Ein Gentleman in Moskau

Ein Gentleman in Moskau

Moskau, 1922. Graf Rostov wird vom Revolutionskomitee zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, ausgerechnet im Hotel Metropol, dem besten Hotel am Platz. Und das ist sein Glück. Fast wäre er hingerichtet worden, aber ein Gedicht, das er mehrere Jahre zuvor veröffentlicht hat, rettet ihm das Leben.  Das Komitee einigt sich darauf, dass der einst so hellsichtige Geist des Grafen im Kontakt mit der adligen Klasse moralisch korrumpiert wurde. Das kann passieren und soll natürlich laut Komitee angemessen bestraft werden – aber glücklicherweise nicht mit dem Tod.

Der Graf darf nur das Hotel nicht mehr verlassen. Das ist die Ausgangslage für Amor Towles und der Beginn einer ungewöhnlich feinsinnigen Erzählung über das Leben in Gefangenschaft. Genauer gesagt,  in einer jahrzehntelangen Gefangenschaft in einem geschichtsträchtigen Haus, das sich ebenfalls im Wandel der Zeit befindet.

Graf Rostov ist niemand, der unter der Situation leidet oder anfängt, Trübsal zu blasen. Getreu seinem Motto: „Wenn man nicht Herr über seine Umstände ist, so werden die Umstände Herr über einen selbst“, beginnt sich der Graf in seiner Gefangenschaft einzurichten. Er lässt sich durch nichts in seiner Höflichkeit oder seinem Optimismus erschüttern. Von seiner Suite zieht er in eine Dachkammer im obersten Stock, die Hälfte seiner Möbel muss er zurücklassen und noch nicht einmal alle seine Bücher passen in sein neues Zimmer. Aber der Graf bleibt pragmatisch. Wenn er das Hotel nicht mehr verlassen kann, versucht er sich eben den Essays von Michel de Montaigne. Wann hat man schon Zeit dafür, einfach mal zu lesen?

Es war sicherlich zehn Jahre her, dass der Graf sich vorgenommen hatte, dieses in allen Landen gelobte und von seinem Vater hochgeschätzte Werk zu lesen. Aber jedes Mal, wenn er mit dem Finger auf  den Kalender gezeigt und erklärt hatte: Diesen Monat widme ich mich den Essays von Michael de Montaigne, hatte das Leben mit einer teuflischen Verlockung gewirkt. Sei es, dass unerwartet ein Liebesinteresse aufgekommen war, an dem er guten Gewissens nicht vorbeigehen konnte, oder dass sein Bankier angerufen hatte oder dass der Zirkus in die Stadt gekommen war. Das Leben hatte seine Verlockungen, fürwahr. Doch hier waren die Umstände endlich derart, dass sie den Grafen nicht ablenken, sondern ihm im Gegenteil Zeit und Muße schenken würden, so dass er sich dem ganzen Buch widmen konnte. (S.35)

Amor Towles hätte eine unendlich langweile Geschichte geschrieben, wenn es nur um den lesenden Grafen gehen würde. Stattdessen beginnt der Graf bald das Hotel mit anderen Augen zu sehen. Das liegt unter anderem auch an einem besonderen Hotelgast. Die neunjährige Nina schließt Freundschaft mit dem Grafen und zeigt ihm alle geheimen Gänge und Ecken, von denen der Graf noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren.

Immer wieder sind es kleine Begegnungen, die dem Grafen neue Lebensqualität versprechen. Als der Graf beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er die Situation nach vier Jahren Gefangenschaft nicht mehr aushält, entdeckt er, dass einer der Hausmeister auf dem Dach des Hotels eine Imkerei betreibt. Ein Honigbrot rettet den Abend und der Graf hat einen neuen Freund gefunden.

 Im Laufe der Zeit, gelingt es Graf Rostov, viele wichtige Personen ins Hotel zu manövrieren und mit ihnen Kontakt zu halten: seinen besten Freund Michail, ein Schriftsteller, der anfänglich noch an die sozialistische Revolution glaubt, wichtige Leute vom Geheimdienst, eine berühmte Schauspielerin. Der Graf lässt alle ins Hotel kommen. Als Rostov die Gelegenheit bekommt, als Aushilfskellner einzuspringen, sagt er nicht nein. Wenigstens hat er so das Gefühl, dass er ein bisschen für Ordnung sorgen kann, wenn ihm sonst nur der Blick aus dem Fenster bleibt und das gesellschaftliche Leben an ihm vorbeirauscht.

