Die besten Erzählungen von T.C. Boyle – Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte

 

„Meine Agenten sagen immer, ich soll nicht so schnell schreiben. Ich schreibe aber nicht wegen des Geldes, Schreiben ist mein Leben! Vielleicht schreibe ich ganz viele Bücher auf Vorrat, dann könnte man die noch nach meinem Tod jahrelang herausbringen. Wie Jim Morrison, der bringt auch noch jedes Jahr eine neue Platte heraus.“

 T.C. Boyle, gefunden auf der deutschsprachigen Boyle Seite *klick*

Ich gehöre zu den glücklichen Schüler:innen, die das erste Mal am Zentralabitur teilnehmen durften. Das war 2007 und ist mittlerweile schon ein bisschen länger her. In NRW stand der Schriftsteller mit dem langen zweiten Vornamen auf dem Plan und wir quälten uns ein Halbjahr lang durch Tortilla Curtain, ein Roman über mexikanische Einwanderer in den USA, der auf Deutsch den schmucken Titel América trägt. Im Roman geht alles schief, was man sich ausdenken kann und von Seite zu Seite geht alles nur noch den Bach herunter. Ich war so genervt von dem Roman, dass mir die tragische Geschichte um das absolute Scheitern des American Dream, das beispielhaft an einem  illegal in den USA lebenden Pärchen beschrieben wird, am Ende gar nichts mehr sinnvolles sagen konnte. Dabei hatte ich im selben Jahr zum ersten Mal  Drop City gelesen und geliebt. Denn T. C. Boyle ist einfach Rock’n’Roll.

als_ich_heute_morgen_aufwachte_war_alles_weg_was_ich_mal_hatte-9783423216159Mittlerweile ist, um eine aktuelle Kurzgeschichte vom Meister selbst zu zitieren, wirklich viel Whiskey den Fluss hinuntergeflossen. Ich habe verschiedene Romane von T.C. Boyle gelesen. Und T.C. Boyle ist neben Joey Goebel, Arno Schmidt und Walter Moers,  einer meiner Lieblingsschriftsteller geworden. Denn ich habe das Gefühl, dass ich mit seinen Romane nie etwas falsch machen kann. Ich mochte Dr. Sex, ich fand Drop City genial. Und ich bin vor kurzem auf eine Kurzgeschichtensammlung von ihm gestoßen, die erst letztes Jahr erschienen ist. Als ich heute Morgen aufwachte, war alles weg, was ich mal hatte umfasst acht Kurzgeschichten mit epischen Titeln wie Torschlusspuder oder Chicxuluclub. Wörter, von denen ich noch nicht einmal genau wusste, was sie denn jetzt eigentlich bedeuten sollen.

Schon die erste Kurzgeschichte hat es in sich. Es geht dem Titel nach um „Moderne Liebe“, es geht um die Angst vor Infektionen und ein Sagrotantuch-Mädchen und ein Ganzkörperkondom und der letzte Satz zieht dir die Schuhe aus. In „Wenn der Fluss voll Whiskey wäre“, geht es um einen verzweifelten Familienvater, dessen Ferienidylle große Risse bekommt und in der „Windsbraut“ sucht eine Vogelfotografin die Liebe und breitet dann ihre Schwingen weiter aus, als irgendjemand erwarten konnte. Es geht um verschwundene Töchter, kaputte Lebensentwürfe, verzweifelte Liebe und Gefahren, die bis zu apokalyptische Bedrohungen ausufern. Es geht um Familien, die  aus Angst vor den Auswirkungen der zivilisierten Welt auf das eigene Seelenleben in die Wildnis fliehen und um ein Pärchen, das die Wildnis in Form einer Raubkatze ins eigene Wohnzimmer holt. Mensch vs. Natur und wer den Kürzeren ziehen wird, ist relativ klar.

