Nordkorea – Innenansichten eines totalitären Staates

Vor Kurzem hatte ich euch schon von meinem englischen Bookclub erzählt. Anfang des Jahres haben wir Nothing to envy Barbara Demick gelesen. Ein Buch, in dem nordkoreanische Geflüchtete zu Wort kommen und ihre Schicksale beschreiben. Leider erfährt man als Leser*in trotzdem sehr wenig über das ohnehin abgeschottete Land. Ich habe also nach einem Buch gesucht, das mir in dieser Hinsicht eine bessere Alternative bieten kann.

IMG_20171211_162449Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien und Vorstand des dortigen Instituts für Ostasienwissenschaften. Geht es um Nordkorea, ist er einer der prominentesten deutschsprachigen Experten. Der gebürtige Leipziger studierte bis kurz nach dem Mauerfall in Ostberlin Koreanistik bei Helga Picht, einer ausgewiesenen Nordkoreakennerin, die unter anderem bei Treffen zwischen Honecker und Kim Il-Sung als Übersetzerin dabei war. Durch die guten Kontakte von Picht, durfte Frank 1991/1992 für ein Auslandssemester nach Pjöngjang an die Kim-Il-Sung-Universität reisen, weil es Absprachen zwischen der DDR und Nordkorea zum Austausch von Studierenden gab, die auch nach dem Mauerfall noch gültig waren. Seitdem war Frank mehrfach in Nordkorea und seine Beobachtungen fließen auch immer wieder in das Buch mit ein. Er schreibt selbst, dass er als ehemaliger DDR-Bürger vom Mauerfall überrascht war – deshalb versucht er sich mit Vorhersagen zur Entwicklung des Landes zurückzuhalten.

Man braucht schon ein dickes Fell, wenn man sich über Nordkorea äußert, denn unabhängig vom politischen Lager und dem tatsächlichen Wissen scheint so gut wie jeder eine feste Meinung dazu zu haben. Eine differenzierte Haltung wird oft heftig abgelehnt. Das Land hat gefälligst schwarz und weiß zu sein. (S.12)

Dass diese Schwarz-Weiß-Schablone auf ein so komplexes Land nicht immer ohne Weiteres passt, versucht Frank in seinem Sachbuch darzustellen. Er nähert sich dem Phänomen Nordkorea auf etwas über 400 Seiten ziemlich anschaulich und versucht in neun differenzierten Kapiteln auch die (zum Teil auch paradoxen) Entwicklungen des Landes zu analysieren. Zum einen beschreibt Frank die spezielle nordkoreanische Ideologie die dem politischen System zugrunde liegt, er beschreibt die Wirtschaft des Landes und welches Reformpotenzial er unter Kim Jong-un tatsächlich sieht. Dieses Kapitel hat mich besonders überrascht, denn anders als ich anfänglich gedacht habe, deuteten sich zumindest seit den 2000 Jahren vorsichtige Änderungen innerhalb des Systems an, gerade wenn man sich die wirtschaftliche Entwicklung ansieht. Nun ist Frank Experte für wirtschaftliche Fragen und wahrscheinlich beschreibt er deswegen auch in einem ganzen Kapitel den Aufbau und das vorläufige Scheitern einer Sonderwirtschaftszone zwischen Nord- und Südkorea, das war mir etwas zu lang. Zudem ist das Sachbuch im Januar 2017 in der aktualisierten Auflage erschienen, die seit dem andauernden Raketentests oder das angespannte Verhältnis zu den USA wird nur am Rande gestreift. Zum anderen ergänzt Frank immer wieder Erlebnisse und eigene Beobachtungen von seinen Reisen nach Pjöngjang, die mir besonders gut gefallen haben. Ein Kapitel widmet sich zum Beispiel ganz dem Arirang, eine Art jährlichem ideologischen Massenspektakel zur Feier des Landes, das Frank besuchen konnte. Weiterführende Literaturhinweise (die man nicht vernachlässigen sollte) sind auf 30 Seiten Anmerkungen enthalten.

