiedene gesellschaftliche Diskurse, die auch über die Geschichte Angolas hinausreichen, angerissen. Es geht um den Glauben an Hexerei, Diskussionen über „Negritude“ und was diese Diskussionen in den 1970er Jahren bedeuteten. Gleichzeitig werden Popsongs brasilianischer Künstler wie Chico Buarque oder Elza Soares als Referenzen in die angolanischen Diskurse eingebunden.

Besonders interessant war die Szene in Ludos Bibliothek, die sie nach und nach dem Feuer opfert, denn ihre Heizung wird abgestellt. Das Parkett hat sie schon herausgerissen und verbrannt, irgendwann muss auch die Literatur dran glauben. Sie verbrennt Drei traurige Tiger, einen Roman des Castrokritikers und Regimegegners Guillermo Cabrera Infante, aber auch Romane von Jorge Amado, einem der bedeutendsten lateinamerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, wirft sie ins Feuer. Kein Wunder, dass auch Ulysses verfeuert wird.

Neben Ludo spielen auch viele andere Figuren eine Rolle.  Es geht um ein Päckchen Diamanten, die Brieftaube Amor (die Liebe ist ein zentraler Bestandteil der Geschichte), einen Söldner, der davon läuft, einige Schafhirten, einen Straßenjungen, einen ehemaligen linken Revolutionär, der sich mit vielen kleinen Geschäften über Wasser hält und einen ehemaligen Agenten, der Privatdetektiv geworden ist. Alle Figuren sind auf die ein oder andere Weise mit Ludos austerartigem Leben verbunden.

Unglaublich gekonnt und wendungsreich verbindet Agualusa die verschiedenen Erzählstränge. Erscheinen einige Episoden am Anfang noch relativ vage, werden sie einige Seiten später aus einer anderen Perspektive erneut erzählt und mit vielen bisher verborgenen Details angereichert. Zum Beispiel hört Ludo eine Rauferei auf der Straße und notiert dies in ihrem Tagebuch. Viele Seiten später werden die Verstrickungen der andere Protagonisten in die Ereignisse des 27. Mai 1977 deutlich. An diesem Tag versuchte die MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola) sich gegen die kommunistische Führung zu stellen, die Ereignisse endeten mit einem Massaker.

Mit dem ausführlichen historischen Hintergrund, der sich hinter den kleinen Schnipseln verbirgt, ist aber längst nicht alles gesagt. Ludovicas Hund, der sie in ihre Isolation begleitet, heißt Fantasma. Ludo gibt sich auch in ihrer Isolation einem Trugbild des echten Lebens hin (dass sie, soviel sei verraten, übrigens nicht bis zum Ende aufrecht halten kann), und dem Roman ist ebenfalls ein spielerischer Authentizitätsbeweis vorangestellt, in dem der Erzähler behauptet, Ludovica Fernandes sei eine reale Person. Es ist ziemlich verführerisch, den Erzähler hier schon mit dem Autor gleichzusetzen. Auf den folgenden Seiten würde er sich allein der Schriften von Ludovica bedienen, heißt es in den Vorbemerkungen: „Doch ist das, was Sie lesen werde, Fiktion. Reine Fiktion.“ (S.7) Und diese Fiktion hat mich sehr begeistert.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Feiner reiner Buchstoff

AstroLibrium

Literaturreich

Ein Interview mit dem Autor findet ihr hier

José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler.  C.H. Beck 2017.

 

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

Alles, was ich nicht erinnere

Alles was ich nicht erinnere von Jonas Hassen KhemiriSamuel ist bei einem Autounfall gestorben. Mit Vollgas soll er den alten Opel seiner Oma vor einen Baum gesetzt haben, mitten im Zentrum von Stockholm. War es wirklich ein Unfall oder hat er sich das Leben genommen? Zurück bleiben viele offene Fragen und Geschichten von Menschen, die glauben, Samuel gekannt zu haben. Ein Roman über Freundschaft, Liebe, Identität und Migration.

Alles, was ich nicht erinnere ist ein Roman, in dem vieles zunächst angedeutet bleibt. Ein Schriftsteller, dessen genaue Beziehung zu Samuel lange im Dunkeln bleibt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Freunde des Verstorbenen zu besuchen und sie über Samuel und die letzten Tage seines Lebens zu befragen. Die „Interviews“ bilden die einzelnen Kapitel des Romans, ansonsten bleibt der Schriftsteller im Hintergrund.