Kurzgeschichten gefallen mir besonders gut. Egal ob Alice Munro oder Julie Orringer, bisher habe ich mit Kurzgeschichtensammlungen noch nie etwas falsch gemacht. T. C. Boyle ist da keine Ausnahme. In den acht Erzählungen sind seine Helden cool und kaputt und gleichzeitig manchmal so normal, dass es fast weh tut. Sie manövrieren sich in ausweglose Situation und müssen sich auf einmal vor vollendete Tatsachen stellen. Ein kleiner Moment erzählt auf einmal das ganze Leben und bestimmt alles, was noch kommen wird.

Ich wollte sagen, dass ich keinen Platz hatte für das Tier, dass ich keine Katze welcher Art auch immer wollte und auch kein Meerschweinchen oder einen Fisch in einer Glaskugel, dass die zehn Dollar unwichtig waren, aber alle sahen mich an, und ich konnte keinen Rückzieher machen, ohne dass mir die Schamesröte ins Gesicht gestiegen wäre – und Daria war ebenfalls zu berücksichtigen, weil auch sie mich ansah. „Ja“, sagte ich. „Ja, okay, klar.“ (Zähne und Klauen, S. 189)

Boyles Helden scheitern, ohne hilflos zu wirken. Das macht sie so sympathisch.

Wenn ihr Lust habt auf ein kleines bisschen Rock’n’Roll zwischendurch und euch Hart auf Hart gerade zu lang ist, könnt ihr ja einen Blick auf Boyles Short Stories werfen. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, dieses Jahr möglichst viele T. C. Boyle – Romane zu lesen. Habt ihr Ideen, mit welchem Roman ich anfangen könnte?

[Rezension] Der Doktor ruft zum Interview – Dr. Sex

Prüderie und Prärie. Es ist das Jahr 1939 und an der Uni Indiana ist so etwas wie eine sexuelle Revolution losgebrochen – also, zumindest fast. Dr. Kinsey, Zoologieprofessor und bisher bekannt für seine Forschungen über Insekten, hält Vorträge für verlobte Studierende, sogenannte „Eheseminare“ und zeigt, was Sache ist. Bilder von Geschlechtsorganen, Aufklärung über Verhütungsfragen – den Studierenden schlackern die Ohren. Kinsey ist in seinem Element. Ganz im Sinne der Wissenschaft versucht er im prüden Amerika Schranken einzureißen und macht sich damit nicht unbedingt beliebt. Unter den Zuhörer_innen befindet sich auch John Milk, ein junger Wissenschaftler, der von Kinseys Charme hingerissen ist. Sofort meldet er sich für eines der Interviews, die Kinsey angekündigt hat und für die er eifrig Freiwillige sucht. John wird Teil einer der ersten und größten Sexumfragen der Geschichte, die offenbaren soll, dass eben doch vieles ganz anders läuft, als es die gängige Moral vorschreibt. Kinsey zeigt besonderes Interesse an Johns Ausprägung auf der von ihm entwickelten Kinsey-Skala, die die sexuelle Orientierung eines Menschen messen soll und von 0 (heterosexuell) bis 6 (homosexuell) verschiedene Ausprägungen der Bisexualität in einem einzelnen Zahlenwert erfasst. Ein Skandal, war die „H-Frage“ zu dieser Zeit doch mehr als umstritten und wurden doch noch unterschiedliche sexuelle Praktiken per Gesetz verboten. John erreicht eine 3, Kinsey sieht Potenzial in John. Er stellt ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter ein und bildet ihn für Interviews aus. Doch der Doktor ist keine einfache Person. Kinsey verlangt absolute Folgsamkeit, rekrutiert seine Mitstreiter_innen im Kampf gegen die Unterdrückung der Sexualität mit fragwürdigen Methoden und sorgt doch dafür, dass sich eine verschwiegene Gemeinschaft bildet, deren Kern seine Mitarbeiter_innen sind – der Inner Circle.

