[Rezension] Ein unterbrochenes Leben – Seelensprung

„Die Leute fragen, wie bist du da reingekommen? Was sie eigentlich wissen wollen, ist, ob sie möglicherweise auch drin landen werden. Die eigentliche Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann nur sagen: Es ist leicht.“ (S.9)

Was bedeutet Verrückt-sein eigentlich? Wer macht den Cut zwischen normal und nicht-normal? Und was bedeutet die Diagnose mit einer psychischen Erkrankung für minderjährige Frauen in den 1960er Jahren in den USA? In Seelensprung. Mein Leben in zwei Welten beschreibt Susanna Kaysen die Erfahrungen, die sie während ihres Aufenthalts auf der geschlossenen Station der Psychiatrie machte. Und die eigene Wahrnehmung von dem, was die Lesenden  anfänglich noch als verrückt bezeichnen, wird auf eine harte Probe gestellt.

Kaysen fühlte sich nicht wohl, depressiv – sie sucht Hilfe bei einem Psychiater, der sie sofort in die Psychiatrie überweist. Nach einem einstündigen Diagnosegespräch. Diagnosen werden nicht hinterfragt, wenn man einmal drin ist, ist man drin. Kaysen bleibt zwei Jahre. In einem Ausschnitt ihrer Einweisungsakte wird festgehalten: „promiskuitiv, könnte sich umbringen oder schwanger werden“ (S.13), Kriterien die anscheinend 1969 genauso ausschlaggebend sind, wie eine ernsthafte Depression. Klare Linien gibt es nicht, die Einweisung scheint aus reiner Willkür zu erfolgen, zu nichtssagend sind die Kriterien. Ihre Promiskuität wird an der Affäre mit einem Lehrer festgemacht – ihm passiert nichts, Susanna hingegen wird eingewiesen und schildert in kurzen zwei- oder dreiseitigen Essays ihre Erfahrungen. Und die sind mehr als verstörend. Die Frauen werden abgeschoben, Therapien gibt es, doch die meiste Zeit werden mehr oder weniger verwahrt. Lisas Psychiater macht in ihrer Therapiestunde gerne ein Nickerchen. Beschweren zwecklos. Was gegen Depression helfen sollte und heutzutage nur noch an Folterungen erinnert, ist die Behandlung mit Elektroschocks. Eine Methode übrigens, deren Auswirkungen auch eindringlich in Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig beschrieben wird. Für Susanna sieht das dann so aus:

„Wir sahen vieles mit an. Wir sahen mit an, wie Cynthia einmal in der Woche weinend von den Elektroschocks zurückkam. Wir sahen mit an, wie Polly zitterte, wenn sie in eiskalte Laken eingepackt gewesen war.“ (S.30)

Eine Revision der Diagnose findet nicht statt. Und die Eltern glauben den Ärzten eher als ihrer Tochter. Kaysen nimmt es mit Galgenhumor:

„Unsere Klinik war berühmt und hatte viele große Dichter und Sänger beherbergt. […] Sylvia Plath war gekommen und gegangen. Was haben Metrum, Sprachmelodie und Rhythmus an sich, daß ihre Schöpfer davon wahnsinnig werden?“ (S.67)

Klar, Plath kam raus – und nahm sich das Leben. Susanna versucht drinnen auszuhalten, macht sich Gedanken über die unterschiedlichen Zugänge der Psycholog_innen und Psychiater_innen. Wird ihr Gehirn behandelt oder ihre Seele? Am nächsten sind ihr noch die Schwesternschülerinnen, nicht nur weil sie im selben Alter sind. Auf ihnen lastet auch – genau wie auf allen Patientinnen – derselbe gesellschaftliche Druck:

„Wir fragten sie, welche Filme sie gesehen hatten und wie sie ihre Examen bestanden hatten und wann sie heiraten wollten (die meisten trugen bedauernswert schmale Verlobungsringe). Sie erzählten uns alles – daß der Freund darauf bestand, daß sie es vor der Hochzeit ,machten‘, daß die Mutter trank, daß die Noten schlecht waren und daß das Stipendium nicht verlängert wurde. Wir gaben ihnen gute Ratschläge „Nehmt ein Kondom“, „Ruf die Anonymen Alkoholiker an“, „Arbeite das restliche Semester hart und verbessere deine Noten“. Später berichteten sie uns dann: „Ihr hattet Recht, vielen Dank.“ (S.123)

Zum Glück bekommt Susanna einen Heiratsantrag – und darf ohne Probleme die Klinik verlassen, denn „einen Heiratsantrag verstand 1968 jeder“ (176). Nicht nur hier musste ich bei den Beschreibungen mehrmals schlucken. Heirat = Heilung? Ja dann ist ja alles klar, Hauptsache nicht unehelich schwanger. Zum Glück greift die Autorin am Ende noch einmal diese merkwürdigen Vorgehensweisen sehr reflektiert auf. Und berichtet auch, dass sie eigentlich nie genau von ihrer psychischen Verfassung in der Klinik erzählt hat. Nie. Und trotzdem war sie zwei Jahre ihres Lebens einfach gesellschaftlich nicht mehr vorhanden. Foucault würde sagen, es ist der Diskurs, der hier das nicht-normale festschreibt, ein Diskurs der Psychiatrie der zumindest zu diesem Zeitpunkt noch von offenem Sexismus geprägt war. Und merkwürdigen Kriterien der Diagnosefindung sind offensichtlich, wenn Kaysen schreibt:

„Der Klinikbelegung nach zu urteilen, wurden viele Störungen bei Frauen häufiger diagnostiziert, z.B. auch ,zanghafte Promiskuität‘. Was glauben Sie, wie viele Mädchen ein siebzehnjähriger Junge bumsen muß, um sich das Etikett ,zwanghaft promiskuitiv‘ einzuhandeln? Drei? Nein, das reicht nicht. Sechs? Unwahrscheinlich. Zehn? Das klingt wahrscheinlicher. Wahrscheinlich irgendetwas zwischen 15 und 20, würde ich schätzen – wenn sie dieses Etikett jemals für Jungen verwende, woran ich mich nicht erinnere. Und wie viele Jungen braucht ein siebzehnjähriges Mädchen?“

Der Roman von Kaysen, der mich sehr beeindruckt und gleichzeitig auch sehr wütend gemacht hat, war die Vorlage für den Film Girl, Interupted. Eine Referenz auf ein Gemälde Vermeers, das Susanna fasziniert hat, es heißt „Die unterbrochene Musikstunde“, unterbrochen, wie ihr Leben. Dabei sind ihre Erzählungen nicht immer nur Ansammlungen von Schrecklichkeiten, sie sind auch witzig geschrieben und verlieren nie einen selbstironischen Touch und bleiben doch bemerkenswertes Zeugnis für ein System der Unfreiheit. Sehr bemerkenswert, wenn man sich den realen Hintergrund dieses ganzen Dramas genauer überlegt.

1999 verfilmte James Mangold Kaysens Erinnerungen, in den Hauptrollen Winona Ryder und Angeline Jolie. Vielleicht muss ich den Film noch einmal ansehen, aber ich bin ganz sicher, dass in diesem Fall der Roman weitaus mehr Denkanstöße geboten hat, als die auch gelungene Verfilmung.

Susanna Kaysen: Seelensprung. Ein Leben in zwei Welten (Original: Girl, Interrupted).

Übersetzt von Sabine Schulte.  btb (2011). 224 Seiten.

ISBN: 9783442742370

[Rezension] Seelen im Fegefeuer – Zärtlich ist die Nacht

„Es war so leicht geliebt zu werden, so schwer, zu lieben.“

Dick und Nicole Diver sind das kultivierte, amerikanische Vorzeigeehepaar schlechthin. Zu ihren Sommeraufenthalten an der französischen Riviera gesellen sich nicht nur unterschiedliche amerikanische Künstler_innen, sondern auch unterschiedlichste Exzentriker_innen jeglicher Couleur, die Dick und Nicole umschwirren wie Motten das Licht. Auch die siebzehnjährige Rosemary, eine aufstrebende Filmschauspielerin, befindet sich mit ihrer Mutter im Hotel und genießt den Strand. Auffällig oft sucht sie die Nähe zu Dick und hat sich in den Kopf gesetzt, den charmanten Arzt und Psychiater zu verführen. Dick soll ihre erste große Liebe werden, gut, er hat Frau und Kinder, aber das ist für Rosemary nicht weiter störend. Rosemarys Mutter findet den Plan untadelig, bewundert sie doch wie alle anderen auch, das kultivierte Ehepaar, das gerne mit „Dicole“ unterschreibt. Warum sollte man sich nicht im Licht der Divers sonnen, sie haben doch so viel davon. Rosemary wird in den Kreis der Erlauchten um das Ehepaar aufgenommen und Dick ist einer Liaison mit Rosemary nicht abgeneigt, kann sich aber noch zurückhalten: „Das kann ich Nicole nicht antun“. Rosemary und Nicole werden beste Freundinnen, unabhängig davon, bleibt Rosemarys Mission bestehen, da sie schon seit geraumer Zeit merkt, dass bei den Divers nicht alles so rund läuft wie gedacht. Zudem hat eine Freundin der Divers auf einer Party etwas merkwürdiges beobachtet – irgendein mysteriöses Geschehen im Badezimmer, in das Nicole verwickelt war. Doch welches Geheimnis verbergen die Divers und was hat sie eigentlich gesehen?

