Swing Time

ZadieSmith

 Swing Time ist ein Porträt einer besonderen Freundschaft. Es beginnt mit zwei Mädchen in den 1980er Jahren und der Liebe zum Tanzen…

 

 

Wir hatten beide den identischen Braunton, als hätte man ein Stück hellbraunen Stoff durchgeschnitten, um uns beide daraus zu machen, unsere Sommersprossen sammelten sich an den gleichen Stellen, wir waren gleich groß. (S.19)

Die namenlose Ich-Erzählerin begegnet ihrer Freundin Tracey  zum ersten Mal 1982 in der Ballettstunde von Miss Isobel. Beide Mädchen haben schwarze Mütter und weiße Vater und beide träumen davon, die Londoner Sozialwohnungen endlich hinter sich zu lassen. Die Mutter der Ich-Erzählerin ist in dieser Hinsicht deutlich ambitionierter als Traceys Mutter. Sie stammt ursprünglich aus Jamaica, glaubt daran, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg ist und schreibt sich als erwachsene Frau noch einmal an der Uni ein.

Ich wusste, dass meine Mutter von zu Hause fortgegangen war, um genau dem zu entkommen, damit ihre Tochter einmal nicht als Kind mit Kind endete, denn ihre Tochter sollte nicht einfach nur über die Runden kommen, wie meine Mutter es getan hatte – sie sollte wachsen und gedeihen und möglichst viele unnötige Fähigkeiten erwerben, Steppen beispielsweise. (S.36)

Aber die Ich-Erzählerin scheitert kläglich im Steppkurs und später auch im Ballett. Tracey hingegen hat großes Talent. Von Anfang an schwingt eine große Rivalität in der Freundschaft der Mädchen mit. Dabei geht es nicht nur um den Tanzunterricht. Die Familien der beiden könnten, trotz gleicher Größe und Sommersprossen, nicht unterschiedlicher sein. Traceys Vater ist dauernd im Gefängnis, ihre Mutter interessiert sich kaum für ihre Tochter. Als die Ich-Erzählerin ihre kurze Ballettkarriere aufgibt, gestaltet sich auch die Freundschaft zu Tracey zunehmend schwierig.

Während die Mädchen als Kinder zusammen Tanzfilme sahen, sind diese idyllischen Zeiten bald vorbei. Besonders beeindruckte die Ich-Erzählerin der Film Swing Time,  ein Film mit Fred Astaire und Ginger Rogers von 1936. Im Film tritt Fred Astaire mit Blackface auf – sein Tanz soll eine Hommage an den schwarzen Stepptänzer Bill Robinson sein.  Als Kind hat die Ich-Erzählerin den Film geliebt, als sie ihn als Erwachsene noch einmal sieht, ist sie geschockt von der rassistischen Darbietung. Tracey versucht ihr Glück am Theater, die Ich-Erzählerin stürzt sich ins Studium. Als sie bei einem Radiosender arbeitet, lernt sie die Sängerin Aimee, ein gefeiertes Popsternchen, kennen. Die Ich-Erzählerin wird Aimees Assistentin und hört zwölf Jahre nichts mehr von Tracey – bis sich der Spannungsbogen zum Prolog wieder schließt. Der Roman entfalte eine Geschichte vom Siegen und Scheitern und von den Potenzialen, die in einer Freundschaft stecken und die verloren gehen können.

In der Zwischenzeit folgen die Leser*innen dem Weg der beiden Freund*innen: wird sich Traceys Traum vom Broadway erfüllen? Und wohin führt der Weg der Ich-Erzählerin? Smith schickt die Leser*innen auf eine Reise durch die Sozialwohnungen Londons über New York bis nach Gambia. Zadie Smith erzählt nicht chronologisch, sondern wirft Schlaglichter auf verschiedene Stationen im Leben der Ich-Erzählerin, die immer wieder eine Verbindung zu Tracey sucht, selbst wenn sie die ehemalige Freundin nur auf einem Plakat sieht oder ihren Namen googelt. Durch diesen Aufbau werden viele verschiedene Themen wie Freundschaft, kulturelle Identität oder die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern immer wieder präsent.

„Es ist ein Leben im Schatten, und irgendwann zermürbt einen das. Kindermädchen, Assistentinnen, Agentinnen, Sekretärinnen, Mütter – Frauen sind das gewohnt. Männer haben eine niedrigere Toleranzschwelle.“ (S. 448)

Es ist zunächst ein wenig irritierend, dass die Ich-Erzählerin in diesen ganzen Beschreibungen relativ konturlos bleibt. Sie führt lange Zeit ein solches Leben im Schatten, definiert sich in Abgrenzung zu Tracey oder zu Aimee, aber wirkt häufig sehr passiv. Sie wirkt eher wie eine Linse, durch die man Traceys Leben verfolgt oder das Leben ihrer Mutter, die nach ihrem Studium in der Politik Erfolg hat. Ihre Identitätslosigkeit geht mit ihrer Heimatlosigkeit einher und auch ihr fehlende Name (helft mir, wenn ich ihn überlesen haben sollte) trägt zu diesem Eindruck bei. Gleichzeitig werden über die Ich-Erzählerin die unterschiedlichen Themen, ob aus Pop oder Politik, die Identität bestimmen, kanalisiert. Und das kann auch der King of Pop sein, den die Ich-Erzählerin zufällig im Fernsehen sieht.

