Hier kommt Alex – Uhrwerk Orange

Clockwork Orange? Du meinst den Film von Stanley Kubrick, oder? Nein, diesmal nicht. Zumindest nicht nur. Der Roman zur Verfilmung wurde 1962 von Anthony Burgess geschrieben. Es geht um Alex und seine Gang, die Droogs. Mit ihnen ist er unterwegs, sie hängen in Bars herum, genießen merkwürdige Getränke (mit Milch (!) versetzte Drogen), rauben Passanten aus, schlagen Unbeteiligte zusammen oder vergewaltigen Frauen. „Horrorschau“, nenne die Droogs ihre Freizeitaktivitäten. Die Toten Hosen greifen die Geschichte in ihrem Konzeptalbum Ein kleines bisschen Horrorschau (1988), das mit dem Titel Hier kommt Alex beginnt, auf. Das Stück beginnt mit Beethovenklängen…

Beethoven? Die Hosen beweisen ihre Textkenntnis. Alex ist nämlich ein ausgemachter Klassik-Fan. Hat er genug von „Horrorschau“ und Gewaltexzessen, zieht er sich in sein Zimmer zurück und genießt die Musik.

Dann, meine Brüder, kam es. Oh, Seligkeit und Himmel. Ich lag ganz nagoi auf dem Bett. Die Hände hinter meinem Gulliver auf dem Kissen, die Glotzies geschlossen und sluschte dem Strom der lieblichen Klänge. Oh, es war gestaltgewordene Pracht und Herrlichkeit. Die Posaunen dröhnten rotgolden unter meinem Bett, und hinter meinem Gulliver flammten die Trompeten in silbernem Feuer, und dort bei der Tür rollten die Pauken wie ferner Donner und vibrierten in meinen Kischkas. Oh, es war das Wunder der Wunder. Und dann, wie ein Vogel aus himmlischem Metall gesponnen, unwirklich und schwerelos, kam das Violinsolo über all den anderen Streichinstrumenten, und diese Streicher webten einen seidenen Käfig um mein Bett. Der weiche, runde Ton der Oboen erhob sich in einem melancholischen Seitenthema, während die Solovioline ihre einsamen Kantilenen sang. Ich war in der höchsten Seligkeit, meine Brüder. (S.37)

Doch bei einem neuen Überfall wird die Gang erwischt, einige Droogs können fliehen, doch Alex kommt in eine Jugendstrafanstalt. Auch die Politik ist auf die gewalttätige Jugend aufmerksam geworden und besonders renitenten Straftätern wird eine neue Behandlung angeboten. Sie dauert nur zwei Wochen, danach winkt die Freiheit. Alex ist angetan, allein der Anstaltspfarrer meldet seine Bedenken an und schüttet Alex, dem Gefangenen 6537, in sehr betrunkenem Zustand sein Herz aus: „Es könnte sich erweisen, dass es nicht schön ist, gut zu sein, kleiner 6537.“

Alex willigt ein. Im ersten Teil waren die Droogs die Aggressoren, im nächsten Teil ist es der Staat. Alex wird gefoltert, sein Willen soll gebrochen werden, damit er endlich geheilt werden kann und nie wieder jemanden verletzt. Dabei erweist sich die Folter als perfides Mittel der Manipulation. Alex werden Gewaltszenen gezeigt, die ausgerechnet mit klassischer Musik hinterlegt werden. Er wird darauf konditioniert, Gewalt abzulehnen, verliert dadurch aber auch seine musikalische Leidenschaft und seine Gefühle. Hatte ich im ersten Teil noch wenig Mitleid mit dem verrückten Klassikliebhaber, sondern war eher schockiert, kann er mir jetzt nur noch leid tun. Spätestens als Alex aus der Besserungsanstalt entlassen wird, unfähig zu jeder Form der Gewalt, zeigen sich die Schattenseiten der Behandlung. Alex trifft auf seine ehemaligen Opfer, seine Eltern, seine ehemaligen Weggefährten. Und er ist nicht mehr dazu in der Lage, sich zu wehren. Spätestens hier, befinde ich mich in einem riesigen moralischen Dilemma. Alex ist fürchterlich. Aber vor allen Dingen tut er mir Leid, er ist eine riesige weiche Orange und die Gewalt seiner ehemaligen Opfer, droht ihn zu zerquetschen. Oder was will Burgess mit dem Titel sagen?

Anthony Burgess erklärt den merkwürdigen Titel seines Romans folgendermaßen:

1945, als ich von der Army kam, hörte ich einen achtzigjährigen Cockney in einem Londoner Pub von jemandem sagen, er sei „schräg wie eine aufgezogene Orange“. Der Ausdruck faszinierte mich als eine Äußerung volkstümlicher Surrealistik. Die Gelegenheit, die Redensart auch als Titel zu benutzen, kam 1961, als ich mich daran machte, einen Roman mit dem Thema Gehirnwäsche zu schreiben. Der Mensch ist ein Mikrokosmos, er ist ein Gewächs, organisch wie eine Frucht, er hat Farbe, Zerbrechlichkeit und Süße. Ihn zu manipulieren, zu konditionieren, bedeutet, ihn in ein mechanisches Objekt zu verwandeln – eine Uhrwerk Orange.