Der Roman ist in drei Bücher aufgeteilt und die kurz skizzierte Handlung findet allein im ersten Buch statt. Buch zwei und drei lassen die bisher erzählte Geschichte in einem völlig anderen Licht erscheinen – nahezu alle beschriebenen Figuren gewinnen einen doppelten Boden. Nichts ist so, wie wir als Lesende angenommen haben. Wer glaubt, es handele sich um eine simple Dreiecksgeschichte, in der Ehebruch im Vordergrund steht, irrt sich. Steht in Buch zwei die zarte Konstitution von Nicole im Focus, wendet sich Buch drei Dick Diver zu.

„Es ist eine ebenso einfache, wie geistreiche Grundidee des Romans, dass der Zeremonienmeister der oberen Zehntausend ein Psychiater ist“, schreibt Heinrich Detering im Aufsatz Amor und Psyche, der der Diogenes-Ausgabe des Romans beigefügt ist.

Fitzgerald streut uns immer wieder Hinweise ein, die auf die Geschehnisse in den letzten Büchern hindeuten, die aber so leicht zu überlesen sind. Dicks Erfolgsbuch heißt Psychologie für Psychiater und deutet damit schon eine Entwicklung an, die sich innerhalb des letzten Buches vollzieht. Kleiner Hinweis: Dicks letzter Patient, der in seiner Klinik vorgestellt wird, ist ein Psychiater, der einen Nervenzusammenbruch hatte.

Doppelbödigkeit ist das Stichwort des Romans. Keine Metapher ist bedeutungslos, alles wird wieder aufgegriffen. Rosemarys Hauptrolle in „Daddy’s Girl“ verweist auf das Schicksal von Nicole und damit wiederum auf Dick, der im Scherz sagt, er stehe auf fünfjährige Mädchen. Wenn Rosemary in den Gestalten im Dämmerlicht des Aufnahmestudios ihrer neuen Produktion „Seelen im Fegefeuer“ erkennt, ist das fast unauffällig. Aber wenn Dick betrunken auf einer Party von einem „Totentanz“ spricht, in dem sich metaphorisch alle die Hand reichen, und die Band dazu das Lied “ a young lady from hell“ spielt, und ganz am Ende die erfolgreiche Rosemary an den Strand zurückkehrt und Nicole und Dick „wie Gespenster in einem bizarren Tanz“ sieht, dann wird eine unterschwellige Düsternis und Ausweglosigkeit beschrieben, die symptomatisch für den gesamten Roman zu sein scheint.  Auch die nächste Generation scheint vor den psychischen Schädigungen ihrer Eltern nicht gefeit, Dick ist stolz auf seine zwei Kinder, die früh gelernt haben, „nicht ungehemmt zu weinen oder zu lachen“, auch „schlechtes Benehmen sah er ihnen nicht nach“. Doch es gibt Hoffnung, zumindest für die Frauen – Nicole verliebt sich neu und scheint ihr Trauma überwunden zu haben – mit Dick zusammen summt sie den Jazzhit „Thank y’father“ und das ganz ohne ironische Brechung. Und am Ende treffen sich alle wieder am Strand. Doch von hier aus, sieht man zurück an den Anfang, war die Abwärtsspirale bereits gesetzt: „Mit der Ankunft der Divers fiel die Dämmerung ins Tal.“

