Walkaway

Können wir aus der Welt, die wir kennen, einfach aussteigen ? Der amerikanische Blogger, Journalist und Schriftsteller Cory Doctorow hat mit seinem Roman Walkaway eine spannende Dystopie geschrieben, in der es genau darum geht: die Aussteiger*innen gehen einfach weg. Sie suchen ihre Rettung im Default, einer neutralen Zone, dort gibt es eine Welt ohne Geld und Bewusstsein auf einem Computerchip.

„Das Bier war selbstleuchtend und biolumineszent. Hubert Etcetera fragte sich besorgt, was wohl in den transgenen Jesusmikroben stecken mochte, die fähig waren, Wasser in Bier zu verwandeln.“

Alles beginnt mit einer ausschweifenden Party, die ziemlich detailreich geschildert wird. Doch die Schattenseiten zeigen sich schnell: die Menschen werden überwacht. Jobs gibt es ohnehin nicht mehr, nur die Superreichen profitieren vom System. Seth, Hubert (der noch 18 andere Namen hat), und Natalie lernen sich auf der Party kennen. Als überraschend ein gemeinsamer Freund stirbt, bleibt ihnen nur noch die Flucht in die neutrale Zone, die gleichzeitig einen Bruch mit den bisherigen Lebensgewohnheiten bedeutet. Für die Superreichen (die sogenannten „Zottas“) sind die Menschen des Walkaway Terrorist*innen. Aber Seth, Hubert und Natalie werden gut aufgenommen. Sie lernen Limpopo kennen, eine erfahrene Walkaway, die ihnen die grundlegenden Regeln der Gemeinschaft erklärt.

Die Technik ist so weit fortgeschritten, dass man alles mit einem 3D-Drucker kostenlos herstellen kann. Kleidung, Ausrüstung und Gerätschaften. Die Walkaways sind aus kapitalistischen Zusammenhängen ausgestiegen. Es gibt kein Geld, es gibt kein Belohnungssystem, es gibt keine Anführer*innen. Manche Neuankömmlinge tun erst einmal gar nichts, aber auch das ist für die Gemeinschaft in Ordnung. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie mithelfen wollen. Ohne Zwang und ohne Verpflichtungen. Jede*r sucht sich in dieser utopischen Gesellschaftsform einen Job, der zu ihm/ihr passt, weil er/sie dadurch der Gemeinschaft hilft. Die globale Bewegung ist so anziehend, dass immer wieder neue Menschen dazustoßen. Wenn die Zottas die Aussteiger*innen angreifen und ihre Unterkünfte zerstören, gehen die Walkaways einfach weg. Sie können an anderen Orten ihr Leben wieder aufbauen.

Seth, Hubert Etcetera und Natalie nutzen ihre Chance, um sich bei den Walkaways neu zu erfinden. Sie geben sich neue Namen und versuchen sich an die neue Gemeinschaft zu gewöhnen. Das geht nicht ohne Reibereien und Konflikte. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass Doctorow unglaublich viel über Gruppenprozesse und die dahinter liegenden soziologischen Theorien weiß. Das hat mir gefallen, sorgt aber auch für einige Längen. Hinzu kommt, dass Doctorow viele Begriffe neu erfindet, die den Lesefluss zunächst etwas einschränken. Hat man aber den etwas holprigen Anfang geschafft, entwickelt sich der Roman zu einem Pageturner, in dem Doctorow viele unerwartete Ereignisse einbaut. Überraschend wird Natalie, die im Walkaway „Iceweasel“ heißt, von ihrem Vater, einem reichen Zotta, entführt. Er versucht seine Tochter umzuerziehen, damit sie sich die Ideale der Walkaways aus dem Kopf schlägt und genau wie ihre Herkunftsfamilie lebt. Aber damit ist Iceweasel nicht einverstanden und sie bekommt unerwartet Hilfe. Den Walkaways ist es durch intensive Forschung gelungen, neue Technologien auf bisher unbekannte Weise zu nutzen. Ihnen gelingt es, das Bewusstsein eines Walkaways in eine Cloud zu laden. Obwohl sein Körper bereits verstorben ist, wird sein Geist unsterblich. Diese Idee erinnerte mich schon stark an Hologrammatica. Waren in dieser Science-Fiction-Welt aber immerhin noch andere Körper als „Gefäße“ für das eigene Bewusstsein vorgesehen, die man nach Belieben tauschen kann, wird in Doctorows Version ganz auf die Körper verzichtet. Ein kleiner Preis für die Unsterblichkeit

Leider wirken einige Passagen des Romans, besonders am Anfang, doch sehr theoretisch, gerade wenn es um die Konstitution einer neuen Welt geht, hat Doctorow sich von vielen verschiedenen soziologischen Theoretiker*innen inspirieren lassen, deren unterschiedlichen Beschreibungen der Wirklichkeit sich nicht ganz nahtlos in die Welt des Romans einfügen. Nach diesem eher holprigen Anfang, wird die Geschichte aber spannend, sobald die drei Protagonist*innen im Walkaway sind. Besonders gefallen hat mir die Selbstverständlichkeit mit der vermeintliche Grenzen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgelöst werden. Namen, Körper, Gender, Begehren, sind nicht statisch, sondern können von den Walkaways ganz neu interpretiert werden.