Also, Michael, sagte sie, kommen wir jetzt zu dem Punkt, der im Zusammenhang mit dir vielleicht am meisten diskutiert wird, die Tatsache nämlich, dass deine Hautfarbe so ganz anders ist als früher, das hat ja eine Menge Spekulationen und Kontroversen ausgelöst, was du hast machen lassen oder noch machen lässt …? (S.327)

Neben der Geschichte der Freund*innen werden also unendlich viele weitere Diskurse und Themen angeschnitten. Ein wichtiges Thema, das neben dem Thema Gender zur Sprache kommt, ist Race und dabei vor allen Dingen auch kulturelle Appropriation. Das fängt schon damit an, dass Aimee eine Fotoaustellung hat, in der sie Fotos ausstellt, die sie von einem anderen Künstler abfotografiert hat. Die Popsängerin Aimee generiert sich in einer White-Savior-Mentalität zur Retterin der „armen Kinder in Afrika“ und plant eine Schule zu bauen. Die Ich-Erzählerin muss als Aimees Assistentin vor Ort sein und die Umsetzung des Projekts koordinieren. Wurde sie in London noch als Schwarz gelesen und als eindeutig zur Unterschicht gehörend, erscheint sie in Gambia wie eine Weiße, die denselben Retter-Komplex hat wie Aimee und ein privilegiertes Leben führt. Es geht um Zugehörigkeiten und soziale Codes, die das Individuum bestimmen. Smith gelingt es dabei meisterhaft zu zeigen, wie variabel diese Zugehörigkeiten sind.

Zadie Smith hat einen Roman geschrieben, den ich innerhalb weniger Tage verschlungen habe. Die Geschichte ist so komplex und gleichzeitig genial aufgebaut, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Es ist nicht nur die tolle Story, die mich begeistern konnte,  auch Smiths Schreibstil hat mich beeindruckt.

Habt ihr vielleicht noch andere Lesetipps für mich? Welche Bücher von Zadie Smith würdet ihr noch empfehlen?

 

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. 625 Seiten.

Kiepenheuer & Witsch 2017.

 

Weitere Rezensionen findet ihr bei

Portable Magic Pages

Lottekind

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen. Vielen Dank!

 

 

 

 

 

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[Rezension] Cinderella in Chinatown – Wenn die Liebe tanzen lernt

Wenn die Liebe tanzen lernt von Jean Kwok

Wenn die Liebe tanzen lernt begegnete mir das erste Mal auf Primeballerinas Blog. Ich wollte den Roman unbedingt lesen, auch wenn das Cover  nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht. Zu pink und einen Tick zu kitschig und auch der Titel klang für mich erst einmal wenig einladet, die englische Version Mambo in Chinatown klang für mich deutlich vielversprechender. Und ich bin nicht enttäuscht worden.

Charlie Wong lebt mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester Lisa in Chinatown in New York. In der Schule war sie keine große Leuchte und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehen nicht gut aus, so dass sie als Tellerwäscherin in einem chinesischen Restaurant ihr Geld verdient. Ihr Vater ist der große Nudelmeister des Viertels und genießt relativ großes Ansehen als Koch. Eine andere Arbeit als im Restaurant kann und will er sich für seine älteste Tochter nicht vorstellen. Als Lisa Charlie dazu überredet, einen neuen Job als Rezeptionistin in einem Tanzstudio anzutreten, eröffnen sich für Charlie neue Welten – Turniertanz, Profisport, Glitzertrikots. Das Tanzstudio wird zum Sehnsuchtsort. Durch Zufall und wie das in Märchen eben so ist, darf sie selbst auch aufs Parkett und die Profis erkennen ihr verstecktes Talent, das ihr in die Wiege gelegt wurde. Charlie und Lisas Mutter war selbst Balletttänzerin in China, bevor sie mit ihrem Mann in die USA immigrierte. Charlies Vater kann sich ein Leben für seine Töchter, besonders nach dem Tod seiner Frau, außerhalb der chinesischen Community nicht vorstellen und lateinamerikanische Tänze rangieren für ihn irgendwo im Bereich des Striptease. Doch Charlie gibt nicht auf und versucht alles, um ihren Traum zu verwirklichen.

Während alle anderen ihre Einzelstunden gaben, suchte ich mir ein ruhiges Eckchen und ging noch einmal alles durch, was ich an diesem Tag gelernt hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, etwas gefunden zu haben, für das ich ein gewisses Talent mitbrachte. Wie sagte Patentante immer: Aus dem Nichts entsprang das Universum. (S.181)

Charlie ist eine sehr sympathische Figur, die sich allerdings generell viel zu wenig zutraut. Aber das muss so sein, denn so funktioniert die Wandlung vom unscheinbaren Entchen zum hübschen Schwan so viel besser. Und das Universum meint es eben gut mit ihr.

Natürlich lauert da noch ein potentieller Love-Interest im Studio, ein Prince Charming, der nur noch ihren zweiten Tanzschuh finden muss. Doch wer gewinnt ihr Herz? Ist es der gutaussehende Profitänzer, der allerdings schon seinen Ruf als Frauenschwarm weg hat oder ihr hinreißender Tanzschüler, mit dem sie laut Vertrag allerdings keine Beziehung anfangen darf? Doch zum Glück ist der Roman gar nicht so sehr eine Liebesgeschichte, viel mehr geht es um eine junge Frau, die endlich ihre Bestimmung findet und entdeckt, was sie mit ihrem Leben machen möchte – und das ist einfach: Tanzen.

Der Roman war gerade dann gut und wirklich gelungen, wenn es um die Szenen im Tanzstudio ging. Jean Kwok weiß einfach, wovon sie schreibt und es hat mir richtig Spaß gemacht, über die unterschiedlichen Tänze und die Profitszene mit ihren Licht- und Schattenseiten zu lesen. Ich habe mich fast so gefühlt, als würde ich mit im Studio stehen. Und wer möchte, kann die Autorin, die selbst jahrelange Tanzerfahrung hat, auch auf YouTube bewundern. *klick*

Außerdem gefielen mir die interessanten Beobachtungen und Details aus dem Leben der jungen chinesischen Migrant_innen oder ABCs (american-born chinese), die auf der einen Seite den strengen Traditionen ihrer Familien entsprechen sollen und andererseits ein selbstbestimmtes Leben führen wollen, das ohne arrangierte Ehen und importierte kulturelle Vorstellungen, Traditionen und Aberglauben auskommt.

Während Charlie sich durch die Schrittfolgen des Rumba kämpft, geht es ihrer kleinen Schwester immer schlechter. Ist es Schulstress oder steckt mehr dahinter? Ihr Vater vertraut auf die traditionelle chinesische Medizin, aber Charlie merkt, dass er ihrer Schwester so nicht helfen kann. Dabei ist ihr Onkel einer der berühmtesten Heiler des Viertels und die bekannte Hexe der Gegend, „die Vision“, hat ebenfalls angefangen, sich in das Leben der Familie einzumischen.

Während das Tanzen und das Aufeinanderprallen der westlichen und der östlichen Traditionen besonders interessant waren, ist die Liebesgeschichte relativ vorhersehbar. Andererseits – welche Zuschauer_innen erwarten bei Dirty Dancing oder Step Up denn ernsthaft überraschende Wendungen? Cinderella bekommt doch auch das Kleid und die Kutsche und den Prinzen und ihren (Tanz-)Schuh und Baby darf die Melone tragen und am Ende am Tanzwettbewerb teilnehmen. Baby vertritt die echte Tanzpartnerin, die wegen einer Abtreibung leider gerade unpässlich ist, aber bevor die Realität mit aller Wucht zuschlägt, darf Baby noch zu (I had) The Time of my Life tanzen. Und die Hebefigur klappt auch. Und auch Charlie tanzt sich im Roman ins Herz des Richtigen und es gibt ein Happy End, das zeigt, dass die angedeuteten Probleme und schwere Schicksalsschläge lösbar sind. Das ist vielleicht ein bisschen viel Zuckerguss, hat für mich aber wirklich gut in die Weihnachtszeit gepasst.

Wie in jedem Tanzfilm steht auch dieser Roman unter dem Motto „You can do it, if you really want“. Das liest sich so leicht und wunderbar fluffig und fühlt sich an wie ein Paillettenkleid mit Tüll und einer riesigen Schleife, die leise summt: „Ich bin ein Märchen“. Und dann ist es auch in Ordnung, dass ein unbeschriebenes Blatt in wenigen Monaten zum Fast-Profi aufsteigt, das macht Baby ja nicht anders. Wer Tanzfilme mag, wird den Roman lieben.

Übrigens gibt es noch einen anderen Kandidaten, der von der Nudelküche zum Großmeister seiner Kunst aufsteigt, der allerdings figurentechnisch kaum mit einer Ballerina mithalten kann: Kung-Fu-Panda. Obwohl er eigentlich den Nudeltraum haben und den Familienbetrieb fortführen sollte, führt ihn sein Schicksal zum Kampfsport. Karma und Universum haben eben immer  Recht. Aber nur bei DreamWorks und im Märchen können Träume wahr werden. Und in Chinatown.

Jean Kwok – Wenn die Liebe tanzen lernt ( Originaltitel: Mambo in Chinatown. Übersetzt von Verena Kilchling). Goldmann 2015.

ISBN: 978-3-442-48272-6

Ich habe den Roman beim Bloggerportal von Random House als Rezensionsexemplar angefragt. Vielen Dank!