F.Scott Fitzgerald hat fünf Romane geschrieben, an keinem hat er so lange und so intensiv gearbeitet, wie an Zärtlich ist die Nacht, das nach einem schreiblichen Kraftakt von neun Jahren erschienen ist. Hemingway lobte den Roman als komplexestes und reifstes Werk von Fitzgerald und bezeichnete Zärtlich ist die Nacht als Hauptwerk der amerikanischen Moderne. Das wurde nicht von vielen Kritiker_innen geteilt. Tatsächlich ist kaum klar, worauf die Handlung im ersten Buch hinausläuft. Immer wieder werden die oberen Zehntausend in ihrer Oberflächlichkeit präsentiert, doch wenn man genau hinsieht, deuten sich die Risse und Zerwürfnisse, die in den folgenden Büchern ausgeführt werden, bereits an. Dabei wechselt Fitzgerald inspiriert die Perspektiven, so dass fast jede Figur von innen und von außen betrachtet wird. Das macht den Roman so spannend und faszinierend zu lesen. Vielleicht sogar noch ein zweites Mal.

Fitzgerald, der Zärtlich ist die Nacht 1934 ist allerdings keine unproblematische Person. Der Roman ist autobiographisch inspiriert, Scotts Frau Zelda Fitzgerald litt an dem, was man heute Manische Depression nennt, und es ist zu vermuten, dass ihre Klinikaufenthalte mit Eingang in die Erzählung nahmen, sie wahrscheinlich sogar Inspiration für die Figur Nicole war. Zelda schrieb selbst Romane, z.B. Save me the Waltz (1932), doch viele ihrer Kurzgeschichten wurden aus finanziellen Gründen unter dem Namen ihres Ehemannes veröffentlicht. Einen bitteren Nachgeschmack bekommt die Geschichte nicht nur aufgrund der finanziellen Ungerechtigkeit, sondern auch, weil Zelda bemerkte, dass einige ihrer Tagebucheinträge zum Teil wortwörtlich in Fitzgeralds Werken auftauchten:

Es kommt mir so vor, als ob ich auf einer Seite einen Abschnitt aus einem meiner alten Tagebücher wiedererkannt hätte, welches mysteriöserweise kurz nach meiner Eheschließung verschwand, und auch Bruchstücke aus Briefen, die mir, obschon beachtlich abgeändert, vage bekannt vorkommen. In der Tat scheint Herr Fitzgerald – Ich glaube, so schreibt er sich – der Überzeugung zu sein, dass Plagiat daheim zu beginnen habe.

Obwohl Zelda versuchte, sich durch Schriftstellerei, Malerei und durch das Ballett künstlerisch auszudrücken – eine Freundin hatte ihr sogar ein Engagement bei der Pariser Oper besorgt – wurden diese Versuche von Scott Fitzgerald nicht unterstützt, sogar unterdrückt. Zelda hatte einfach zu oft ihre Probleme mit Hemingway thematisiert, der ihrer Meinung nach ihren Mann zum Trinken verführte, das kam bei Fitzgerald nicht gut an, der ein massives Alkoholproblem hatte. In Folge der Auseinandersetzungen mit ihrem Mann erlitt sie 1930 ihren ersten Nervenzusammenbruch. Sie starb mit nur 47 Jahren bei einem Brand im Highland Mental Hospital in Carolina.

Ein letzter Hinweis an zukünftige Leser_innen: wenn ihr den Roman lesen wollt, lest unbedingt die Fassung von 1934. Nachdem Zärtlich ist die Nacht kein Erfolg bei der Kritik wurde, schrieb Fitzgerald schnell eine zweite Variante, die leserfreundlicher sein sollte. Aus dem Dreiteiler wurde ein Fünfteiler, die Rätsel, die in Buch eins aufgemacht wurden, werden schon am Anfang gelöst. In Amerika blieb die Fassung bis in die 1960er erhalten, in Deutschland ist sie zum Teil heute noch zu finden. Hemingway schrieb damals über die Änderung:

„Es ist als hätte man einem Schmetterling die Flügel ausgerissen und sie so wieder angesetzt, dass er wie eine Biene geradeaus fliegen kann. All der Staub aber, aus dem die Farben sind – die Magie des Schmetterlings – ist verloren.“

F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. Diogenes (2007). 560 Seiten. ISBN: 978-3-257-23695-8

[Rezension] Alice Sebold – In meinem Himmel

Ein Buch für die Rory-Gilmore-Challenge, ein Buch von meinem SUB (Yeah!) und wieder eines dieser Bücher, bei dem ich den Film schon im Vorfeld gesehen habe. Spannend eigentlich, denn gerade hier dachte ich, dass man diesen Roman wohl nur schwer verfilmen könnte. Es ging trotzdem und entspricht so viel mehr der Buchvorlage, als ich gedacht hatte. Doch worum geht es?

