Das eiserne Herz des Charlie Berg

Ein Debüt, das überraschen kann – „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ ist Liebesgeschichte, Künstlerroman, Krimi und ironische Beobachtung der Kulturlandschaft zugleich.

Charlie ist mit seinem Opa unterwegs, gemeinsam gehen sie auf die Jagd. Eigentlich befindet sich Charlie mental schon auf dem Sprung. Das Abitur hat er geschafft, jetzt ist endlich Zeit für den einsamen Leuchtturm und sein erstes Romanprojekt. In dem Moment, als Charlie den Hirsch sieht, den er erlegen will, sendet ihm das Tier eine Botschaft: „Wer mich tötet, wird sterben, so wie ich sterbe.“ Kurze Zeit später ist Charlie allein im Wald, der Hirsch ist tot, sein Opa ebenfalls und ein mysteriöser Fremder, der aus dem Nichts aufgetaucht ist, ist auch tot. Charlie wird den Tod nicht mehr los, dazu kommt sein schwaches Herz, das in verschiedenen Szenen des Romans aus dem Takt kommt oder zu brechen droht.

Dabei hat der 19-jährige angehende Romancier doch ohnehin schon genug Probleme. Charlies Familie ist etwas chaotisch, das mag daran liegen, dass sein Vater lieber kiffend Musik macht, als sich um Charlie und seine autistische Schwester Franzi zu kümmern, die seitenweise aus Romanen zitieren kann und die halbe Stadtbibliothek gelesen hat oder daran, dass seine Mutter sich nicht für die Familie interessiert und lieber als Regisseurin Karriere macht. Charlies Großeltern sind zum Glück ganz in Ordnung, am liebsten trifft sich die Familie zum Geschichten erzählen bei Hirschgulasch. Die Geschichte, die sich dann ereignet, ist eine ganz besondere Gulaschgeschichte, denn völlig unerwartet taucht Charlies Kindheitsliebe Mayra aus Mexiko auf, mit der Charlie regelmäßig Videobotschaften austauscht (es sind die 90er Jahre). Mayra befindet sich auf der Flucht vor ihrem Ehemann, der sich auf Drogengeschäfte eingelassen hat und das ist noch nicht alles.

Charlie wird den Tod nicht los, genau wie der Mörder in Süskinds Parfüm, hat er eine besondere Gabe, die ihm immer wieder hilft: sein Geruchssinn ist nahezu perfekt, zur Entspannung mischt er verschiedene Düfte und verbindet sie mit besonderen Menschen. Charlie kann Gefühle riechen, er riecht, wenn jemand gerade Sex hatte oder erschnuppert, wie sich eine Person fühlt. Doch das nützt ihm leider gar nichts, denn er steht nach dem unseligen Jagdunfall unter Mordverdacht und stolpert von einem Problem ins nächste und seine chaotische Familie ist an dieser Entwicklung nicht ganz unbeteiligt.

Als wäre das Lügengebäude, in dem ich seit Opas Tod Unterschlupf gefunden hatte, nicht schon baufällig genug. Mein ganzes Leben verwandelte sich allmählich in eine notdürftig kaschierte Lüge. Meine Wehrdienstuntauglichkeit hatte ich mir mit Hilfe einer Urkundenfälschung ermogelt, beim Jagen ohne Jagdschein hatte ich einen Mann lebensgefährlich verletzt, besaß Geld, dass ihm gehörte und plante, meinen Patenonkel freizukaufen, einen vom Goetheinstitut geförderten Marihuanakonsumenten, der es für eine gute Idee gehalten hatte, Drogen aus Thailand nach Deutschland zu schmuggeln.

Das einsame Herz des Charlie Berg

Doch dann ergibt sich ein Lichtblick in Charlies Leben: er darf bei dem regionalen Literaturfestival seiner Heimat lesen. Sein ehemaliger Deutschlehrer hat, ohne sein Wissen, einen alten Text seines Lieblingsschülers eingereicht, den Charlie eigentlich nur als Fingerübung für den großen Roman betrachtet hat. Doch dann kommt natürlich wieder alles anders als geplant.

Mich hat der Roman begeistert, auch wenn einige Szenen etwas drüber waren und mich stellenweise an frühe Romane von Irving erinnert. Schön ist, dass Stuertz Genrekonventionen vollkommen schnuppe sind. Der Text überrascht die Leser*innen, schlägt vollkommen unerwartete Wendungen und ist alles in allem ein Roman, der unfassbar viel Spaß macht. Das eiserne Herz des Charlie Berg ist auf jeden Fall mein Sommerhighlight in diesem Jahr.

Sebastian Stuertz: Das eiserne Herz des Charlie Berg. btb 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert.