VOX

u1_978-3-10-397407-2.66914111Jeder Mensch verwendet pro Tag durchschnittlich 16.000 Wörter. Wenn wir uns morgens verabschieden, wenn wir im Büro sitzen und uns mit den Kolleg_innen unterhalten, wenn wir ein Brötchen beim Bäcker kaufen und einen kurzen Smalltalk halten. Linguist_innen haben schon vor Jahrzehnten eine signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern festgestellt, wenn es um den Gebrauch von Wörtern geht. Selbst wenn Frauen genau so viel sprechen wie Männer, wird es so wahrgenommen, als redeten sie deutlich mehr. Man kennt das Klischee: Frauen schnattern belanglos vor sich hin, Männer sprechen weise Worte und kommen dabei auch vernünftig auf den Punkt.

In Christina Dalchers Dystopie VOX entwirft die Autorin ein unfassbares Szenario. Frauen sind per Gesetz dazu angehalten, pro Tag nur 100 Wörter zu verwenden. Sprechen sie mehr, bekommen sie Stromschläge durch ein Armband verpasst. Die Ansage ist klar: Frauen halten die Klappe, kümmern sich um die Kinder und fallen ansonsten nicht so viel auf. Dann stören sie auch nicht so viel.

Erzählt wird die Geschichte von Jean McClellan, einer ehemaligen Neurolinguistin, die nicht mehr ihrer Forschung nachgehen darf. Sie hat sich nie besonders für Politik interessiert, aber schon ihre ehemalige beste Freundin  Jackie hatte sie gewarnt:

„Konservative Männer, die ihren Gott und ihr Land lieben.“ Sie seufzte. „Frauen nicht so sehr.“ „Das ist doch lächerlich“, erwiderte ich. „Sie hassen Frauen nicht“. „Was glaubst du, wer momentan am wütendsten ist? In unserem Land, meine ich.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Afroamerikaner?“ „Nein, Du Dussel. Der heterosexuelle weiße Mann. Er ist stinkwütend. Er fühlt sich entmannt. Eine Meute machthungriger kleiner Jungs, die es satthaben, dauernd ermahnt zu werden, einfühlsamer zu sein.“

Es kommt so, wie Jackie es prophezeit: eine Partei religiöser Fundamentalisten stellt den Präsidenten und Frauen werden langsam aus beruflichen und gesellschaftlich relevanten Positionen vertrieben. Dass die Anfänge dieser Entwicklung nicht bis ins Detail beschrieben wurden, störte mich nicht. Auch in Fahrenheit 451 werden die Leser_innen in eine dystopische Welt geworfen, deren Entstehungsbedingungen nicht sehr klar sind. Ungenauigkeiten und fehlende Informationen über die Entwicklung hin zum Status Quo sind Teil des Genres der literarischen Dystopie.

Jean kann in ihrer eigenen Familie beobachten, was die Politik der Regierung für Auswirkungen hat. Ihr ältester Sohn wird Mitglied der Bewegung der „Reinen“ und fängt an, seine Mitschüler_innen zu verraten. Ihre Tochter Sonia hingegen, gewöhnt es sich an, mit einem Wortzähler nach Hause zu kommen, auf dem eine Null steht. Weil Sonia den ganzen Tag über kein Wort gesprochen hat, wird sie von der Schule mehrfach ausgezeichnet. Ihre Mutter macht sich große Sorgen. Sie glaubt, dass Sonia die sprachlichen Defizite, die ihr antrainiert werden, nie wieder los wird.

»Mit sechs müsste Sonia über eine Armee von zehntausend Lexemen verfügen, individuelle Soldaten, die sich versammeln, strammstehen und den Befehlen ihres kleinen, noch formbaren Gehirns gehorchen. Müsste, wenn Lesen, Schreiben und Rechnen nicht auf ein einziges Fach reduziert worden wären: simple Arithmetik. Schließlich wird von meiner Tochter erwartet, eines Tages einzukaufen und einen Haushalt zu führen, eine ergebene und pflichtbewusste Ehefrau zu sein. Dafür braucht man Mathematik, keine Rechtschreibung. Keine Literatur, keine Stimme.« (S. 17)

Die Geschichte nimmt eine interessante Wendung, als der Bruder des Präsidenten einen schweren Unfall hat. Das Gehirnareal, das für die Sprache zuständig ist, wird massiv verletzt. Er kann nur noch unzusammenhängende Sätze formulieren. Jean hat in diesem  früher in der Hirnforschung gearbeitet und soll jetzt im Auftrag des Geheimdienstes an einem Heilmittel arbeiten. Dafür soll ihr für einige Wochen das Armband abgenommen werden. Was wird Jean mit ihrer neuen Freiheit anfangen?

Jean wird Teil der geheimen Forschergruppe. Hier trifft sie ihre ehemaligen italienischen Kollegen und Love-Interest Lorenzo wieder und leider reiht sich dann ein Klischee ans nächste. Er fährt gerne schnelle Autos, in seinem Büro steht stets eine Espressomaschine und er ist wahnsinnig toll im Bett und überhaupt ein Held. Ganz anders als Jeans Ehemann Patrick, der auch noch für den Präsidenten arbeitet und trotzdem nie darauf gekommen ist, seiner Frau zu helfen. Während die Grundidee gelungen und sehr provokant ist, ist spätestens bei Auftauchen der Figur Lorenzo ein deutlicher Qualitätsunterschied zu spüren. Wenn Jean nur noch in die starken Arme ihres Lovers sinken möchte, dann frage ich mich, was ich hier gerade lese und bin ein wenig gelangweilt.

Margarete Atwood, die Königin der Dystopie, hat mit A Handmaid’s Tale / Der Report einer Magd einen Klassiker der feministischen Dystopie geschrieben. An dieses Vorbild kommt Dalcher leider nicht heran, auch wenn der Kontakt der Hauptprotagonisten Jean mit dem „Widerstand“, den es tatsächlich auch gibt, doch deutlich an Atwood erinnert.

Bleibt in Fahrenheit 451 oder bei A Handmaid’s Tale ein offenes Ende, das zum Nachdenken anregt und viele Fragen unbeantwortet lässt, sorgt Dalcher mit einem Happy End dafür, dass ich kaum noch Fragen an die gesellschaftliche Entwicklung der USA in der Geschichte stellen muss. Die Stellschrauben werden zurückgedreht, die Bösen werden geschlagen, Jeans Familie findet ihr Glück in Italien (und die Entscheidung zwischen Ehemann und Lover wird Jean abgenommen). Das ist wirklich schon fast zu viel des Guten.

Trotzdem bleiben viele Beobachtungen, die Dalcher macht, erschreckend nah an der Realität. Und das macht den Roman sehr lesenswert.

„Ich lernte, wie leicht es für den Mann im Papierwarenladen ist, zu mir zu sagen: ‚Tut mir leid, Madam. Ich kann Ihnen das nicht verkaufen.‘ Ich lernte, wie schnell ein Handyvertrag annulliert werden kann und wie effizient junge Soldaten beim Anbringen von Kameras sind. Ich lernte, sobald ein Plan vorhanden ist, kann alles über Nacht passieren.“

 

Christina Dalcher: VOX. Übersetzt von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle.

Fischer 2018

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