Walkaway ist eine sehr spannende und gut gemachte Dystopie, die viele gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen aufnimmt und in einen neuen Zusammenhang stellt. Lässt man sich von den ersten 200 Seiten nicht abschrecken, kann man mit diesem Roman sehr viel Spaß haben.

Cory Doctorow – Walkaway. Übersetzt von Jürgen Langowski. Heyne 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

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Mikka liest

Hologrammatica

Weißt du, wer dein Gegenüber wirklich ist? Mit Hologrammatica hat Tom Hillenbrand einen spannenden und unterhaltsamen Science-Fiction-Thriller geschrieben, in dem auch schon mal philosophische Fragestellungen aufgeworfen werden.

Die Hauptfigur ist der Londoner Galahad Singh, der als Quästor (oder Privatdetektiv) arbeitet und sich am Ende des 21. Jahrhunderts darauf spezialisiert hat, verschwundene Menschen wieder zu finden. Davon gibt es immer mehr, denn der Klimawandel hat eine weltweite Völkerwanderungen ausgelöst. Wer genug Geld hat, verlässt die Erde und sucht sein Glück im All. Auch das ist kein Problem. Der Rest der Menschheit passt sich den Gegebenheiten an.

Hologrammatica

Zum Glück ist der technische Fortschritt mittlerweile so weit, dass niemand das Elend mehr sehen muss. Die Funktion „Holonet“, ermöglicht es, visuelle Filter über die Realität zu legen. Mehr Schein als Sein ist die Devise der neuen Gesellschaft, in der auch Galahad versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und genug Aufträge an  Land zu ziehen. Als Ermittler stehen ihm verschiedene technische Möglichkeiten zur Verfügung. Dank „Stripper Goggles“, einer Art Brillenvariante, kann er die Realität ohne Holofilter erkennen. Nicht nur Gebäude und Landschaften werden durch das Holonet auf Hochglanz poliert, auch Menschen können ihr Aussehen durch Holofilter verändern. Schöne neue Welt. Doch es gibt noch ganz andere Möglichkeiten. Die kommerziell erfolgreiche Technik des Mind Uploading ermöglicht es, seine eigene Identität in fremde Körper zu laden. Bei gefährlichen Berufen, beispielsweise beim Militär oder bei der Feuerwehr, durchaus sinnvoll. Der fremde Körper kann verwundet werden, während der eigene Körper irgendwo in einem safe space verwahrt wird. Verschwundene Menschen aufzuspüren wird durch diese Technik aber um einiges komplizierter.

„Wissen Sie, was das Ein-Körper-Problem ist?“

Ich nickte. „Ein Quant kann seinen Stammkörper nicht länger als einundzwanzig Tage verlassen. Sonst ist es aus.“

„Korrekt. Braincrash-Absturz des Cogits mit kompletter Zerstörung der Datenstruktur. Gleichzeitig erleidet das Gefäß einen letalen anaphylaktischen Schock.“

„Gefäß?“

„So nenne wir einen uploadfähigen Klon.“

„Komischer Begriff“, sage ich.

„Ist aus dem Korintherbrief. ‚Wir haben den Schatz in irdenen Gefäßen‘. Auf jeden Fall kommt das Cogit nicht dauerhaft ohne Stammkörper aus […].“ (S.35)

Singhs neuester Auftrag: Er soll die Computerexpertin Juliette Perotte aufspüren, die an einer Verschlüsselungstechnik für Cogits gearbeitet hat. Bald stellt sich heraus, dass Perotte in Kontakt mit einem geheimnisvollen und genialen Programmierer stand. Hat er Juliette gekidnappt? Oder hat die Verschwundene selbst ein zu riskantes Spiel gespielt? Perotte gehörte zu einer Gruppe von „Deathern“, Adrenalinjunkies, die ihre eigene Identität in fremde Gefäße laden und diese Körper dann auf unterschiedlichste Arten umbringen, um den Moment des Todes immer wieder in anderen Varianten zu erleben. Nachdem Singh erste Kontakte zu dieser Szene geknüpft hat, wird ihm noch etwas anderes klar. Er findet Hinweise darauf, dass sein vor Jahren verschwundener Bruder (und bevorzugte Erbe des väterlichen Imperiums) noch am Leben ist …

Tom Hillenbrand jongliert in seinem Roman ziemlich gekonnt mit Descartes, Klonen, künstlicher Intelligenz und Identitätsbegriffen, dass es eine wahre Freude ist. Das liegt vor allen Dingen auch an seinem sympathischen Hauptcharakter, der ein Namensvetter eines der treuen Gefährten von König Artus ist, und eben nicht der typischste Detektiv aller Zeiten (auch wenn er sich gerne in Bars herumtreibt). Singh liebt Jazz, spielt selbst Saxophon, hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater (aber findet im Gegensatz zu ihm vielleicht den heiligen Gral?), und ist schwul. Als ihm Francisco begegnet, ist er sich sicher, dass sein Singledasein wieder vorbei ist. Aber was, wenn Francisco nur eine Hülle ist? Ein Gefäß, in dem eigentlich jemand ganz anderes steckt? Gerade im Bezug auf das Thema Gender bietet der Roman viele spannende Denkanstöße. Kann Galahad Francisco auch lieben, wenn dieser eigentlich eine Frau ist? Oder spielen Genderfragen 2088 gar keine Rolle mehr?   

Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, der atmosphärisch einen starken Kontrast zu Galahads Leben darstellt. Hier erinnern das Setting und Teile der Story an die Erfolgsserie Lost. Eine Frau findet sich auf einer einsamen Insel wieder. Sie bekommt eine Aufgabe, die sie erfüllen muss. Sie weiß, dass schon viele Frauen vor ihr da waren. Sie kann die Aufzeichnungen der anderen in einem Tagebuch lesen. Sie weiß auch, dass jede der Besucher*innen der Insel am Ende des Tages sterben wird…

Tom Hillenbrand hat einen rasanten Thriller geschrieben, der mich überzeugen konnte. Auch wenn ich mich an die sprachliche Gestaltung des Romans erst gewöhnen musste. Auch  einige Längen im Mittelteil werden durch ein actionreiches Ende wieder aufgefangen. Neben dem Fall um die verschwundene Programmiererin streift Hillenbrand auch große philosophische Themen: kann die Menschheit die Rettung der Welt in die Hände einer künstlichen Intelligenz legen? Sind die logischen Antworten einer Maschine auch  gerechter, weil sie emotionslos und ohne Eigeninteresse gefällt werden? Das offene Ende bietet Möglichkeiten für eine Fortsetzung. Ich wäre auf jeden Fall dabei. 

Tom Hillenbrand: Hologrammatica. Kiepenheuer & Witsch 2018.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Ein <3 für Sci-Fi – Sleeping Giants

Sleeping Giants ist der Debütroman von Sylvain Neuvel und ein absoluter Lesegenuss, wenn euer Herz für gute Science-Fiction schlägt. Einziger Wehrmutstropfen: Sleeping Giants ist nur der Auftakt der Reihe The Themis Files und Band 2 soll erst im nächsten Jahr erscheinen.

„I don’t believe in fate, but somehow ,small world‘ doesn’t begin to do this justice.“

(DR Rose Franklin)

Der Roman besteht aus  Interviews, Akten und Zeitungsartikeln, in denen es Neuvel gelingt, eine unnachahmliche Spannung aufzubauen. Im Prolog erfahren wir von einem kleinen Mädchen, das urplötzlich in ein Erdloch rutscht und sich unversehens in einer gigantischen Roboterhand wieder findet. Wer sie gebaut hat, aus welchem Material sie besteht – niemand weiß genaueres. Und die Geschichte wird vertuscht. Einige Jahre später wird  Rose zur Leiterin eines streng geheimen Forschungsprojektes, an dem nicht nur verschiedene internationale Unternehmen, sondern auch das Militär mitwirken. Denn überall auf der Welt tauchen gigantische Körperteile auf, die sich zu einer einzigen Figur zusammensetzen lassen. Und diese Figur lässt sich steuern…

„We always look forward.
We never look back.
But this thing . . . it’s different.
It challenges us. It rewrites history.
It dares us to question what we know about ourselves.
About everything.“

cover_jpg_rendition_460_707Zugegeben, Neuvel erfindet das Genre nicht neu und bedient sich hier und da literarischer Inspirationen. Ein riesiger Kopf der gefunden wird? In Castle of Otranto (1764) von Horace Walpole wird der Sohn des Helden Manfred von einem mysteriösen Riesenhelm erschlagen, im Labor der Forscher und in der Art ihrer Experimente fühle ich mich an Mary Shelleys Frankenstein (1818) erinnert und wem diese Referenzen zu weit weg erscheinen, der erinnere sich noch mal schnell an die Anime-Serie Neon Genesis Evangelion, die seit 1995 Maßstäbe in der Komplexität von Animes setzte. Auch in der Serie kommen überdimensionierte Kampfroboter vor, die allein von den sogenannten „Children“ gesteuert werden können. Ihnen gemeinsam ist, dass sie keine Mutter mehr haben und in dieselbe Schulklasse gehen.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Sleeping Giant in Neuvels Debüt. Die Piloten scheinen aus bisher noch unbekannten Gründen ausgewählt zu werden, so als würde sie sich der Roboter selbst aussuchen – und das führt im Laufe der Ereignisse zu ungeahnten moralischen und ethischen Fragestellungen, die von den Mitgliedern des Forscher*innenteams recht unterschiedlich beantwortet werden.

Neuvel schreibt unglaublich fesselnd und erst nach und nach enthüllen sich die unterschiedlichen politischen Verstrickungen und Geheimpläne der Regierung (Akte X lässt grüßen). Auch wenn ich sonst kaum Science-Fiction lese, bin ich nach dem ersten Band absolut begeistert. Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung sich diese Serie entwickeln wird, aber ich freue mich riesig auf den nächsten Teil.

Sylvain Neuvel –  Sleeping Giants. Book One of The Themis Files. 320 Seiten. Penguin.