Ich habe vor Kurzem die Graphic Novel Pjöngjang von Guy Delisle gelesen, die ich sehr gelungen finde. Delisle ist 2003 nach Pjöngjang gereist. In seiner Graphic Novel gelingt es ihm mit einem sehr minimalistischen Zeichenstil Pjöngjang aus der Perspektive eines Ausländers zu beschreiben. Delisle durfte ohne Dolmetscher und offizielle Regierungsbeauftrage nicht einmal sein Hotel verlassen, obwohl er im Auftrag seiner Firma die Animationsarbeiten an einem Trickfilm überprüfen und anleiten sollte. In der Graphic Novel wird die Enge und gleichzeitige Leere der Stadt sehr anschaulich geschildert sowie die Überwachung und Kontrolle anderer Regisseure, die Kindertrickfilme für die westliche Welt produzieren. Neben absurd erscheinenden Museen, in denen die Größe von Kim Jong-un und seinem Vater beschrieben werden, sieht Delisle wenig von Pjöngjang, geschweige denn vom restlichen Teil des Landes. Aber da geht es den Südkoreaner*innen nicht anders.

Allein im Jahr 1987 gab es 1,3 Millionen Besuche von DDR-Bürgern in der BRD und Westberlin. Die Zahl der Nordkoreaner, die legal Südkorea bereist haben, kann man an wenigen Händen abzählen. (S. 353)

Frank hat da einen deutlich differenzierteren Blick und mehr Möglichkeiten, das Land zu betrachten. Besonders gefallen haben mir die ersten Kapitel, in denen der Wissenschaftler auf typische koreanische Traditionen und geschichtliche Entwicklungen des Landes (die Erfahrungen der japanischen Kolonialisierung und die damit einhergehende Unterdrückung der eigenen Sprache und der erzwungenen Verehrung des japanischen Kaisers als Gott; der Koreakrieg) sowie die Verbindungen zum totalitären Regime eingeht. Der Personenkult um Kim Il-sung und seinen Sohn Kim Jong-il geht sogar so weit, den beiden übernatürliche Fähigkeiten zuzusprechen; von Wunderheilungen und hellen Sternen bei der Geburt des Sohnes sowie aufsteigenden Kranichen (wichtige Symbole im Konfuzianismus) ist da die Rede.

Die in Schulzeugnissen an oberster Stelle gelisteten fünf Schulfächer sind „Revolutionäre Aktivitäten des Großen Führers Generalissimo Kim Il-Sung“, „Revolutionäre Geschichte des Großen Führers Generalissimo Kim Il-Sung“, „Revolutionäre Aktivitäten des Großen Führers General Kim Jong-il“, „Revolutionäre Geschichte des Großen Führers General Kim Jong-il“ und „Revolutionäre Geschichte der antijapanischen Heldin Mutter Kim Jong-suk.“ (S.62)

In Nordkorea verbindet sich eine Vielzahl ideologischer Strömungen, die sich mit dem Begriff „Kimilsungismus-Kimjongilismus“ zusammenfassen lassen. Was erst einmal total absurd klingt, erklärt Frank mit dem Verweis auf Konfuzianismus und dem Glauben an das Kollektiv und der Notwendigkeit eines Führers, der das Kollektiv leitet, wodurch der Mensch „Herr über alles“ werde. Es ist sehr interessant zu lesen, wie Frank diese spezielle nordkoreanische Haltung als „frontale[n] Angriff auf Marx“ (S.98) deutet, der immerhin an eine Art „Naturgesetz“ der menschlichen Gesellschaft und ihrer Entwicklung glaubte. Auch wenn ich für einige Kapitel ein bisschen länger gebraucht habe, waren diese grundlegenden Erklärungen der Organisation der nordkoreanischen Gesellschaft sehr spannend zu lesen.

Gut finde ich auch, dass Frank keinesfalls zu wissenschaftlich schreibt, sondern durchaus für die interessierten Leser*innen. Ihm gelingt es, immer wieder eigene Anekdoten und Erlebnisse seiner Reisen einfließen zu lassen. Zudem verdeutlicht er sehr gut, welche Gerüchte über Nordkorea ins Reich der Mythen gehören, scheut sich aber auch nicht, zuzugeben, dass viele Insiderinformationen über das Land auch von ihm nicht überprüfbar sind. Insgesamt hätte ich mir ein paar konkretere Einblicke in das Leben der „normalen“ Menschen gewünscht, allerdings bekommt man diesen Einblick gut durch Barbara Demicks Buch und Frank ist eben Professor für Gesellschaft und Wirtschaft und hat deswegen auch einen klaren Fokus auf wirtschaftliche Entwicklungen, die ich aber dennoch sehr spannend fand. Außerdem gefällt mir gut, dass Frank versucht eine für uns  so unbegreifliche Gesellschaft, die so häufig parodiert wird, weil man sich die Absurditäten des Alltags einfach nicht vorstellen kann, ein wenig begreifbarer zu machen. Ich lese selten Sachbücher, aber wenn ihr euch für Nordkorea interessiert, bekommt ihr mit diesem Buch einen wirklich gelungenen und gut zu lesenden Einblick in dieses abgeschottete Land.

