Die satanischen Verse

Nachdem mir beim vorletzten Buch-Date Salman Rushdie empfohlen wurde, hatte ich mir vorgenommen, einen längeren Roman von ihm lese. Die Satanischen Verse konnte ich als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal bestellen und war sofort neugierig. Gefunden habe ich ein einen fantastischen und fordernden Roman, der in einer Neuübersetzung im September 2017 erschienen ist.

Die satanischen Verse

Salman Rushdie spielt mit verschiedenen Mythen, religiösen Ideen, Überlieferungen, Überzeugungen, Mysterien. In seiner Geschichte verwebt er so die unterschiedlichsten Sagen und Erzählungen aus verschiedenen Religionen. Das ergibt einen unterhaltsamen, ausschweifenden und verästelten Roman, der es wirklich in sich hat. Die Sprache ist an vielen Stellen überbordend, die Story ebenfalls. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber ganz ehrlich: richtig nacherzählen, worum es geht und Knotenpunkte aus diesem wilden und wunderbaren Roman herauszudestillieren, ist mir verdammt schwer gefallen. Daher nun in groben Zügen eine Beschreibung dieses Feuerwerks der Literatur.

Die Hauptprotagonisten sind zwei muslimische Männer, Gibril Farishta und Saladin Chamcha, die 111 Tage lang (die 111 ist übrigens eine Zahl, die auf die Dreifaltigkeit verweist) in einem von islamistischen Terrorist*innen entführten Flugzeug verbringen, bis die Terrorist*innen das Flugzeug in die Luft sprengen.  Beide, aneinandergeklammert, fliegen durch die Luft und überleben unversehrt. Doch dann geschehen seltsame Dinge. Während Gibril sich nach und nach in den Erzengel Gabriel verwandelt, wachsen Saladin bald ein Pferdefuß und Teufelshörner. Der Kampf „gut“ gegen „böse“, Engel gegen Teufel, ist damit eingeläutet. Erzählt wird die Geschichte von einer gesichtslosen und doch scheinbar göttlichen Instanz, die sich selbst als Teil der „höheren Mächte“ sieht.

„Was konnten sie auch erwarten? Einfach aus dem Himmel zu fallen: dachten sie, so etwas hätte keine Nebenwirkungen? Sie hatten das Interesse höherer Mächte erweckt, das hätten sie eigentlich merken müssen, und diese Mächte (ich spreche natürlich von mir selbst), haben eine boshafte, ja fast schon gemeine Art, mit Sturzflügen umzugehen. Und noch etwas, lassen Sie mich das klarstellen: ein großer Fall verändert den Menschen.“ (180)

Farishta und Chamcha stehen sich also als Erzfeinde gegenüber, vom Himmel gefallen sind beide, aber nur Gibril verwandelt sich in einen Engel, der nicht nur Wunder vollbringen kann, sondern dessen Heiligenschein auch die dunkelste Nacht erleuchtet. Kein Wunder, erinnert sein Name Gibril doch an den Erzengel Gabriel.

Zudem hatte Gibril schon früh Kontakt zur Göttlichkeit, in verschiedenen Bollywoodfilmen verkörperte er immer wieder unterschiedliche hinduistische Götter. Er verliebt sich in Alleluja, eine jüdische Bergsteigerin, die nur in den höchsten Höhenmetern, ganz nah am Allmächtigen , zu religiöser Ekstase fähig ist.

Saladin Chamchawalla verdient sein Geld als Stimmenimitator, unter anderem synchronisiert er für das Fernsehen Ketchupflaschen und Knabbergebäck, und ist ebenfalls Schauspieler. In England lebt er seit seiner Jugend, seine muslimische Herkunft lehnt er ab, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass er ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinem Vater hat.