2013 ist eine Neuübersetzung von Ulrich Blumenbach erschienen, zuletzt hat Blumenbach Unendlicher Spaß von David Foster Wallace übersetzt. Er soll das Nasdat, den Jugendslang der Droogs, auf eine etwas andere Art und Weise einfangen, als Walter Brumm, der auch meine Ausgabe von Burgess übersetzt hat. In den späteren Übersetzungen gibt es sogar einen eigenen Nasdat-Glossar. Die Sprache der Droogs wirkt erst ein wenig gewöhnungsbedürftig, da wird getollschockt, wenn sie jemanden zusammen schlagen oder die Dewotschkas, junge Frauen, werden fies angegraben. Große Inspiration für Burgess soll James Joyce gewesen sein. Mich hat die Sprache fasziniert und ich konnte mich sehr schnell in den Droog-Slang einfinden. In der Klett-Ausgabe gibt es auch noch einen ganzen Schwung von Begleitmaterial zum Text, wenn sich noch jemand für die Hintergründe der Geschichte interessiert. Und der Film von Kubrick, der für fünf Oscars nominiert wurde, zeigt eine ganz eigene faszinierende Ästhetisierung von Gewalt.

Burgess ist eine fesselnde Dystopie gelungen, in der die Gewalt des Staates gegenüber dem Individuum thematisiert wird.  Nasdat, Newspeak – Orwell und Burgess sind sich da in gewisser Weise ähnlich, auch die zeitliche Verortung weist Parallelen auf. Burgess‘ Handlung spielt 1983, Orwell’s Handlung – wie wir alle wissen – 1984. Davon merke ich in Burgess’Universum nicht allzuviel. Alex kauft sich seine Musik in einem Plattenladen, mehr ist nicht wichtig. Die Droogs könnten auch eine Gang in den 1950ern oder 1960ern sein. Auf eine merkwürdige Art und Weise wirkt der schmale Roman aber auch anachronistisch.

Burgess beschreibt in seinem Roman auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Zu einer Zeit, in der sich die Jugendkultur gerade erst entwickelte und die erste Phase der seichten Teenagerrebellion, inspiriert durch Elvis Presley, gerade abebbte, schreibt Burgess Anfang der 1960er Jahre von der gewalttätigen Jugend, die ihre Religion in Plattenläden sucht. Sie haben einen eigenen Dresscode, eigene Rituale, eine eigene Sprache und sind, oh Schreck, verloren für die bürgerliche Welt. Und das lange, bevor es ein Musikfestival wie Woodstock gab und „die Jugend“ in den unterschiedlichen Subkulturen  auf Identitätssuche ging. Horrorschau! So kriminell wie Burgess es sich vorstellt, ist die verlorene Jugend dann nämlich doch nicht geworden. Trotz Plattenläden.

Im letzten Kapitel wird Alex dann natürlich auch „gutbürgerlich“, der ehemalige Problem-jugendliche träumt von einer spießigen, normalen Existenz. Ursprünglich wollte der US-Verleger dieses Kapitel streichen, „zu britisch“ so der Tenor. Dabei ist es so wichtig, denn es zeigt, dass sich jeder Mensch ändern kann, wenn er will und dass wir eben keine Roboter sind, die nur nach dem immer gleichen Reiz-Reaktions-Schema funktionieren. Und am Ende haben die bösen Jungs auch das Potenzial, gute Bürger zu werden. Böse Mädchen gibt es bei Burgess nicht. Schöne neue Welt.

Anthony Burgess: Uhrwerk Orange. Der Roman zum weltberühmten Film Clockwork Orange.

München. Heyne 1962.

Übersetzt von Walter Brumm

ISBN: 3-543-00250-4

Apocalypse, now – Herr der Fliegen

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Jasagen.

(Friedrich Nietzsche)

3-596-21462-9_237295Kindern wird gerne nachgesagt, dass sie eine reine Seele, wahlweise auch ein reines Herz haben. Ihre Arglosigkeit und ihre Unschuld sind ein Vorbild für die moralisch verkommenen Erwachsenen. Es hat lange Zeit gedauert, bis sich eine so verklärte Vorstellung von Kindern gesellschaftlich durchsetzte. In Willam Goldings Roman Herr der Fliegen, der 1954 erschien, wird allerdings ein ganz anderes Bild von Kindern gezeigt, ein Mythos wird dekonstruiert, wenn nicht sogar komplett auseinander genommen. Ein bisschen erinnerte mich diese kindliche Radikalität an den Roman Nichts von Janne Teller, in dem am Ende auch die Erwachsenen keine Ahnung haben, was sich am Berg der Bedeutung eigentlich so genau abspielt. Im Roman Herr der Fliegen wird ein anderes Setting gewählt, das allerdings genauso abgeschlossen und unzugänglich für die Erwachsenen ist, wie die verschlossene Scheune: eine Gruppe britischer Kinder im Alter von 6-12 Jahren landet auf einer einsamen Insel im Pazifik (und damit wird schon am Anfang ein typisches Setting für eine Robinsonade gewählt). Die Gründe für ihren Flugzeugabsturz bleiben im Dunkeln, es muss wohl etwas mit einer Atombombe zu tun haben. Schnell wird klar, dass sie sich als Gruppe organisieren müssen, um auf der Insel zu überleben. Was in Lost noch ansatzweise funktioniert, verwandelt sich in Herr der Fliegen in eine Katastrophe.

Anstatt darüber glücklich zu sein, den Flugzeugabsturz überlebt zu haben und gemeinsam an improvisierten Hütten zu bauen, bildet sich bereits am Anfang eine kleine Splittergruppe um ihren Anführer Jack. Die Kinder kennen sich aus einem Chor und machen alles, was Jack von ihnen verlangt. Im gegenüber steht eine anfänglich größere Gruppe um den Jungen Ralph. Ralph ist nicht besonders intelligent, aber sehr hübsch. Und er hat einen entscheidenden Vorteil: er hat ein Muschelhorn gefunden, mit dem er die anderen Kinder zu Versammlungen einberufen kann. Deshalb wird er zum Anführer gewählt. Ihm zur Seite steht der dickliche, asthmatische Piggy, ziemlich intelligent für sein Alter. Wenn Beauty und Brain sich zusammentun, kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?

Seine Stimme klang wie ein Flüstern im Vergleich zu dem rauen Ton des Muschelhorns. Er hob das Horn an die Lippen, holte tief Lust und blies noch einmal. Wieder kam der dröhnende Ton und sprang dann plötzlich, als Ralph noch kräftiger blies, eine Oktave höher. Jetzt war es ein schrilles Schmettern, noch durchdringender als zuvor. Piggy rief etwas, sein Gesicht strahlte vor Freude, und die Brillengläser glänzten. Vögel kreischten und kleines Tier lief durch das Dickicht. Ralph ging der Atem aus; der Ton fiel wieder eine Okatave tiefer, wurde zu einem dumpfen Geblubber, zu einem bloßen Rauschen. (S.24)

Doch die Kinder haben anderes im Sinn. Die Idee von Beauty sich den Regeln der Zivilisation auch unter widrigen Umständen zu unterwerfen, wird abgeschmettert. Die Kinder wollen mit Jack Schweine jagen, sie wollen Fleisch, und keine langweiligen Hütten bauen. Ralphs Idee, ein Feuer zu machen und dadurch Schiffe auf ihre Lage aufmerksam zu machen, missfällt. Irgendjemand muss ja schließlich das Feuer bewachen und warum sollte man sich darum kümmern, wenn es doch endlich keine nervenden Erwachsenen und keine Regeln mehr gibt? Die Situation droht zu eskalieren. Hinweise dafür gibt es genug:

„Das war’n feines Spiel!“

„Ja, nur ein Spiel“, sagte Ralph unsicher. „Ich bin beim Rugby auch mal schwer verletzt worden -“

„Wir müssten eine Trommel haben“, sagte Maurice, „dann wär’s erst richtig.“

Ralph blickte ihn an. „Wie richtig?“

„Ich weiß nicht so wie. Wir brauchen ein Feuer und eine Trommel und dann geht alles im Takt.“

„Und’n Schwein brauchen wir“, sagte Robert, „wie bei ’ner richtigen Jagd.“

„Oder jemand, der das Schwein macht“, sagte Jack. „Einer müsste sich verstellen als Schwein und dann so tun, als ob er mich umwerfen wollte und so -“ (S.161)

Doch bei Spielen bleibt es nicht. Es dauert nicht lange und die kleinen Wilden werfen sich in ihre Kampfmonturen und fallen übereinander her. Das paradiesische Idyll verwandelt sich ratzfatz in die Hölle auf Erden, als die Kinder  anfangen Piggy (Schweinejagd…) und Ralph über die Insel zu jagen. Gewalt, Rache, Ausbeutungsfantasien – die Kinder kennen keine Grenzen.

William Golding hat für den Roman 1983 den Literaturnobelpreis bekommen. Die Message ist einfach und unumstößlich, Homo homini lupus est, das Böse ruht im Innern, wie Simon ganz am Anfang auf der Insel, mit Schaudern, feststellt. Sobald die Zivilisation verschwindet, fallen die Schwachen den Starken zum Opfer, der dicke asthmatische Brillenträger hat keine Chance und diejenigen, die auf Regeln beharren, werden gnadenlos verfolgt. Eine ziemlich bittere Einstellung. Um diese Ausgangsidee zu untermauern, nimmt Golding in seiner Anti-Utopie in Kauf, dass einige Figuren eher schematisch angelegt sind, Gut und Böse sind klar getrennt. Ein, so scheint mir, typisches Verfahren in den 1950er Jahren um die Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zu verarbeiten. Doch die schematische Struktur hat mich kaum gestört. Die Robinsonade funktioniert gerade durch ihre Vereinfachungen und ist eine beeindruckende, pessimistische Parabel über das Wesen des Menschen.