Die vierzehnjährige Susie Salmon ist ein ganz normaler Teenager. Mit ihren Eltern und den Geschwistern lebt sie in einem typischen Kleinstadtnest in Pennsylvania und die Idylle ist perfekt. Doch der Schein trügt. Im Dezember 1973 kommt Susie nicht nach Hause. Was die Eltern nicht wissen: der unscheinbare Nachbar lockte das Mädchen in eine von ihm konstruierte Erdhöhle, um Susie zu v*rg*w*ltigen und anschließend umzubringen. Obwohl ihre Leiche nicht gefunden wird, ahnt die Polizei, dass es sich um ein Verbrechen handelt, spätestens als ihr Ellenbogenknochen gefunden wird, ist nicht mehr davon auszugehen, dass Susie noch lebt. Ihre Eltern und Geschwister müssen sich damit auseinandersetzen, dass Susie nie mehr zurück kommen wird und dass ihr Mörder nie gefunden wird. Obwohl Susies Vater den Nachbarn im Verdacht hat.

Susie befindet sich währenddessen in „ihrem Himmel“, einer Art Zwischenwelt, die sie betritt, so lange sie sich noch nicht von ihrem irdischen Leben lösen kann. Hier beobachtet sie ihre Familie aufs Genaueste, fühlt mit, wie ihre Mutter an ihrem Tod zu zerbrechen droht, wie ihr Vater immer besessener den Nachbarn verfolgt, ihre Schwester nicht mehr wahrgenommen wird und ihr kleiner Bruder beginnt sie zu vergessen – allerdings kann sie sich ihm noch als Geist zeigen. Genau wie ihren Freunden Ruth und Ray, die auf ihre ganz eigene Art mit Susies Tod und Susies Geistsein umgehen.

Susie beobachtet auch ihren Mörder und versucht von ihrem Himmel aus, den sie ganz nach ihrer Fantasie gestalten kann, den Freunden und Geschwistern Zeichen zu geben. Doch irgendwann muss auch Susie erkennen, dass sie lernen muss, ihr altes Leben loszulassen.

„In meinem Himmel“ ist ein berührendes Buch. Stellenweise einfach nur schrecklich und kaum auszuhalten und dann wiederum so rührend und zärtlich. Es geht nicht darum, ein Verbrechen zu lösen, denn der Täter ist schon längst bekannt. Es geht um etwas anderes. Die Salmons gehen auf unterschiedlichste Weise mit Susies Tod um und der Roman zeigt, dass es keinen richtigen oder falschen Umgang mit Trauer gibt. Sei es die Großmutter, die trinkt, die Schwester, die sich zurückzieht oder der kleine Bruder, der beginnt Schlagzeug zu spielen, so laut er kann. Versöhnlich wird die Geschichte dadurch, dass Susie sich an einem sicheren Ort befindet und trotzdem muss gerade sie sich mit loslassen, mit Trauer, mit Abschied vom Leben beschäftigen. Keine leichte Lektüre und trotzdem hoch spannend, da Susie ihrem Mörder durch ihre Himmelsperspektive so viel näher kommt, als er ihr jemals gewesen ist oder sein konnte. Sie kann ihn verfolgen, sie kann sich in seine Gedanken schleichen. Durch ihre Position im Himmel ist sie sehr mächtig geworden und das rettet meiner Meinung nach die traurige Situation, das macht sie zu derjenigen, die agiert, die Kontakt zu ihren Freunden aufnehmen kann, die nicht aufgibt. Obwohl sie tot ist. Eine paradoxe Situation, diese Stärke nach dem Tod. Aber innerhalb der Handlung für mich absolut stimmig. Ein ergreifendes Buch, das nicht nur spannend ist, sondern auch viele berührende Momente offenbart und das sich in jedem Fall lohnt zu lesen.

Alice Sebold: In meinem Himmel (The Lovely Bones). Aus dem Amerikanischen von Almuth Carsten. Goldmann-Verlag, München 2003.

