Buch-Date III

Ein Date ist eine schöne Sache, ein Date mit einem Buch manchmal sogar noch besser. Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram haben zum dritten Buchdate gerufen. Nachdem mir von Tausend schon drei Bücher empfohlen wurden, darf ich jetzt Zeilenende drei Bücher empfehlen. Weil ich letzte Woche krankheitsbedingt darniederlag, leider alles etwas verspätet.

Und das waren Zeilenendes Hinweise:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?

Siegfried Lenz – Das Vorbild (Super Stil)
Michael Nast – Generation Beziehungsunfähig (Unter viel ermüdendem Blabla zumindest ein paar intelligente Gedanken entdeckt)
Jonathan Stroud – Bartimäus. Das Amulett von Samarkand (durchschnittlich gute Urban Fantasy Geschichte mit viel Luft nach oben)

Dein Lieblings-Genre?

Science Fiction

Deine drei liebsten Autor*innen?

John Irving, C. S. Forester, Stanislaw Lem

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?

Die „Zu“-Bücher: Zu blutrünstig, Zu gruselig, Zu schmalzig, Zu unsauber recherchiert (Spezialkriterium für Historische Romane 😉 ) Ansonsten lese ich alles von leichter Unterhaltung aus dem Regal „Starke Frauen“ bis zu schwerer Übersetzung (das Gegenteil von Unterhaltung) aus der Abteilung „Metaphysik für Fortgeschrittene“.

Tja, was soll ich sagen. Metaphysik für Fortgeschrittene ist jetzt so gar nicht meins, aber ich habe da ein paar andere Ideen. 😉

1) Arno Schmidt – Die Gelehrtenrepublik

Die Gelehrtenrepublik (1957) ist ziemlich durch und macht sehr viel Spaß und ich habe gerade Lust, dir Arno the Schmidt zu empfehlen. Worum geht es? Der fiktive Urgroßneffe von Arno Schmidt, Charles Henry Winer (höhö!), macht als ausgewählter Reporter eine Reise zur IRAS (International Republic for Artists & Sciences). Wir schreiben das Jahr 2008, Europa ist dank atomarer Katastrophe verstrahlt und wichtige Künstler und Wissenschaftler finden auf der Insel IRAS ideale Bedingungen um in aller Ruhe Hochkultur zu produzieren. Das ganze läuft natürlich anders ab, als Charles Henry sich den Besuch der hohen Stätte der Kultur so vorstellt. Es gibt wilden Zentaurensex, viele Fragen um Kunst, Kultur und das Leben von Schriftstellern und noch ein bisschen Kalten Krieg dazu. Sehr lesenswertes Ding und auch wenn ich meine Masterarbeit darüber geschrieben habe – würde ich den Roman immer wieder lesen. ;) Und auch wenn in der Wissenschaft diskutiert wird, ob Arno jetzt Science-Fiction geschrieben hat, oder nicht – dystopisch wird es auf jeden Fall!

2) Xu Zechen – Im Laufschritt durch Peking

Dunhuan, Mitte zwanzig, will in Peking eine Menge Kohle machen und schließt sich einer Bande von Dokumentenfälschern an, bis er im Knast landet. Drei Monate sitzt er, dann kommt er wieder raus und landet erneut auf der schiefen Bahn. Er lernt Xiaorong kennen, mit der er illegal DVDs verkauft, aber dann kommt ihr Ex zurück und Dunhuang ist wieder alleine. Der Sandsturm kommt und dann trifft er Qibao… Im Laufschritt durch Peking ist das letzte Buch, das ich gelesen habe. Und es ist toll. Xu Zechen schreibt sehr lakonisch, direkt und atmosphärisch schön. Es geht darum, in einer riesigen Stadt wie Peking irgendwie zu Geld zu kommen, wenn man eigentlich keine Möglichkeiten hat, etwas zu ändern. Ich habe mich – zumindest von der Atmosphäre her – an Lost in Translation erinnert, aber Im Laufschritt durch Peking ist sehr viel temporeicher und tragischer.

3) Sylvain Neuvel – Sleeping Giants

Meine Rezension findest du hier.

 

Lieber Ulf,

ich bin schon sehr gespannt, für welches Buch du dich entscheiden wirst und wünsch dir ganz viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

[Rezension]Ein <3 für Sci-Fi – Sleeping Giants

Sleeping Giants ist der Debütroman von Sylvain Neuvel und ein absoluter Lesegenuss, wenn euer Herz für gute Science-Fiction schlägt. Einziger Wehrmutstropfen: Sleeping Giants ist nur der Auftakt der Reihe The Themis Files und Band 2 soll erst im nächsten Jahr erscheinen.

„I don’t believe in fate, but somehow ,small world‘ doesn’t begin to do this justice.“

(DR Rose Franklin)

Der Roman besteht aus  Interviews, Akten und Zeitungsartikeln, in denen es Neuvel gelingt, eine unnachahmliche Spannung aufzubauen. Im Prolog erfahren wir von einem kleinen Mädchen, das urplötzlich in ein Erdloch rutscht und sich unversehens in einer gigantischen Roboterhand wieder findet. Wer sie gebaut hat, aus welchem Material sie besteht – niemand weiß genaueres. Und die Geschichte wird vertuscht. Einige Jahre später wird  Rose zur Leiterin eines streng geheimen Forschungsprojektes, an dem nicht nur verschiedene internationale Unternehmen, sondern auch das Militär mitwirken. Denn überall auf der Welt tauchen gigantische Körperteile auf, die sich zu einer einzigen Figur zusammensetzen lassen. Und diese Figur lässt sich steuern…

„We always look forward.
We never look back.
But this thing . . . it’s different.
It challenges us. It rewrites history.
It dares us to question what we know about ourselves.
About everything.“

cover_jpg_rendition_460_707Zugegeben, Neuvel erfindet das Genre nicht neu und bedient sich hier und da literarischer Inspirationen. Ein riesiger Kopf der gefunden wird? In Castle of Otranto (1764) von Horace Walpole wird der Sohn des Helden Manfred von einem mysteriösen Riesenhelm erschlagen, im Labor der Forscher und in der Art ihrer Experimente fühle ich mich an Mary Shelleys Frankenstein (1818) erinnert und wem diese Referenzen zu weit weg erscheinen, der erinnere sich noch mal schnell an die Anime-Serie Neon Genesis Evangelion, die seit 1995 Maßstäbe in der Komplexität von Animes setzte. Auch in der Serie kommen überdimensionierte Kampfroboter vor, die allein von den sogenannten „Children“ gesteuert werden können. Ihnen gemeinsam ist, dass sie keine Mutter mehr haben und in dieselbe Schulklasse gehen.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Sleeping Giant in Neuvels Debüt. Die Piloten scheinen aus bisher noch unbekannten Gründen ausgewählt zu werden, so als würde sie sich der Roboter selbst aussuchen – und das führt im Laufe der Ereignisse zu ungeahnten moralischen und ethischen Fragestellungen, die von den Mitgliedern des Forscher*innenteams recht unterschiedlich beantwortet werden.

Neuvel schreibt unglaublich fesselnd und erst nach und nach enthüllen sich die unterschiedlichen politischen Verstrickungen und Geheimpläne der Regierung (Akte X lässt grüßen). Auch wenn ich sonst kaum Science-Fiction lese, bin ich nach dem ersten Band absolut begeistert. Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung sich diese Serie entwickeln wird, aber ich freue mich riesig auf den nächsten Teil.

Sylvain Neuvel –  Sleeping Giants. Book One of The Themis Files. 320 Seiten.

Penguin Random House 2016.

ISBN: 978-0-718-18169-7