William Golding: Herr der Fliegen (Lord of the Flies 1954). 2012

[Rezension] Fantasie gefährdet den Charakter – Abbitte

Wisst ihr noch, früher, in den Sommerferien? Sechs Wochen Zeit, um einfach nichts zu tun. Stattdessen wurde viel gefaulenzt, gelesen, vielleicht mal eine Geschichte geschrieben. Viel Zeit, um seine Gedanken schweifen zu lassen, viel Zeit um ein bisschen herumzuspinnen, während man in der Sommerhitze lag. In Ian McEwans Roman Abbitte geht es genau um diese kritische Zeit des Sommers, ohne dass der Roman eine leichte Sommerlektüre wäre. Alles andere als das. Es ist schwül in diesem Sommer, die Verwandten treffen von überall her auf dem Anwesen der Familie Tallis ein und irgendwie ist es nicht nur das Hitzeflimmern in der Luft, das dafür sorgt, dass allen etwas schummrig wird. Ein bisschen ist es wie in einem locked-door-mystery: Familie und Freunde sind versammelt, das Verbrechen kann nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es liegt eine Spannung in der Luft, die auch beim Lesen unerträglich wird. Ist es nur der Sommer, ist es nur die Hitze? Passiert das gerade wirklich, was wir schon die ganze Zeit vermuten? Doch zunächst ist es wichtig zu überlegen, wer sich da alles trifft, in diesem heißen Sommer im Jahr 1935, so kurz vor Kriegsbeginn. Zunächst das Ehepaar Tallis: sie, ständige Migräne, gestresst, viel zuhause. Er hingegen hat den wichtigen Job, bringt das Geld nach Hause und auch wenn er schon einmal abends länger fortbleibt, wen stört das schon, sie sicherlich nicht. Das Paar hat drei Kinder: Cecilia, die gerade ihren Abschluss in Cambridge gemacht hat, Leo, den Augenstern der Mama, und die Jüngste im Bunde, die dreizehnjährige Briony, die Dreh-und Angelpunkt der unfassbaren Ereignisse auf dem Anwesen werden wird. Leo hat seinen Kumpel Paul mitgebracht, vermögender Erbe einer Schokoladenfabrik. Als weitere Familienmitglieder sind Kusine Lola, knappe fünfzehn Jahre alt und ihre Zwillingsbrüder anwesend. Außerdem ist da noch Robby, der begabte Sohn der Putzfrau, dem Papa Tallis – beeindruckt von den Fähigkeiten des jungen Mannes – das Medizinstudium finanziert. Eine nette Gesellschaft, die sich versammelt hat, oder etwa nicht?

Szene aus dem gleichnamigen Film mit Keira Knightley (2007) Gefunden bei feenzauberbuchnews.blogspot.com

Da Leo lange Zeit nicht zu Hause war, wittert Briony ihre große Chance. Ohnehin ist die pubertierende Dreizehnjährige ganz der Meinung, dass die Erwachsenen sie endlich einmal Ernst nehmen sollen. Besonders ihre Eltern, ihre arrogante und viel hübschere Kusine und ihr Bruder, der sie leider immer noch für ein Kind hält. Außerdem auch Robby, denn Briony ist heimlich in ihn verliebt. Und welch passende Gelegenheit. Die ambitionierte Schriftstellerin Briony sitzt an einem Theaterstück, das als Höhepunkt des Tages für den heimkehrenden Bruder Leo aufgeführt werden soll. Nur so kann sie sich beweisen, endlich. Ihre Hoffnung: man wird sie ernst nehmen, nicht nur als Erwachsene, sondern auch als ambitionierte Künstlerin. Das Skript für Die Heimsuchung Arabellas liegt bereit, Kusine Lola und ihre Zwillingsbrüder sollen die Rollen übernehmen. Briony ist bei der ganzen Aktion hingegen Hauptdarstellerin und Regisseurin in Personalunion. Leider ist Lola doch irgendwie besser für die Rolle geeignet, Briony begnügt sich zähneknirschend mit der Rolle der Regisseurin. Denn das liegt ihr, genau wie das schriftstellerische Talent. Briony ist ein Mädchen mit sehr viel Fantasie, aber auch mit sehr viel Starrsinn:

Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, daß die Welt genauso und nicht anders zu sein hat.

Briony ist anstrengend, verquer. Ihre Lieblingsautorin ist Virginia Woolf. Sie experimentiert mit dem Stilmittel Stream of Consciousness und bildet sich ein, irgendwie an das Vorbild heranzukommen.  Das Werk Die Wellen ist für Briony ein künstlerischer Triumph. Sie selbst die nächste Virginia? Mehr als das. Briony hat eine sehr exklusive Auffassung von Literatur. Ihrer Meinung nach gleichen sich Realität und erdachte Wirklichkeit. Hauptsache ein besonderer Moment wird erdacht – und ihr eigenes langweiliges Leben wird den entscheidenden Wendepunkt erhalten. Alle Macht der Fantasie. Doch das ist eine explosive Mischung in diesen Sommertagen. Briony lässt ihre fantastische Fiktion Wirklichkeit werden. Und genau deshalb läuft die gesamte Situation aus dem Ruder. Eigentlich ist jedes weitere Wort über die Handlung zu viel des Guten. Und ich versuche nicht zu viel zu verraten.

Abbitte, d.h.  Sühne oder Buße, ist das Element, das die Geschichte, die in drei Teilen erzählt wird, zusammenhält. Eine Szene am Brunnen, ein Liebesbrief, der von der verkappten Schriftstellerin fehlinterpretiert wird – und die Katastrophe ist perfekt.  Während der Spannungsbogen kaum zum aushalten ist und das Unfassbare geschieht, zerstört Briony das Leben dreier Menschen und belastet Robby schwer.