380 Seiten

ISBN-10: 3-442-47005-6

Und hier gibt es auch noch den Trailer des Spielfilms, der 2010 in den deutschen Kinos anlief.

[Rezension] Margaret Atwood – Oryx und Crake

oryx_und_crake-9783833301391_lKlappentext: Oryx und Crake entwirft eine dystopische Welt in einer möglicherweise nicht allzu fernen Zukunft: eine Welt der Umweltkatastrophen und des Klimawandels, der Sturmfluten und Epidemien, in der sich die wenigen Reichen in streng gesicherten Wohnkomplexen von den verarmten Massen abschotten. Doch inmitten dieser sterbenden, chaotischen Gesellschaft entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen der rätselhaften Oryx und dem Genforscher Crake, dessen Experimente jedoch zunehmend außer Kontrolle geraten …

Worum geht es?

Schon die Einleitung des Romans spricht Bände. Zitiert wird aus Swifts Gullivers Reisen und zwar der Satz, mit dem Gulliver sein Tagebuch begründet. Er hätte zwar außerordentliche Berichte verfassen können, doch darum sei es ihm nicht gegangen, stattdessen wolle er in „einfachstem Stil“ seiner vornehmsten Absicht nachkommen: nicht zu unterhalten, sondern zu unterrichten. Und darum geht es hier sicherlich auch. Aus der Retrospektive wird der Untergang der Menschheit anhand des Protagonisten Jimmy entwickelt, der sich mittlerweile allerdings nur noch Schneemensch nennt. Schneemensch lebt in einer Welt, in der es keine Zivilisation mehr gibt. Die Menschheit ist ausgelöscht, lange Zeit vermutet er der letzte seiner Art zu sein. Sein Überlebenskampf ist einsam und verlassen, er muss mutierte Wesen (Hunölfe, eine Kreuzung aus Hund und Wolf) abwehren, genauso wie die wildernden „Organschweine“, ist ständig auf der Suche nach Nahrungsmitteln und hat nur Kontakt zu merkwürdigen Wesen, die „Craker“ heißen. Die Craker, einfache, simple Wesen, die nicht zu Gewalt neigen, aber auch zu keiner hohen intellektuellen Leistung fähig sind, behandeln Jimmy aka Schneemensch als Auserwählten. Er soll ihnen, prophetengleich, Nachrichten von Crake, ihrem Schöpfer bringen und von Oryx, seiner Geliebten. Doch beide sind tot und Schneemensch weiß nicht mehr, wie er in einer menschenleeren Welt überleben soll, zudem flüstert ihm immer wieder die Stimme von Oryx Satzfetzen ins Ohr. Schneemensch beginnt den Verstand zu verlieren, da er sich selbst für diese apokalyptische Situation verantwortlich sieht …

In der Retrospektive erfährt der Leser, wie Jimmy Crake kennen lernte. Erst war Crake der Neue in der Klasse, dann wurden sie Freunde und hielten auch während der Unizeit Kontakt. Jimmy hatte sich für die Kunstakademie „Martha Graham“ entschieden, ein trostloser Bau, in dem alles Mögliche unterrichtet wird. Jimmy, als Wortmensch, belegt das Fach „Problematiken“. Und viele dieser angehenden veganen Künsterler_innen hatten selbst einen Haufen davon angesammelt. Auch Jimmy ist nicht der einfachste Mensch. Seitdem seine Mutter verschwand als er ein Kind war, ist er emotional instabil. Seine Mutter, die selbst Wissenschaftlerin war und ihren Ehemann verließ, da sie seine Projekte im hermetisch abgeriegelten Örtchen für die Reichen verantwortungslos fand, ist Jimmys Achillesferse. Crake hingegen ist längst erfolgreich im System. Er kontrolliert ultrageheime Riesenprojekte und lässt sich auch dazu herab, seinen alten Freund Jimmy einmal zu sich einzuladen und ihm einen Job zu verschaffen. Er präsentiert ihm die „Craker“ und Oryx, die sich um die Wesen kümmert. Oryx, die Frau, die Crake liebt, die aber auch von Jimmy geliebt wird und die den beiden als erstes vor Jahren als Jugendliche begegnete …