Rüdiger Frank: Nordkorea. Innenansichten eines totalitären Staates. Pantheon 2017.

Feminismus? Fuck, Yeah! – Weil ein #Aufschrei nicht reicht

u1_978-3-596-03066-8_36605822Im Januar 2013 rappelt’s im Karton und zwar so richtig. Unter #Aufschrei sammeln Frauen ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus, berichten von sexuellen Übergriffen und  V*rg*w*ltigungen. Initiiert wurde der Tweet von Anne Wizorek (@marthadear), die sich mit anderen Twitternutzer_innen (@faserpiratin, @vonhorst) austauschte und spontan den Hashtag am 25. Januar um 0.13 in der Nacht festlegte. Noch in der Nacht beteiligen sich tausende andere Betroffene, berichten über „das komplette Ausmaß von Sexismus und sexualisierter Gewalt“ (S:188):

@KhaosKobold: Der Mathelehrer, der mir sagte ich bräuchte das nicht verstehen, ich würde eh mal Mutti mit Abitur #aufschrei

@totalreflexion: Der Schwimmlehrer, der alle Mädchen im Kurs zur Begrüßung auf den Mund küsste – die jeweils jüngste mit Zunge #aufschrei

Danach geht alles relativ schnell, bereits am nächsten Morgen hat Anne Wizorek Anfragen von Journalist_innen und kurz darauf eine Einladung zu Günther Jauchs Sendung im Briefkasten. Der Hashtag war ein absoluter Erfolg und macht sichtbar, was viele nicht wissen wollten: das Sexismus und sexuelle Übergriffe auch in Deutschland zur Tagesordnung gehören. Damit schaffte der Hashtag etwas außerordentliches: eine online geführte Debatte wurde in die offline-Welt überführt und ernst genommen. Die Jury des Grimme Online Awards würdigte den Hashtag und seine Verfasser_innen. Jetzt hat Anne Wizorek ein Buch geschrieben, indem sie sich für einen „Feminismus von heute“ ausspricht und deutlich macht, dass viele Probleme noch lange nicht gelöst sind. In ihrem Buch räumt Wizorek mit vielen Mythen auf, die in der medialen Wahrnehmung immer noch bestehen: nein, Rainer Brüderle war nicht „der“ Auslöser für den Hashtag und nein, niemand muss Emma-Leser_in sein, um Feminismus gut finden zu können. „Den“ Feminismus, und das wird sehr schnell klar, gibt es sowieso nicht (das macht auch ein historischer Abriss über feministische Entwicklungen deutlich) – und Alice Schwarzer ist nicht das Maß aller Dinge.

Ihr Buch besteht aus zwei Teilen und die Aufschrei-Debatte, die ich damals mit großem Interesse verfolgt habe, steht nicht am Anfang der Auseinandersetzung. Stattdessen beschreibt Wizorek auf den ersten 150 Seiten eine umfassende, fundierte und locker geschriebene Einführung in die unterschiedlichsten aktuellen feministischen Debatten, die momentan online geführt werden. Sie räumt mit den vermeintlichen Mythen der Geschlechtergerechtigkeit auf („Aber wir haben doch eine Bundeskanzlerin!?!“), stellt dar, warum eine Quote wichtig ist, schreibt über sexuelle Selbstbestimmung, repressive Schönheitsideale mit einem super Schwenk zu Beyoncé (Yeah!), die Care-Debatte und LGBTIQ. Und das geht ihr so locker von der Hand, dass ich manchmal fast vergesse, wie ernst das Thema eigentlich ist:

Solange wir ein patriarchalisches Gesellschaftssystem haben, befinden wir uns in puncto Geschlechtergerechtigkeit aber meist zwischen Babyschritten vorwärts und Backlash, der uns wieder zurückschleudert. Der Backlash (zu deutsch etwa „Rückschlag“) ist sozusagen der Darth Vader zur feministischen Rebellion. Denn sobald sehr viele Menschen gesellschaftliche Fortschritte einfordern oder diese Veränderungen sogar durchgesetzt werden können, wird es immer auch viele Menschen geben, die an der Uhr drehen und diese auf ,die guten alten Zeiten‘ mit konservativen Wertvorstellungen zurückdrehen wollen. (S.23)

Wizoreks Buch ist nicht nur eine sehr gelungene Einführung in die aktuellen (netz-)feministischen Debatten, die durch eine umfangreiche Linkliste illustriert werden, sondern vor allen Dingen auch ein sehr unterhaltsame Kritik am gesellschaftlichen Backlash, der feministische Entwicklungen, die vor einigen Jahren noch als selbstverständlich galten, heute wieder in Frage stellt. Beispielsweise wenn Frauen, die die Pille danach nehmen als rücksichtslos, naiv und leichtsinnig dargestellt werden („Man muss es immer wieder sagen: Das sind keine Smarties!“ Jens Spahn, CDU via twitter am 13. Januar 2014). Als wären Frauen nicht in der Lage dazu rationale Entscheidungen zu treffen, wenn es um ihre Verhütung und damit ihre Selbstbestimmung geht. Eine solche Haltung geht natürlich wunderbar mit der Auffassung einer neuen Bewegung radikaler christlicher Lebensschützer_innen einher.  In einem sehr ausführlichen Kapitel über sexuelle Übergriffe und Sexismus wird nicht nur mit dem Strohmann-Argument der ominösen Falschbeschuldigungen durch v*rg*waltige Frauen aufgeräumt, es werden auch die unterschiedlichsten Vorfälle der letzten Monate und Jahre aufgerollt, die sich um sexuelle Übergriffe oder ihre Verharmlosung drehen: Kachelmann, Assange, ,Steubenville‘, die Debatte um Blurred Lines von Robin Thicke und der V*rg*waltigungs-„Witz“ von Moderator Klaas in der Sendung NeoParadise.

Einen ziemlich ausführlichen Teil widmet Wizorek auch ihrer eigenen Haltung und ihrer eigenen Entwicklung hin zum Feminismus. Auch wenn die anderen Kapitel weitaus pointierter erscheinen mögen, hat mir dieser Teil besonders gut gefallen. Stichwort: Empowerment.

„Was ich mit alldem sagen möchte, ist: Es braucht nicht erst einen Master in Gender-Studies, um Feminist_in zu werden (auch wenn der Master nicht schadet).“ (S.241)

Weil ein #aufschrei nicht reicht ist kein Buch, das ich in einem Zug durchlesen konnte. Zwischendurch brauchte ich ein paar Pausen – nicht nur, weil es auf Dauer auch sehr anstrengend sein kann, von den vielen Dingen zu lesen, die eben noch nicht richtig laufen, vor allem aber auch, weil mir jedes Kapitel sehr viel Input zum Nachdenken gegeben hat. Da war Kapitel 12 ziemliches großes Kino, in dem unterschiedliche Strategien vorgestellt werden, wie am besten mit Sexismus oder schwierigen Diskussionen umgegangen werden kann (Stichwort: Choose your battles). Auf den Punkt gebracht: Es ist nicht deine Aufgabe, jetzt immer und überall für eine feministische Perspektive aufzustehen – und manchmal kann man das auch einfach nicht und ist frustriert von so viel Unwissen und genervt von Provokationen und dem tausendsten „sich-Erklären-müssen“. Interessant war auch die klare Forderung an männliche* Unterstützer, die vielleicht zunächst als etwas provokant daherkommt, mich allerdings an  den Critical Whiteness-Ansatz erinnert: „Setz dich mit deiner Schuld auseinander“. Wenn Rassismus und Sexismus als strukturelle Problematiken angesehen werden, ist diese Forderung auch nur eine logische Konsequenz.

Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von Heute ist das erste Buch, das ich über den „Twitter“-Feminismus gelesen habe. Sonst bin ich eher auf Blogs, bei Twitter, bei YouTube unterwegs. Es ist super geschrieben und für jeden, der eine kleine Einführung in den aktuellen (Netz-)Feminismus braucht, unbedingt zu empfehlen. Die Aktualität der gesamten Debatte steht dabei außer Frage. Seit einiger Zeit sehe ich sehr gerne die Vlogs von der amerikanischen Kommunikationswissenschaftlerin Anita Sarkeesian (feministfrequency), die sich auf Youtube mit stereotypen Darstellungen von Frauen in Videospielen beschäftigt und zu Frauendarstellungen in der Popkultur forscht. Ein  Thema das Wizorek immer wieder in ihrem Buch aufgreift. Im Oktober 2014 drohten Unbekannte mit einem „School Shooting“, weil Sarkeesian zu einem Vortrag an der Utah State University eingeladen war. Weil die Polizei keine Möglichkeit hatte, das Mitführen von Waffen zu verhindern (so was geht in Utah), musste Sarkeesian den Vortrag absagen.

 Anne Wizorek: Weil ein #aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von Heute. 2014.

Vielen Dank an lovelybooks für das Rezensionsexemplar und die schöne Leserunde.