Im zweiten Teil werden Robbys Erlebnisse im zweiten Weltkrieg geschildert. Der Traum vom besseren Leben, vom gesellschaftlichen Aufstieg, ist geplatzt. Nach dem Sommer 1935 bei der Familie Tallis konnte er nie wieder Fuß fassen. Im dritten Teil tritt die Täterin wieder auf: Briony tut Abbitte, sie arbeitet als Krankenschwester, versorgt Kriegsverletzte. Doch ihre Tat kann sie nicht ungeschehen machen. Gerade dieser Teil war wirklich nicht leicht zu lesen. Finsterste Verletzungen, sterbende Soldaten – noch kein so ekliges Detail wird von McEwan ausgelassen. Und trotzdem konnte ich kaum aufhören zu lesen. Der Roman entfaltet eine massive Sogkraft und ist dabei so intelligent und beeindruckend komponiert und bis zum Schluss durchdacht, dass ich ihn fast noch einmal lesen muss. Ich wollte nicht, dass der Roman aufhört und habe die fast sechshundert Seiten in weniger als einer Woche gelesen. Neben der Frage nach Schuld und Verantwortung, Reue und Vergebung, Familie und Freundschaft, behandelt McEwan auch die Frage: Was kann Literatur eigentlich? Der Epilog von Abbitte, der den gesamten Roman in einem neuen Licht erscheinen lässt, ist dabei der fulminante Schlussakkord zu einem der besten modernen Romane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Danke, Rory-Gilmore-Leseliste! ;)

Ian McEwan: Abbitte (=Atonement). Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes (2004). 544 Seiten.

ISBN: 9783257233803

[Rezension] Come on baby, light my fire – Fahrenheit 451

Dies war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.

(Heinrich Heine)

It was a Pleasure to Burn. (S.5)

Bei 451 Fahrenheit, das entspricht 232,8 Grad Celsius fängt Papier angeblich an zu brennen. [Für Chemienerds, Besserwissende und BigBangTheory-Fans: Stimmt nicht, Bradbury hat sich vertan, Papier brennt bei 451 Grad Celsius.] Guy Montag kennt sich aus mit diesem HotStuff – er ist Feuerwehrmann. Allerdings lebt er in einer Welt, in der Feuerwehrmänner nicht Feuer löschen, sondern Feuer legen. Er gehört zu einer Spezialeinheit, deren Aufgabe es ist, Bücher zu verbrennen. Denn mit Büchern hat das ganze Elend erst angefangen: Menschen werden zu emotional, fangen an Dinge in Frage zu stellen und wollen auf einmal gar nicht mehr so richtig funktionieren. Das kommt nicht gut, in einem Staat, der darauf baut, dass niemand Fragen stellt. Guy Montag hingegen ist ein Supertyp: er brennt alles nieder, was ihm irgendwie in die Quere kommt. Gerne Bücher, denn die sind gefährlich und machen Menschen unglücklich. Seine Frau Mildred hingegen scheint nicht ganz happy zu sein. Sie taucht ab, irgendwo in eine Welt, die sie nur mit kleinen muschelförmigen Radios, die sie in Ohren trägt ( Mensch, Ray – heute nennt man die Dinger Kopfhörer) ertragen kann und mit ihrer „Familie“, den Protagonisten einer auf Dauerschleife laufenden Soapopera, deren Leben für Mildred realer ist, als ihr eigener vegetativer Zustand. Als Mildred versucht, sich mit einer Überdosis das Leben zu nehmen und von Sanitätern mit merkwürdigen Maschinen leergepumpt wird und sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern kann, sich aber sofort das muschelförmige Radio wieder ins Ohr stopft, als sei nichts gewesen, beginnt Guy langsam zu realisieren, dass in seinem Leben einiges schief läuft.

Denn die Welt in der Montag lebt, ist ziemlich marode und das macht ihn fertig. Doch es war gar nicht mal so sehr Mildreds Suizidversuch, es war auch die alte Frau, die sich lieber mit ihren Büchern verbrennen ließ, als das Haus zu verlassen. Und die 17-jährige Nachbarin Clarisse McClellan, sorgt auch dafür, dass Guy sich nicht mehr so richtig wohlfühlt in seiner Haut. „Bist du glücklich?“ hatte sie ihn gefragt, eine Frage, die Guy überfordert. Niemand fragt mehr nach Glück und Clarisse ist überhaupt eine merkwürdige Jugendliche. Statt in den funparks andere Jugendliche zu schikanieren und umzubringen, wie das der normale Teeny so macht, geht sie abends im Wald spazieren und beobachtet den Mond. Außerdem fragt sie nicht „Wie?“, sondern tatsächlich nach dem „Warum?“. Sie ist nicht ganz normal, eher „an odd one“, wie Guy bemerkt. Außerdem glaubt sie das Gerede ihres Onkels, dass die Menschen früher tatsächlich zusammen draußen saßen und sich unterhalten haben. Guy ist verwirrt. Aus Neugier packt er bei einer Buchverbrennung dann tatsächlich mal ein Buch ein, Gedichte, und die letzte vorhandene Ausgabe der Bibel. Doch wie kann er diesen Diebstahl mit dem Slogan der Feuerwehrleute zusammenbringen: „Monday burn Millay, Wednesday Whitman, Friday Faulkner, burn ‚em to ashes, then burn the ashes“(S.12)?