Das sage ich…

Der Roman entfaltet eine unglaubliche Sogkraft und ich hoffe, dass ich durch meine Beschreibung nicht zu viel verraten habe. Nur soviel: der Klappentext ist für mich keinesfalls stimmig, ich hatte ganz andere Erwartungen an den Text und bin entsprechend überrascht worden. Der Roman ist sehr dicht geschrieben und anfänglich hatte ich nur Fragezeichen im Kopf. Doch nach und nach beginnen sich die Leerstellen zu füllen und allmählich entfalten sich die Verbindungen der Protagonist_innen untereinander, so dass Crake wahnwitziges Projekt in seiner Absurdität und seinem Schrecken immer deutlicher wird. Besonders gefallen hat mir, dass für fast alle anfänglichen Unklarheiten im Verlauf von Schneemenschs Suche Erklärungen gegeben werden und viele dystopische Entwicklungen gar nicht so weit hergeholt erscheinen. Die Arroganz der Naturwissenschaftler gegenüber den Geistes-oder Literaturwissenschaftlern, den Wortmenschen, ist dabei nur ein Phänomen, das ich auch aus meinem persönlichen Umfeld kenne, das Crake allerdings auf die Spitze treibt.

So meint Crake, dass man sich einen Haufen Liebesqualen ersparen können, wenn „die Sache“ (also Liebe, Sex etc.) hormonell zyklisch und unvermeidbar angelegt wäre wie im Tierreich: es gäbe keinen unfairen Wettbewerb mehr und alle wären zufrieden. Jimmy entgegnet ihm, dass die Menschen dann „Hormonroboter“wären und dass die Unvereinbarkeit der Menschen miteinander immer ein Motor für den künstlerischen Ausdruck gewesen sei. Crake meint hingegen, Kunst sei für den Künstler immer nur „ein Mittel, Sex zu kriegen“ und nichts anderes. Auf Jimmys Einwand, dass diese Analogie für Künstlerinnen nicht greife, entgegnet Crake lediglich: „Künstlerinnen sind biologisch verwirrt.“ Das spricht für sich, Crake ist alles andere als sympathisch, sondern tatsächlich ein machtbesessener Egozentriker, dessen analytisches Genie die Menschheit zerstören wird. Einen krasseren Abgesang auf Crakes fehlerhaftes Urteil kann es nicht geben.

Margaret Atwood, von der ich bisher nur „A Handmaid’s Tale“ kenne, da ich den Roman im Englischunterricht lesen musste, hat mit „Oryx und Crake“ eine spannende und unheimliche Dystopie geschrieben, in der Oryx, die wichtigste Frau des Geschehens, als ewige Projektionsfläche der Männerfantasien herhalten muss und nicht nur deshalb an Wedekinds „Lulu“ erinnert.

                                                                                                                  Sehr lesenswert!

Margret Atwood: Oryx und Crake. Übersetzt von Barbara Lüdemann. Berlin – Verlag. 380 Seiten.

ISBN: 978-3-8333-0963-2

Wer die Nachtigall stört

wer die nachtigall störtKlappentext: „Absolut genial“ (The New Yorker). Harper Lee beschwört den Zauber und die versponnene Poesie einer Kindheit im tiefen Süden der vereinigten Staaten. Die Geschwister Scout und Jem wachsen in einer Welt von Konflikten zu tolerant denkenden Menschen heran. Menschliche Güte und stiller Humor zeichnen diesen Roman aus, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde und die Herzen von Millionen Lesern im Sturm eroberte. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle wurde mit drei Oscars ausgezeichnet. „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Du hast Harper Lee gelesen“ (FAZ).

Worum geht es?

Der elfjärige Jem und die achtjährige Scout wachsen in den Südstaaten, in den 1930er Jahren, bei ihrem Vater Atticus auf. Atticus ist Anwalt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch diejenigen Klienten anzunehmen, deren Chancen nicht gerade rosig aussehen. Sein momentaner Fall ist Tom Robinson, ein Familienvater, der der V*rg*waltigung bezichtigt wird. Doch Tom ist nicht allein aufgrund der schwierigen Ausgangslage ein scheinbar hoffnungsloser Fall: er ist schwarz und niemand rechnet damit, dass die Jury einen Schwarzen, der ein weißes Mädchen v*rg*waltigt haben soll, freisprechen wird. Doch Atticus gibt nicht auf, er ist von Toms Unschuld überzeugt. Toms angebliches Opfer stammt aus einer höchst unseriösen Familie und wurde zudem, so hat es den Anschein, von ihrem Vater dazu gebracht, die Anschuldigungen zu erheben. Es folgt ein harte,r langandauernder Indizienprozess. Für Scout, aus deren Perspektive die Leser_innen das Geschehen erfahren, ist die Situation doppelt schwierig. Nicht nur in der Schule, auch in der Kleinstadt werden sie und ihr Bruder von Kindern und Erwachsenen beschimpft und dass nur, weil ihr Vater Tom tatsächlich (!) verteidigt und ihn nicht, wie angenommen, ins Messer laufen lässt. Wer einen Schwarzen verteidigt, begeht ein Sakrileg, so sieht es zumindest die weiße Mittelschicht und die heruntergekommene Familie des angeblichen Opfers. Die Situation wird immer bedrohlicher und Atticus muss sich und seine Kinder schützen …