Hier gelten andere Regeln. Gegen die Unterdrückung, gegen die Prüderie der Gesellschaft setzt Kinsey in aufklärerischer Manier, die bisweilen ins Diktatorische übergeht, die Befreiung der eigenen Mitarbeiter_innen voraus. Wie sonst sollen sie auch Interviews führen können? Milk verfällt Kinsey mehr und mehr, wird ihm nahezu hörig, tut alles, was der Sexgott von ihm verlangt – seien es tausende Überstunden auf der Jagd nach Interviewpartnern oder eben auch homosexuelle Gefälligkeiten, die für Kinsey (oder Prok, wie er genannt wird), besonders ansprechend sind. Auch wenn Prok an den geselligen Wochenenden gerne nackt durch den Garten flaniert und Sex mit seinen Mitarbeiter_innen hat – der Schein muss gewahrt werden. Nach außen präsentiert sich die Gruppe als vertrete sie die drei großen Ks – oder zumindest zwei. Frauen in der Küche, Kinder im Garten – bürgerliches Idyll. Prok arbeitet an einer Veröffentlichung über die Sexualität des Mannes, bald soll eine über die Sexualität der Frau folgen. Doch das Projekt ist gefährdet, Journalisten bespitzeln die Gruppe, das schweißt den kleinen Kreis nur noch mehr zusammen.

Das Interesse da draußen wächst, und das wißt ihr. Sobald sie Witterung aufgenommen haben, werden sie wie die Bluthunde hinter uns her sein, und sie werden die Zahlen aus dem Zusammenhang reißen und uns als Scharlatane hinstellen und in dieselbe Schublade stecken wie die Nudisten oder die Vegetarier oder die Leute von der Gesellschaft gegen Tierversuche. Stellt euch doch mal vor, was sie mit einer Tabelle wie der machen würden, die John neulich angefertigt hat, in der das Alter von Männern und Frauen zum Zeitpunkt der maximalen sexuellen Betätigung verglichen wird. Oder über die Häufigkeit von H-Aktivitäten. Oder über außereheliche Beziehungen. […] Stellt es euch vor. […] Denn es wird eine Invasion geben. (415)

Irgendwann reichen Befragungen  nicht mehr aus – Prok will Action sehen. Iris ist die einzige, die sich gegen Proks Allmachtsanspruch zur Wehr setzt. Sie versucht John die Augen zu öffnen. Wenn Prok behauptet: „Wir sind bloß menschliche Säugetiere“ –  wo bleibt dann die Liebe?

T.C. Boyle hat mit Dr. Sex einen Roman geschrieben, in dem zwar sehr viel über Interviews und Sex gesprochen wird – explizites aber Leerstelle bleibt. So berichtet John, dass er zwar „erst spät nach Hause kam“, aber nicht, was tatsächlich zwischen ihm und Prok gelaufen ist – doch wir können es uns denken. Dabei erweist sich der naive John als interessanter Vermittler zwischen Leser_in und beschriebener Realität. Milk ist der Bewunderer, der Guru-Anhänger, derjenige, der dem Missionar glaubt. Kinsey bleibt so eine schwer zu fassende Figur, was vor allen Dingen daran liegt, dass John zu sehr in einer Heldenverehrung gefangen bleibt und das auf Kosten einer bissigen Zeichnung des Gurus geht. Doch daran liegt die interessante Ambivalenz, mit der hier der Sexforschung um Kinsey begegnet wird. Immerhin ebnete Kinsey auch den Entwicklungen der 1960er Jahre durch seine Forschung den Weg. Gleichzeitig wird ein Sittengemälde der 1940er gezeigt, das die Prüderie der Zeit gekonnt offenbart, ohne Kinsey zu verklären. Der idealistisch angelegten Revolution folgt eine nicht autonome Sexualität, die vom Guru abhängig ist. Und das wird schnell deutlich, auch wenn T. C. Boyle nicht versucht, die Forschung von Prok zu verdammen. Interessant, denn bereits mit Erscheinen des Romans 2004, liefen, wie in guten alten Zeiten, konservative amerikanische Kreise Sturm. Doch Boyle idealisiert Kinsey auch nicht. Durch seine Sexforschung entstehen Abhängigkeitsbeziehungen, Prok mischt in allen Lebensbereichen seiner Mitarbeiter_innen mit – wie viel Freiheit bleibt noch, wenn Prok die Revolution an sich reißt?

T. C. BOYLE: Dr. Sex (=The Inner Circle). Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2005.

ISBN 978-3-446-20566-6