Als Clarisse und ihre ganze Familie „verschwindet“, wie viele kritische Geister, ist für Guy klar, dass er etwas ändern muss. Er erinnert sich an einen alten Englischprofessor, Faber, den er einmal im Park getroffen hat. Obwohl Guy in seiner mit Salamandern verzierten Feuerwehruniform auftrat, führten sie ein nettes Gespräch und Guy widerstand dem Impuls, Faber das Buch, das er mit Sicherheit versteckt bei sich trug, zu entreißen und ihn zu verhaften. Es war ein sonniger Tag und Faber war ein netter Mann. Guy will etwas ändern. Irgendwo muss es doch noch ein paar versprengte Bibilophile geben, oder nicht? Faber vielleicht? Guy schöpft neue Hoffnung, vermutet sogar, dass sein Vorgesetzter, der doch so viel über Literatur weiß, vielleicht ein echtes Interesse an Büchern hat. Doch die Suche nach Verbündeten ist schwierig, gefährlich. Denn Bücher sind in dieser Welt der absolute Feind und die Feuerwehrleute, Guy Montags Kollegen, die Bewahrer des Status Quo:

A book is a loaded gun in the house next door. Burn it. Take the shot from the weapon. Breach man’s mind. Who knows who might be the target of the well-read man? Me? I won’t stomach them for a minute. And so when houses were finally fireproof completely, all over the world […] there was no longer need of firemen for the old purpose. They were given the new job, as custodians of our peace of mind, the focus of our understandable and rightful dread of being inferior; official censors, jugdes and executors.  (S.77)

Außerdem steht den Feuerwehrleuten ein neues Gerät zu Verfügung. Ein neuer „Hound“, eine Mischung aus Technik und Lebewesen, ein Spürapparat für Rebellen, der seitdem Guy den Gedichtband besitzt, ziemlich nervös wird, wenn Guy ihm begegnet…

Mir hat Fahrenheit 451 sehr gut gefallen. Bradbury hat den Roman 1950 innerhalb von wenigen Tagen tief im Keller der Bibliothek der University of California geschrieben, auf einer Münzschreibmaschine, so dass ihn das ganze Unterfangen tatsächlich 9 Dollar 80 gekostet haben soll (so behauptet Wikipedia). Der Stress hat sich gelohnt, das Buch ist toll geschrieben und unterhaltsam zu lesen. Die Idee ist klasse und wurde im Film Equilibrium mit Sahneschnittchen Christian Bale 2002 von Regisseur Kurt Wimmer noch einmal aufgegriffen: allerdings beschränkt sich die Zerstörungswut der Eliteeinheit der Grammtikon-Kleriker im Film nicht auf Bücher, sondern auf jede Form von Kunst und Kitsch, die Gefühle hervorruft.

Im Vergleich zu anderen Dystopien, z.B. Atwoods A Handmaid’s Tale oder Orwells 1984, wird allerdings deutlich, dass Bradbury die Welt, in der sein Protagonist lebt, nicht sehr differenziert beschreibt. Über das politische System gibt es so gut wie keine Aussagen, es scheint einen ständigen Krieg zu geben und die neue Generation wird kriegstreiberisch und brutal erzogen, allerdings wissen wir als Lesende darüber auch nur wenig. Zentral sind die Begriffe Zerstörung und Aufbau, denn es hat wohl schon den dritten Atomkrieg gegeben – doch von den Folgen wissen die Bewohner_ innen auch nichts. Doch dieses Nichtwissen macht auch den Charme des Buches aus: wir wissen genau so viel wie der Protagonist Montag, aber nicht mehr. Guy kann sich aus einem diktatorischen System befreien und hat angefangen, endlich wie Clarisse nach dem Warum zu fragen. Und genau deshalb bleibt am Ende auch so etwas wie Hoffnung übrig.

Ray Bradbury – Fahrenheit 451. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 9270  (1991).

ISBN: 978-3-15-009270-5.

[Rezension] Mah-Jongg meets McDonalds – Töchter des Himmels

Culture-Clash extrem. Dämonen und Disko. Nicht mehr und nicht weniger beschreibt Amy Tan in ihrem 1992 erschienen Debüt „Töchter des Himmels“, das der chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin internationale Bekanntheit sicherte. Thematisiert wird das Leben der chinesischen Migrant_innen, die nach dem zweiten Weltkrieg in die USA auswanderten und besonders das Leben der Töchter der zweiten Generation und die damit einhergehenden Generationenkonflikte. Ist es peinlich, wenn Mütter immer wieder darauf hingewiesen werden müssen, dass pink und gelb einfach keine gelungene Kombi sind? Ist es nicht fürchterlich, wenn die Mütter immer wieder das alte Mah-Jongg-Brett auspacken und an Vorhersagen glauben, die sie aus Reiskörnern ablesen? Es ist nicht leicht mit einer solchen Mutter aufzuwachsen. Jede der vier Töchter, die in diesem Buch porträtiert werden, kann ein Lied davon singen. Da wird einerseits die schachbegabte Tochter als Trophäe in der Nachbarschaft präsentiert, während andererseits der neue amerikanische Freund nur mit einem müden Lächeln bedacht wird. So etwas ist maximal unentspannt und jede der Töchter trägt ihren kleinen Knacks davon.