Während sich die beiden Abgestürzten zu einer alten Dame, Rosa Diamond, retten, entscheiden sich die Richtungen, in denen sich ihre Lebenswege entwickeln werden. Der Heilige in spe, Gibril,  nutzt seine Chancen und verrät den Mann mit Pferdefuß. Saladin wird deshalb von rassistischen Polizisten zusammengeschlagen und erlebt die ganze Palette an Polizeigewalt, die man sich vorstellen kann. Das ist so fies zu lesen, das man nur noch Mitleid mit dem Teufelshorn haben kann. Gibril hingegen, nutzt seine wundersamen Fähigkeiten und verhilft Rosa Diamond zu einer göttlichen erotischen Vision. Rosa Diamond hat es also noch gut getroffen, sie ist eine verschwiegene Figur, die verspricht, niemandem von Gibril zu erzählen. Übrigens sind in vielen Beichtstühlen Rosen eingraviert, denn „Sub Rosa“ (unter der Rose) teilte man im Mittelalter den katholischen Priestern seine Beichte mit.

Saladin erfährt, dass seine Frau eine Affäre mit seinem Freund Jumpy Joshi hat (immerhin war Saladin fast ein Jahr verschwunden) und ist am Boden zerstört. Da hat er  den Flugzeugabsturz, die Polizei und das Krankenhaus überlebt – nur um dann, relativ einsam und verlassen, in einem Zimmerchen von Bekannten untergebracht zu werden. Weil er immer mal wieder aus dem Fenster sieht, bildet sich bald im Viertel eine Art Teufelskult um den Mann mit den Hörnern, der das Viertel in Chaos und Verwüstung stürzt. Zudem erfährt Saladin, dass seine Frau von ihrem Geliebten ein Kind erwartet. Saladin hat nur noch ein Ziel: er will sich an Gibril rächen, den er für sein Unglück verantwortlich macht. Aber Gibril geht es auch nicht gerade rosig: er wird zu einem riesigen Macho und stresst Alleluja. Zudem kann Gibril bald nicht mehr entscheiden, wer er ist: ein Erzengel oder ein Mensch?

Neben dem Hauptkonflikt der beiden Protagonist*innen, wird die Erzählung immer wieder durch Gibrils Träume unterbrochen, die ins Märchenhafte kippen. Seine Träume führen ihn nach Jahila, einer Stadt aus Sand, in der die Menschen 360 unterschiedliche Götter und Göttinnen verehren. Das geht solange gut, bis der Prophet Mahound kommt, seines Zeichens ursprünglich Kaufmann, und den Menschen, wenn es um den richtigen Glauben geht, mal ein bisschen auf die Sprünge hilft. In Jahila lebt auch das Mädchen Aischa, das vom Erzengel Gabriel als Prophetin ausgewählt wurde. Als Symbol ihrer Göttlichkeit wird sie von einem Schwarm von Schmetterlingen begleitet. Ihr ganzes Dorf Titlipur folgt ihr (wie auf einer Pilgerreise) nach Mekka, denn Aischa hat den Menschen versprochen, dass sie das Meer für sie teilen wird. Die todkranke Mischa Sahil sucht Hoffnung und Heilung bei Aischa, ihr Mann glaubt nicht an Aischas Versprechungen und versucht die restlichen Pilger immer wieder zur Umkehr zu bewegen. Aischa hat noch einen extrem frauenfeindlichen und radikalen Gegenspieler, einen Imam, der um seinen eigenen Einfluss bei den Gläubigen fürchtet und natürlich den mächtigen Propheten Mahound, der passenderweise immer dann eine Vision bekommt, sobald seine Anhänger*innen ihn kritisieren.

„Tod der Kaiserin Aischa und ihrer Tyrannei, dem Kalender, den Vereinigten Staaten, der Zeit! Wir suchen die Ewigkeit, die Zeitlosigkeit Gottes. Seine stillen Wasser, nicht ihren strömenden Wein. Verbrennt die Bücher und vertraut dem BUCH, zerreißt die Papiere und hört das WORT, wie es der Engel Gibril dem Verkünder Mahound offenbart und wie es euer Deuter und Iman erläutert hat.“ (S.281)

Es ist schon bezeichnend, dass Engelchen und Teufelchen in der Romankonstruktion eigentlich Schauspieler sind und Gibril wie ein Schlafwandler zwischen den Welten hin und hergeistert und in diesem ganzen Chaos irgendjemand – von ganz weit oben – die Puppen tanzen lässt. Die Menschen können nur reagieren. Das nennt man dann wohl Schicksal. Und wenn Gott einmal nicht als Erzählinstanz auftaucht, sondern als Figur im Text, dann sitzt er mit schütterem Haar auf Gibrils Bett und hat vor allen Dingen Schuppen. Solche Parodien muss man erst einmal in eine Romanform gießen. Hinzu kommt, dass alle Propheten und Ausgewählten in diesem Text an keiner Stelle halten, was sie versprechen. Während Mahound die Menschen offen betrügt, schickt Aischa ihre Anhänger letztlich ins Wasser, wo sie ertrinken. Denn natürlich gelingt es ihr nicht, das Meer zu teilen. Magischer Realismus mit einer gehörigen Portion Religionskritik, auch das steckt in diesem Buch.

Wie so oft, und das ist mir bei diesem Text besonders aufgefallen, fehlte mir das Wissen über die religiösen Anspielungen, die über das Christentum hinausgehen. Hinzu kommt, dass ich diesen Roman über einen Zeitraum von sechs Monaten gelesen habe. Ich konnte ihn nicht einfach weglesen – dafür war er zu komplex und zu kompliziert. Außerdem wollte ich nicht, dass der Roman zuende geht. Manchmal hebe ich mir dann Texte sehr lange auf – weil sie so genial sind. Im Satanic Verses Pose Festum, einer Festschrift, die im Jahr 2000 erschienen ist, schreibt der syrische Philosoph Sadik Al-Azm, dass die Einzigartigkeit des Romans darin bestehe,  „den muslimischen Osten und den säkularen Westen zum allerersten Mal in eine religiöse, politische und literarische Kontroverse“ zu bringen und beide so auf einer höheren Ebene miteinander zu verbinden. Die satanischen Verse werden für ihn zum „transkulturellen, transnationalen und transkontinentalen Welt-Roman par excellence“. Denn es geht nicht nur um Religionen. Ein Großteil der Handlung passt in jede typische Geschichte einer Großstadt, denn sie spielt in London, es geht um Migration, um Identitäten und natürlich auch um Liebe. Von den verschiedenen Liebesgeschichten, die erzählt werden, endet eine sogar glücklich.

Hallelujah!

Kurz nach Erscheinen des Romans, am 14. Februar 1989, rief Ajatollah Chomeini über Radio Teheran eine Fatwa gegen den Schriftsteller und all diejenigen aus, die den Text,  verbreiten und übersetzen, denn der Roman stelle eine Beleidigung des Propheten dar. Rushdies japanische Übersetzer, Hitoshi Igarashi, wurde 1991 ermordet, sein italienischer Übersetzer Ettore Capriolo und sein norwegischer Verleger Wililam Nygaard wurden bei Anschlägen schwer verletzt.

Die BBC hat eine sehenswerte Dokumentation über Salman Rushdie und Die satanischen Verse gedreht, die noch genauer auf die Kontroversen (inklusive Buchverbrennungen) um den Roman eingehen. Hier gibt es sie auf Youtube.

Ich danke dem Bloggerportal und Penguin für das Rezensionsexemplar. 

 

 

 

Buch-Date VI – Harun und das Meer der Geschichten

Anfang September haben Wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende die neuen Dates ausgelost, die sich dieses Mal um Kinder-und Jugendliteratur drehen.

Unbenannt

Mir wurden drei Bücher von Wili empfohlen, nämlich

„Tranquilla Trampeltreu“ von Michael Ende

„Hörbe mit dem großen Hut“ von Otfried Preußler

„Harun und das Meer der Geschichten“ von Salman Rushdie.

RushdieIch habe mich für Rushdie entschieden und wurde nicht enttäuscht. Es geht um Harun, der „in der traurigsten aller Städte“ lebt, eine Stadt, die so traurig ist, dass ihre Bewohner sogar vergessen haben, wie sie heißt. Aber das stört Harun nicht, denn sein Vater Raschid ist Geschichtenerzähler und hat so viel Fantasie, dass selbst die traurigste Stadt zu einem wunderbaren Ort wird. Die Fans von Raschid nennen ihn „Genie der Fantasie“, seine Widersacher nennen ihn „Schah von Blah“, denn Raschids Geschichtenschatz geht nie zu Neige. Bis zu dem traurigen Tag, an dem Haruns Mutter Soraya mit dem  fiesen Nachbarn durchbrennt, der schon immer wenig von Raschid und seinem Können gehalten hat. Harun beginnt an den Fähigkeiten seines Papas zu zweifeln und Raschid bringt statt poetischen Worten nur noch ein „Krächz“ zustande.

