Skulptur Projekte – Beliebte Stellen/Privileged Points

In Amsterdam im Stedelijk Museum hat Nairy Baghramian ihre Skulpturen 2011 das erste Mal gezeigt. Ich war zwar am Wochenende in Amsterdam, aber in der Stadt gibt es so viel zu sehen und wir haben einen Freund besucht, dass wir es leider nicht auch noch ins Museum geschafft haben. Auch im Berliner Kunstverein konnte man die offenen Ringe aus massivem Metall, die mit mehreren Schichten Lackfarbe überzogen wurden, schon in einer Ausstellung bewundern. Die Objekte sind bogenförmig und an vielen Stellen bleiben Tropfen von der Lackierung hängen. Das sieht irgendwie tentakelig-schön aus. Tentakelig oder wattwurmig, ich bin mir noch nicht sicher.

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In Münster stehen die glänzenden Lackkringel an prominenter Stelle auf dem Platz vor dem Erbdrostenhof. Das historische Gebäude wurde 1757 von Johann Conrad Schlaun gebaut. Wenn man Glück hat, kann man durch den Erbdrostenhof laufen. Auf der Rückseite des barocken Palais liegen die tropfigen Einzelteile von zwei weiteren Privileged Points, also diesen Kringelschlangen. Vielleicht warten sie darauf, dass sie zusammengebaut werden?

Unabhängig vom Kunstwerk wurde auch gerade eine Feier vorbereitet, aber ich finde die herumstehenden Tische stören fast gar nicht. ;)

Das Unvollständige ist in jedem Fall gewollt. Baghramian wartet darauf, dass das Werk nach der Ausstellung verkauft wird. Erst dann sollen die Einzelteile zusammengeschweißt und die Kringel wieder hergestellt werden. Gleichzeitig macht sie damit schon jetzt deutlich, dass ihre Kunst eigentlich überall zusammengebaut und aufgestellt werden kann und der Erbdrostenhof nicht unbedingt die einzige beliebte Stelle ist, an der die Skulptur stehen kann. Das gefällt mir.IMG_20170901_134505

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Die Skulptur Projekte 2017 sind in Münster noch bis zum 1. Oktober zu sehen. Privileged Points ist eins von 35 Objekten, die überall in der Stadt verteilt sind.

Der Eintritt ist frei.

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Skulptur Projekte – Nuclear Temple

Auf dem alten Zoogelände in Münster steht eine drei Meter hohe und 2,5 Tonnen schwere Stahlskulptur. Es handelt sich um den „Nuclear Temple“ und ich fand die Skulptur richtig toll. Der Künstler Thomas Schütte ist zum vierten Mal in Münster dabei und damit einmal mehr, als bei der Documenta in Kassel. 2017 hat er in Marl als Pendant zur Kirschensäule in Münster eine Melonensäule errichtet. Das ist für mich eigentlich schon genug Grund, um irgendwann in meinem Leben mal nach Marl zu fahren.  Aber zurück zur Skulptur.IMG_20170729_140623

Sie hat auf jeden Fall etwas von einem Tempel, irgendeinem antiken Kuppelbau vielleicht, an jeder der achte Seiten gibt es einen Torbogen. Das Material ist relativ ungewöhnlich, der runde Tempel besteht aus rostigen Stahlblechen. Im Innenraum befinden sich 16 Stahlwände, die alle auf das Zentrum des „Tempels“ ausgerichtet sind.  Angeblich soll der Kuppelbau an das ehemalige Elefantenhaus im alten Zoo erinnern und verweist damit auch auf Münsters Kolonialgeschichte, wie Nicola Torke im Begleitheft zu den Skulpturprojekten schreibt. In Münsters  Zoologischem Garten wurden von 1879 bis Ende der zwanziger Jahre Menschen ausgestellt. Besonders beliebt waren die „Völker Afrikas“, ein Renner war die „Sudanesen-Karawane“. 1894  kamen mehr als 2000 Besucher täglich in den Zoo, um während der achttägigen Show einen Blick auf die ausgestellten Menschen zu werfen. Die Kasse klingelte und das besondere Spektakel des „großen afrikanischen Hammelfestes“ (vielleicht mit live-Schlachtung – wer weiß) versprach noch mehr Profit. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade diese „Völkerschauen“ zur Verfestigung und Akzeptanz rassistischer und kolonialistischer Perspektiven beitrugen. Auch auf dieses düstere Kapitel Geschichte verweist der Tempel.

Es gibt Menschen, die versuchen, in diese kleinen Türen hineinzukriechen.IMG_20170729_141014 Wirklich hineinkriechen, können aber nur kleine Kinder. Manche von ihnen haben gesehen, dass Licht durch die Kuppel ins Innere des Tempels fällt. Durch die eingesetzten Stahlwände wirkt es so, als wäre der innere Kern des Tempels zersplittert. Nuclear – der Begriff verweist auf zwei Sachverhalte. Zum einen auf den Wesenskern eines Objekts, zum anderen auf atomare Katastrophen. Und sieht der Tempel nicht auch ein bisschen aus wie eine Atombombe? Ob Schütte jetzt auf Hiroshima und Nagasaki anspielt oder eine weitaus aktuellere Katastrophe im Kopf hat, wie Fukushima 2011, sei einmal dahingestellt. Ich habe mich sofort gefragt, ob der Tempel nicht vielleicht auch eine Art Bunker sein soll. Ein Schutzraum (Tempel klingt für mich da passend) für die Zeit nach einer atomaren Katastrophe. Ein Raum, in den nur Kinder passen, weil sie es wert sind, gerettet zu werden. Die Erwachsenen müssen leider draußen bleiben…

Mir hat an dieser Skulptur besonders gut gefallen, dass sie so offen für unterschiedlichste Assoziationen ist.

Was fällt euch ein, wenn ihr den Tempel seht?

 

Die Skulptur Projekte 2017 sind in Münster noch bis zum 1. Oktober zu sehen. Der Nuclear Temple ist eins von 35 Objekten, die überall in der Stadt verteilt sind.

Der Eintritt ist frei.