Doch die Geschichten ändern sich, bald kommen auch die Mütter zu Wort. Während die Töchter Jing-mei June Woo, Rose Hsu Jordan, Lena St. Clair (ihre Mutter heiratete einen Iren) und Waverly Jong (ihre Mutter hatte die Idee ihre Tochter nach der Straße, Waverly Place, zu benennen, in die die Familie nach der Auswanderung zog – damit sie endlich ankommen können in diesem neuen Land) zwischen ihren chinesischen Müttern und ihren amerikanischen Freunden hin- und hergerissen sind, wissen ihre Mütter doch schon längst, dass ihre Töchter keine Chinesinnen sind, geschweige denn, chinesisch sprechen können. Auch dass Jing-mei June nach dem Tod ihrer Mutter den Platz am Mah-Jong-Tisch einnehmen soll, wirkt auf die alten Damen befremdlich – auch wenn sie sich über Jing-mei June, das frühere Schachwunderkind, freuen. Doch auch die Lebensgeschichten der alten Damen können nicht einfach als lustige Anekdoten abgehandelt werden. Jede der Mütter hat ihre eigene Geschichte von denen die zum Teil überheblich wirkenden Töchter doch gar nichts ahnen können. Seien es arrangierte Ehen, die nur durch eine List aufgelöst werden konnten, der Tod eigener Kinder oder die Kindheit als Tochter der Drittfrau eines reichen Mannes, der sich bereits seine fünfte Frau gekauft hatte. Suyuan Woo, An-mei Hsu, Lindo Jong und Ying-ying St. Clair sind Tigerfrauen, genau wie die in ihren Augen „amerikanisierten“ Töchter. Die Stärke des Romans liegt darin, dass die Konflikte zwischen Müttern und Töchtern aus beiden Perspektiven beschrieben werden, allerdings nie das Trennende im Vordergrund steht. Letztlich ist es immer wieder die Familie, die die unterschiedlichen Frauen zusammenbringt. Genau wie die Besinnung auf die chinesischen Wurzeln, die ja keine der Töchter vergessen hat – auch wenn es für die älteren Damen so scheinen mag. Am Ende ist es Jing-meis Reise nach China, die ein Teil eines Familiengeheimnisses löst, dass ihre Mutter mit ins Grab nahm: Suyuan Woo hatte bereits Zwillinge, die sie auf der Flucht zurück lassen musste und Jing-mei macht sich auf den Weg ihre Schwestern zu finden.

Amy Tan hat in ihrem mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückliegenden Debüt eine poetische Erzählung vorgelegt, in der das mystische China der Mütter ein Ort der Magie bleibt – was allerdings nicht bedeutet, dass es sich um einen friedlichen Ort handelt. Die Töchter können von diesen Erfahrungen nichts wissen, da ihre Mütter viel zu viele Geheimnisse für sich behalten und viel zu viele Narben verborgen bleiben. Allein das exzessive Mah-Jongg-Spiel lassen sie sich nicht nehmen. Jing-mei June wird durch den Tod ihrer Mutter in den exklusiven Kreis der alten Damen aufgenommen und lernt ihre Mutter auf eine ganz neue Art zu schätzen. Töchter des Himmels ist ein schöner Roman über Mütter und Töchter, der neben dem Culture-Clash auch Generationenkonflikte beleuchtet. Besonders hat mir die Widmung gefallen, die prägnant das Kernthema des Buches aufgreift:

„Meiner Mutter und der Erinnerung an ihre Mutter. Du hast mich einst gefragt, was ich im Gedächtnis behalten würde. All dies, und noch viel mehr.“ 

Amy Tan: Töchter des Himmels (Originaltitel: The Joy Luck Club). Aus dem Amerikanischen von Sabine Lohmann. Goldmann Verlag 1992.

ISBN-10: 3442096480    ISBN-13: 978-3442096480

[Gesagt]

„In Paris konnte man damals beinahe umsonst leben, und wenn man gelegentlich eine Mahlzeit ausließ und niemals neue Kleider kaufte, konnte man sparen und sich Luxusdinge leisten.“  (S.87)

„Ich will Die Brüder Karamasov noch mal versuchen. Es war wahrscheinlich meine Schuld.“ –  „Manchches kann man nochmal lesen. Das meiste. Aber dann fängt es an, einen zu verägern, ganz gleich wie großartig es ist.“ (S.114)

„Er wollte, dass ich das neue Buch Der große Gatsby las, sobald er sein letztes und einziges Exemplar von jemandem, dem er es geliehen hatte, zurückbekam. Wenn man ihn so darüber sprechen hörte, wusste man noch lange nicht, wie ausgezeichnet es war; man spürte nur die Schüchternheit, die alle nicht eingebildeten Schriftsteller haben, wenn sie etwas sehr Gutes geschrieben haben, und ich hoffte, er würde das Buch bald zurückbekommen, damit ich es lesen konnte.“ (S.127)

Ernest Hemingway lebte in den 1920er Jahren einige Zeit in Paris und hing da mit solchen verrückten Künstler_innen wie Ezra Pound, Gertrude Stein, James Joyce und natürlich F.Scott Fitzgerald ab. Hemingway hat keine Lust mehr auf Journalismus, sondern widmet sich ganz dem Schreiben – oder versucht es zumindest. Das kann er am besten mit einem Café Creme, möglichst nicht zu Hause bei Frau und Kind, sondern irgendwo in der Öffentlichkeit. Denn da trifft man auch alle anderen, die gerade versuchen, ihre Romane, Novellen und Gedichte fertigzustellen. Und wenn mal einer etwas durchhängt, dann sammelt man eben etwas Geld – Künstler_innen helfen sich nämlich, Ehrensache. Und natürlich liest und rezensiert man sich gegenseitig, sofern die Chemie stimmt. Am besten hat mir die Episode mit Fitzgerald gefallen, aber auch die anderen kurzen Erzählungen machen Spaß und geben interessante Einblicke in eine spannende Zeit. Aber auch in New York war damals schwer was los, glaubt man den Geschichten um Louise Brooks aus meinen letzten Post. Was trieb also die ganzen amerikanischen und britischen Schriftsteller_innen ausgerechnet nach Paris? Wahrscheinlich das Gefühl am Puls der Zeit zu sein. Hemingway war auf jeden Fall begeistert von der Stadt und dem künstlerischen Leben, das die Metropole ermöglichte. Deshalb schrieb er auch 1950 an einen Freund:

„Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest fürs Leben.“

Alle Zitate aus Ernest Hemingway: Paris – ein Fest fürs Leben (A Moveable Feast, 1964). Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004.

64 „Come on, let’s be psychos together“ (The Perks of Being a Wallflower)

Buch vs. Film?

Manche Bücher sind einfach besonders. Hätte ich The Perks of Being a Wallflower“ (deutsch: Vielleicht lieber morgen) von Stephen Chbosky mit vierzehn gelesen, wäre es mein Lieblingsbuch geworden. Und jetzt ist es einfach nur ein Buch, das mir so sehr gefällt, dass es für immer einen Platz in meinem Buchregal (und meinem Herzen ;) )hat und das ich Silvester für die Rory-Gilmore-Lesechallenge gelesen haben. Es handelt sich um eine Coming-Of-Age-Geschichte in Briefform, 1999 von MTV publiziert, in der es um den Jungen Charlie und das letzte Jahr in der HighSchool geht. Charlie ist zunächst sehr isoliert, sein bester Freund hat sich umgebracht, aber durch die Freundschaft zu Sam und ihrem Stiefbruder Patrick wandelt sich der zurückhaltende Junge. Statt ständig allein als Mauerblümchen in der Ecke zu sitzen, fängt er an auf Partys zu gehen, tritt bei der Rocky-Horror-Picture-Show auf, verliebt sich, beginnt zu schreiben und seine Gedichte auch vorzutragen und sich klarer über sich selbst zu werden. Im Laufe der Handlung werden dabei die verschiedensten Themen aufgegriffen, zum Teil nur gestreift, zum Teil ausführlich in die Handlung miteinbezogen: u.a. Freundschaft, Gewalt in der Schule und zuhause, Suizid, die Suche nach sich selbst, Drogenkonsum, Homosexualität, erste Liebe, Traumata. Das ergibt im Buch ein unglaubliches dichtes Geflecht von Beziehungen, Erfahrungen, Erlebnissen – ein Buch für die Seele.

Der Film hat mir sehr gefallen!!  Auch wenn er meiner Meinung nach, nicht an den Roman herankommt. Im Roman sind noch so viele Nebenstränge wichtig, so viele kleinere Dinge, die Charlie in seiner Umgebung beobachtet. So viele Nebencharaktere wären im Film sicherlich zu viel gewesen – aber sie haben mir gefehlt. Die Geschichte wirkt im Film nicht so mehrdimensional – wenn auch mit schönen Bildern und einem hammergeilen (!) Soundtrack unterlegt. Der Cast ist super. Emma Watson spielt Sam und ich dachte nicht einen Moment an Hermine. Persönlich hätte ich mehr Szenen mit Nina Dobrev gewünscht (ich weiß, Serienjunkie und so). Sie spielt die Schwester von Charlie und im Buch wird ihr sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet. Zudem wird im Buch sehr viel klarer, warum Charlie an seinen BlackOuts und Panikattacken leidet und weshalb er psychisch angegriffen ist. Dabei wird es allerdings nie überdramatisch oder kitschig. Natürlich kennt der Leser nur Charlies Perspektive, das macht das Buch aber auch so besonders, denn Charlie macht sich viele Gedanken um die Menschen in seiner Umgebung. Hinzu kommen viele literarische und popkulturelle Anspielungen. So hat Charlie, der ein großes Interesse für Literatur hat und hat eine wöchentliche Essayaufgabe von seinem Lehrer bekommen, in der er sich zum Beispiel mit To kill a Mockingbird, The Great Gatsby oder Walden (im Gegensatz zu Charlie habe ich das Buch aufgegeben, was ein schlauer Fünfzehnjähriger ;)) auseinandersetzt. Ein bisschen erinnerte mich das an Dead Poets Society, mein absolutes Lieblingsbuch als ich noch jünger war. Auch Charlie liest diesen Roman, aber anders als Todd oder Neil muss er nicht gegen ein zu strenges Elternhaus rebellieren. Seine Familie unterstützt ihn, wo sie nur kann – und kann ihn trotzdem nicht vor allem beschützen. Während Todd, Neil und ihre Freunde durch die Wälder tanzen, um das Mark des Lebens auszusaugen, sind Charlie, Sam und Patrick einfach unendlich. Und das ist wunderwunderschön und ergreifend zu lesen (los, kauf das Buch!), lohnt sich aber auch anzuschauen (Gänsehaut-Film). :)

Stephen Chbosky: The Perks of Being a Wallflower. MTV Books (2012)
ISBN-10: 1451696191  ISBN-13: 978-1451696196