Alles, was ich nicht erinnere

Alles was ich nicht erinnere von Jonas Hassen KhemiriSamuel ist bei einem Autounfall gestorben. Mit Vollgas soll er den alten Opel seiner Oma vor einen Baum gesetzt haben, mitten im Zentrum von Stockholm. War es wirklich ein Unfall oder hat er sich das Leben genommen? Zurück bleiben viele offene Fragen und Geschichten von Menschen, die glauben, Samuel gekannt zu haben. Ein Roman über Freundschaft, Liebe, Identität und Migration.

Alles, was ich nicht erinnere ist ein Roman, in dem vieles zunächst angedeutet bleibt. Ein Schriftsteller, dessen genaue Beziehung zu Samuel lange im Dunkeln bleibt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Freunde des Verstorbenen zu besuchen und sie über Samuel und die letzten Tage seines Lebens zu befragen. Die „Interviews“ bilden die einzelnen Kapitel des Romans, ansonsten bleibt der Schriftsteller im Hintergrund.

Der Nachbar gibt mir die Hand und wünscht mir Glück bei dem Vorhaben, Samuels letzten Tag zu rekonstruieren. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann halten Sie es schlicht. Einfach erzählen, was passiert ist – von vorne bis hinten. Ich habe Auszüge aus Ihren anderen Büchern gelesen, und da hat man ein bisschen das Gefühl, dass Sie es sich unnötig schwer gemacht haben. (S.22)

Aber so einfach ist das gar nicht. Denn über den genauen Ablauf der Ereignisse und die Gründe für den Unfall (?) besteht keinesfalls Einigkeit. Es gibt vier Menschen, die in Samuels Leben eine entscheidende Rolle gespielt haben. Seine Oma, sein bester Freund Vandad, seine Freundin Laide und die Pantherin, eine Künstlerin, die in Berlin lebt. Jede:r der Freunde hat eine andere Version der Ereignisse. Genau wie der Pfleger aus dem Altenheim, Samuels Mutter oder der Nachbar. Manche sagen, Samuel sei depressiv gewesen und hätte alles schon lange geplant. Andere behaupten, es war wirklich nur ein Unfall. Manche geben seiner Freundin Laide die Schuld und andere wiederum behaupten, Vandad, ein Schrank von einem Mann, habe Samuel in zwielichtige Geschäfte verwickelt.

In wechselnden Abschnitten kommen die vielen Stimmen zu Samuels Leben zu Wort, dabei liegt der Fokus eindeutig auf Vandad und Laide, die sich nicht besonders gut leiden konnten. Laide hat lange in Paris gelebt, ist sehr idealistisch veranlagt, demonstriert gerne und setzt sich in ihrer Freizeit für geflüchtete Frauen ein. Samuel arbeitet zwar im Amt für Migration, aber bevor er Laide kannte, ging sein Engagement nicht über seinen Job hinaus. Doch das sollte sich bald ändern. Vandad hingegen schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, geht ins Fitnessstudio und hängt der gemeinsamen Schulzeit mit Samuel nach, die für ihn das Fundament der Freundschaft bildet, die sich über die Jahre verfestigt hat. Häufig sitzt er vor dem PC, verdient sich sein Geld als Umzugshelfer oder schreibt wenig erfolgreich Bewerbungen. Visionen für seine Zukunft hat er nicht, das Zusammenleben mit Samuel reicht ihm völlig aus.  Laide hingegen kann Vandad und seinem „in-den-Tag-hinein-leben“ gar nichts abgewinnen, sie überzeugt Samuel davon, dass Vandad mehr zur Miete beitragen soll. Und damit und mit dem Haus von Samuels Oma und  Samuels spontan aufwallenden Verantwortungsgefühl gegenüber Menschen in Not, fangen die Verstrickungen an.

Kann man einen Menschen wirklich so gut kennen, dass man alle seine Facetten wahrnehmen kann? Oder konstruieren wir uns unsere Freunde und Menschen, die wir lieben, so dass sie zu uns passen? Und wer ist nun eigentlich verantwortlich für Samuels Tod und die Entwicklung der Ereignisse? Gibt es überhaupt einen Verantwortlichen? Gerade Vandad und Laide sind Figuren, die durch stark abweichende Fremd- und Selbstwahrnehmung unglaublich vielschichtig erscheinen und deren Motive gar nicht so leicht zu ergründen sind. Denn jede:r der Beteiligten behauptet für sich, die Wahrheit zu kennen. Gemeinsam ist den Protagonist_innen allein, dass ein Elternteil aus dem arabischsprachigen Raum kommt und sie gerade auch deshalb in der schwedischen Gesellschaft  nicht ganz Zuhause sind. Tatsächlich behaupten beide, Vandad und Laide, dass sie das Wichtigste in Samuels Leben waren. Oder Samuel in ihrem. Doch so einfach ist es eben nicht. Wer war Samuel eigentlich?

Die Ereignisse werden nicht chronologisch erzählt, immer wieder verfolgt man kleine Spuren. Anfänglich hatte ich einige Schwierigkeiten mit dem Roman.  Zu chaotisch erschienen mir die wechselnden Erzählstimmen und zu Durcheinander die Handlung. Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe. Es ist faszinierend zu erfahren, wie sich die anfänglich noch zerfaserten Ereignisse bald zu einem stimmigen und überzeugenden Ganzen zu fügen. Denn je länger ich mich mit Samuel und allen Details, an die sich jede:r einzelne ganz unterschiedlich oder auch gar nicht mehr erinnern kann, beschäftigt habe, desto spannender und intensiver wurde der Roman. Kein Wunder, dass eine Songtextzeile „Oh na,na, na, what’s my name?“ aus dem gleichnamigen Song von Rihanna dem Roman als Motte vorangestellt ist. Die verstorbene Hauptfigur des Romans hieß Samuel. Aber für seine Freunde hatte dieser Name ganz unterschiedliche Bedeutungen.  Große Leseempfehlung.

Jonas Hassen Khemiri – Alles, was ich nicht erinnere. DVA 2017.

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