Der Nachbar gibt mir die Hand und wünscht mir Glück bei dem Vorhaben, Samuels letzten Tag zu rekonstruieren. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann halten Sie es schlicht. Einfach erzählen, was passiert ist – von vorne bis hinten. Ich habe Auszüge aus Ihren anderen Büchern gelesen, und da hat man ein bisschen das Gefühl, dass Sie es sich unnötig schwer gemacht haben. (S.22)

Aber so einfach ist das gar nicht. Denn über den genauen Ablauf der Ereignisse und die Gründe für den Unfall (?) besteht keinesfalls Einigkeit. Es gibt vier Menschen, die in Samuels Leben eine entscheidende Rolle gespielt haben. Seine Oma, sein bester Freund Vandad, seine Freundin Laide und die Pantherin, eine Künstlerin, die in Berlin lebt. Jede:r der Freunde hat eine andere Version der Ereignisse. Genau wie der Pfleger aus dem Altenheim, Samuels Mutter oder der Nachbar. Manche sagen, Samuel sei depressiv gewesen und hätte alles schon lange geplant. Andere behaupten, es war wirklich nur ein Unfall. Manche geben seiner Freundin Laide die Schuld und andere wiederum behaupten, Vandad, ein Schrank von einem Mann, habe Samuel in zwielichtige Geschäfte verwickelt.

In wechselnden Abschnitten kommen die vielen Stimmen zu Samuels Leben zu Wort, dabei liegt der Fokus eindeutig auf Vandad und Laide, die sich nicht besonders gut leiden konnten. Laide hat lange in Paris gelebt, ist sehr idealistisch veranlagt, demonstriert gerne und setzt sich in ihrer Freizeit für geflüchtete Frauen ein. Samuel arbeitet zwar im Amt für Migration, aber bevor er Laide kannte, ging sein Engagement nicht über seinen Job hinaus. Doch das sollte sich bald ändern. Vandad hingegen schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, geht ins Fitnessstudio und hängt der gemeinsamen Schulzeit mit Samuel nach, die für ihn das Fundament der Freundschaft bildet, die sich über die Jahre verfestigt hat. Häufig sitzt er vor dem PC, verdient sich sein Geld als Umzugshelfer oder schreibt wenig erfolgreich Bewerbungen. Visionen für seine Zukunft hat er nicht, das Zusammenleben mit Samuel reicht ihm völlig aus.  Laide hingegen kann Vandad und seinem „in-den-Tag-hinein-leben“ gar nichts abgewinnen, sie überzeugt Samuel davon, dass Vandad mehr zur Miete beitragen soll. Und damit und mit dem Haus von Samuels Oma und  Samuels spontan aufwallenden Verantwortungsgefühl gegenüber Menschen in Not, fangen die Verstrickungen an.

Kann man einen Menschen wirklich so gut kennen, dass man alle seine Facetten wahrnehmen kann? Oder konstruieren wir uns unsere Freunde und Menschen, die wir lieben, so dass sie zu uns passen? Und wer ist nun eigentlich verantwortlich für Samuels Tod und die Entwicklung der Ereignisse? Gibt es überhaupt einen Verantwortlichen? Gerade Vandad und Laide sind Figuren, die durch stark abweichende Fremd- und Selbstwahrnehmung unglaublich vielschichtig erscheinen und deren Motive gar nicht so leicht zu ergründen sind. Denn jede:r der Beteiligten behauptet für sich, die Wahrheit zu kennen. Gemeinsam ist den Protagonist_innen allein, dass ein Elternteil aus dem arabischsprachigen Raum kommt und sie gerade auch deshalb in der schwedischen Gesellschaft  nicht ganz Zuhause sind. Tatsächlich behaupten beide, Vandad und Laide, dass sie das Wichtigste in Samuels Leben waren. Oder Samuel in ihrem. Doch so einfach ist es eben nicht. Wer war Samuel eigentlich?

Die Ereignisse werden nicht chronologisch erzählt, immer wieder verfolgt man kleine Spuren. Anfänglich hatte ich einige Schwierigkeiten mit dem Roman.  Zu chaotisch erschienen mir die wechselnden Erzählstimmen und zu Durcheinander die Handlung. Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe. Es ist faszinierend zu erfahren, wie sich die anfänglich noch zerfaserten Ereignisse bald zu einem stimmigen und überzeugenden Ganzen zu fügen. Denn je länger ich mich mit Samuel und allen Details, an die sich jede:r einzelne ganz unterschiedlich oder auch gar nicht mehr erinnern kann, beschäftigt habe, desto spannender und intensiver wurde der Roman. Kein Wunder, dass eine Songtextzeile „Oh na,na, na, what’s my name?“ aus dem gleichnamigen Song von Rihanna dem Roman als Motte vorangestellt ist. Die verstorbene Hauptfigur des Romans hieß Samuel. Aber für seine Freunde hatte dieser Name ganz unterschiedliche Bedeutungen.  Große Leseempfehlung.

Jonas Hassen Khemiri – Alles, was ich nicht erinnere. DVA 2017.

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