Schon wieder meine Schuld, dachte Harun zutiefst zerknirscht. Mir allein ist das alles zuzuschreiben. Wozu sind Geschichten gut, die nicht einmal wahr sind? Diese Frage habe ich gestellt und meinem Vater damit das Herz gebrochen. Also muss ich auch alles wieder ins Lot bringen. (S.24)

Während Raschid immer verzweifelter wird, macht Harun eine großartige Entdeckung. Die Fähigkeit seines Vaters, andere mit Geschichten zu verzaubern, stammt vom Erzählwasser aus dem Meer der Geschichten. Zufällig ist Harun wach, als ein Wasser-Dschinn gerade dabei ist, den Geschichtenhahn von seinem Vater abzudrehen. Angeblich ist Raschids Erzählwasserabo abgelaufen – aber das kann Harun nicht einfach hinnehmen. Zusammen mit dem Wasser-Dschinn Wenn macht er sich auf einem goldenen Wiedehopf, der eine Mischung aus Tier und Maschine ist, auf den weiten Weg nach Kahani, wo das Meer der Geschichten liegt, um die Gabe seines Vaters zu retten.

Verschiedene Teile des Meeres enthielten verschiedene Erzählformen, und da alle Geschichten, die jemals erzählt worden waren, sowie viele, die gerade erzählt und ausgedacht wurden, hier zu finden waren, stellte das Meer der Geschichtenströme die größte Bibliothek des Universums dar. Und da die Geschichten hier in flüssiger Form aufbewahrt wurden, behielten sie die wundersame Fähigkeit, sich zu verändern, sich in neue Versionen ihrer selbst zu verwandeln, sich mit anderen Geschichten zu vereinen und dadurch zu wieder neuen Geschichten zu werden, so dass das Meer der Geschichtenströme, im Gegensatz zu einer Bibliothek, weit mehr war als ein Lagerraum für Erzählungen. Denn es war nicht tot, sondern lebendig. (S.79)

Um genau zu verstehen, was schief gelaufen ist, muss Harun mit dem großen Walross sprechen, das in einer Behörde sitzt und für die Verwaltung der Erzählwasserabonnements zuständig ist. In Kahani stellt Harun schnell fest, dass nicht nur sein Vater bedroht ist. Das gesamte Meer der Geschichten wird vergiftet, also sind alle Geschichten der Menschheit in Gefahr. Zusätzlich wird Harun auch noch in eine „Prinzessin-Rettungs-Geschichte“ verwickelt.

Salman Rushdie ist ein toller Erzähler, der vordergründig ein Märchen erzählt, in dem der Kampf Gut gegen Böse ausgetragen wird und das doch noch eine weitere Ebene hat. Wie in Die unendliche Geschichte oder Die Stadt der träumenden Bücher beschreibt Rushdie, wie die Fantasie durch Bürokraten und Despoten unterdrückt wird und verschwindet. Rushdie hat das Buch auf der Flucht geschrieben, nachdem Ajatollah Khomeini 1988 gegen den Schriftsteller eine Fatwa ausrief, weil Rushdie Die satanischen Verse veröffentlicht hatte. Mittlerweile liegt das Kopfgeld auf Rushdie bei 4 Millionen Dollar, zum Jahrestag der Fatwa wurde es 2016 auf Betreiben verschiedener iranischer Medien noch einmal erhöht.

Vielen Dank für diese wunderbare Buchempfehlung, Salman Rushdies andere Romane sind auf jeden Fall auf meine zukünftige Leseliste gewandert. Golden House klingt nämlich auch sehr spannend und ist gerade erschienen. Danke :)

Salman Rushdie – Harun und das Meer der Geschichten (Harun and the Sea of Stories). Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler 1991.