In dieser konfliktreichen Situation erleben Scout, Jem und ihr gemeinsamer Freund Dill (Scouts „Verlobter“), allerdings auch viele unbeschwerte Tage. Am spannendsten ist für die Kinder der geheimnisvolle Nachbar Boo Radley. Boo soll vor Jahren von seinem erzkonservativ christlichen Vater eingesperrt worden sein und hat seitdem das Haus nie mehr verlassen. Sein Vater ist längst tot, stattdessen ist sein ältester Bruder eingezogen, der nun den Hausvorstand mimt, aber Boo bleibt verschwunden. Wie geheimnisvoll! Wie spannend – und welch eine Herausforderung für die drei Kinder. Sie beginnen Boo Nachrichten zu schreiben, wagen sich bis an die Haustür vor und flüchten dann doch, aber im Haus nebenan rührt sich wenig. Einmal glaubt Scout ein Lachen zu hören, aber mehr auch nicht. Bis sie eines Tages liebevolle Geschenke in einem Astloch finden, die nur von Boo stammen können, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben. Während Jem und Dill beginnen, sich „erwachsenen“ Dinge zuzuwenden, zum Beispiel dem Prozess um Robinson, immerhin wird Jem bald zwölf – ist Scout weiter fasziniert von Boo, der genau wie eine Nachtigall, nicht gestört werden darf …

Das sage ich … 

Ich habe den Roman für die „Rory-Gilmore“-Challenge gelesen und habe mich so gefreut, ihn entdeckt zu haben. Scout, Atticus und Jem sind wahnsinnig sympathische Charaktere. Besonders Atticus, dieser aufrichtige Anwalt, der für seine Kinder nicht nur Vater, sondern auch Freund und moralisches Vorbild ist, hat mir wahnsinnig gut gefallen. Atticus ist einer von den „Guten“, von denjenigen, die an das Gesetz glauben und die daran glauben, dass sich am Ende die Wahrheit durchsetzen wird. Mit dem weit verbreiteten Rassismus und den Anfeindungen durch seine Nachbar_innen und Bekannten hat er einfach nicht gerechnet, da so ein Verhalten für ihn nicht rational nachvollziehbar ist. Durch Scouts „naive“ Perspektive wird den Lesenden schnell klar, wie tief Rassismus in der Kleinstadt verwurzelt ist und wie gefährlich die Situation für Atticus ist.  Auch wenn Scout nicht alles versteht, ist sie dafür bereit, Atticus vor den anderen Kindern zu verteidigen und sich sogar für ihn zu prügeln, auch wenn man das als „junge Lady“ eigentlich nicht macht. Meiner Meinung nach wird das „Erwachsenwerden“ von Scout und Jem mitreißend beschrieben. Es ist kaum nachzuvollziehen, wie herablassend Schwarze als Menschen zweiter Wahl behandelt wurden, mit dem gleichzeitigen Hinweis darauf, dass doch in einer Demokratie alle gleich seien. Interessanterweise entdecken nur die Kinder diese Doppelmoral der Erwachsenen und Scout und Jem haben mit Atticus tatsächlich jemanden an ihrer Seite, der versucht, das allgemeine Unrecht etwas gerechter zu gestalten. Die Geschichte ist toll und wartet mit einer unerwarteten Wendung auf und die Charaktere sind sowieso wunderbar. Unbedingte Leseempfehlung!

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill A Mockingbird). Übersetzt von Claire Malignon.  rororo, Auflage 32 (3. November 1978). 416 Seiten.

ISBN-10: 3499142813   ISBN-13: 978-3499142819