Aber es ist nicht seine Position als Kellner, die den Grafen für immer verändern wird. Es ist eine neue Rolle, die der Gentleman und Lebemann sich nie hätte träumen lassen. Jahre später kehrt Nina ins Hotel zurück. Sie ist mittlerweile Mutter geworden und überlässt ihre Tochter Sofia der Obhut des Grafen, der immer noch nicht das Metropol verlassen darf. Nina kann sich keinen besseren und sicheren Platz für das Mädchen vorstellen. Der Graf hat mittlerweile viele Freunde gefunden, die Näherin Marina, den Koch Emile, den Kellner Andrei. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft und versuchen politische Verstrickungen so gut es geht außerhalb des Hotels zu lassen. Aber das ist mit einem unter Hausarrest stehenden Grafen natürlich nicht so einfach. Gemeinsam versuchen sie Sofia eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Wenn auch eine Kindheit in einem goldenen Käfig. Aber für Sofia wächst der Graf über sich hinaus.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt, nicht nur, weil Graf Rostov eine Figur mit sehr viel Haltung und Charme ist, auch weil der Roman meisterhaft geschrieben ist. Amor Towles hat eine Geschichte über Mut und Courage geschrieben und darüber, dass man nie aufgeben sollte, sondern viele Situationen mit stoischem Optimismus ertragen kann. Man muss nur auf den richtigen Moment warten – und der kommt bestimmt.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. List 2017.

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The Hate U give

Wenn ihr in diesem Sommer Zeit für nur ein Jugendbuch habt (zum Beispiel, weil ihr gar keine Jugendbücher lest oder diese nur im Sommer lest oder überhaupt zu wenig Zeit zum Lesen habt – Gründe gibt es viele) – dann lest The Hate U give von Angie Thomas. Punkt.

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Starr ist 16 Jahre alt und hat endlich eine Balance für die unterschiedlichen Welten gefunden, in denen sie lebt. Einerseits ist da das schwarze* Problemviertel, in dem sie aufgewachsen ist und mit ihrer Familie lebt und andererseits das weiße* Viertel, in dem ihre Privatschule steht und sie als „Quotenschwarze“ gilt. Ihre Mitschüler*innen reden gerne vom „gehtto“, wenn sie über Starrs Viertel sprechen – die meisten von ihnen waren noch nie dort. Starr hat sich daran gewöhnt, dass diese beiden Welten ,in denen sie lebt, nicht miteinander vereinbar sind.

Starrs Leben ändert sich mit einem Schlag, als ihr bester Freund Khalil von einem Polizisten bei einer Routinekontrolle seines Fahrzeugs erschossen wird. Khalil war unbewaffnet. Landesweit berichten die Medien über Khalils Tod. Von vielen wird er als Drogendealer abgestempelt, andere protestieren in seinem Namen gegen Polizeigewalt. Die Polizei und die Gangs des Viertels fangen an Druck auf Starrs Familie auszuüben, denn Starr saß im Auto ist die einzige Zeugin des Vorfalls…

They probably heard me crying. Great. What’s worse than being the Angry Black Girl? The Weak Black Girl.  (S.116)

Angie Thomas hat ein Buch geschrieben, das wirklich jede_r lesen sollte. Es geht um Alltagsrassismus, Racial Profiling und rassistische Polizeigewalt und fiktionalisiert so Ereignisse, die 2013 unter dem Hashtag #BlackLivesMatter auf Twitter und verschiedenen SocialMedia-Kanälen thematisiert wurden.

Neben vielen anderen Fällen von rassistischer Polizeigewalt, sorgten drei Todesfälle in den Jahren 2013 und 2014 für Aufsehen. 2013 wurde der 17-jährige Trayvon Martin in Californien von dem Nachbarschaftswachtmann George Zimmermann erschossen. Zimmerman behauptete, er habe in Notwehr gehandelt, als er den am Boden liegenden Jugendlichen erschossen habe und Trayvon habe sich zudem verdächtig verhalten. Trayvon war unbewaffnet. Zimmerman wurde freigesprochen.

 2014 wurde der 18-jährige Michael Brown von dem weißen* Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, erschossen. Brown war unbewaffnet, Wilson feuerte insgesamt zwölf Schüsse auf den Jugendlichen ab, einige Zeugen sagen, Brown habe sich „bedrohlich“ auf den Polizisten zubewegt. Als die Grand Jury entscheidet, dass es kein Verfahren geben soll, kommt es in der Folge der Ereignisse zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in Ferguson.

 Im selben Jahr stirbt der 43-jährige schwarze* Michael Garner bei seiner gewaltsamen Polizeiaktion in New York. Garner wurde von der Polizei verdächtigt, illegal Zigarretten zu verkaufen. Garner verneinte das und wehrte sich gegen eine körperliche Untersuchung, daraufhin wird er von dem Polizisten Daniel Pantaleo in einen für Einsatzkräfte eigentlich verbotenen Würgegriff genommen. Obwohl Garner, der an Asthma litt, mehrmals rief, dass er nicht atmen könne, warfen mehrere Polizisten den Mann zu Boden und behielten ihn in dem Würgegriff. Garner starb vor Ort. Keiner der anwesenden Polizisten versuchte Garner wiederzubeleben. Die Grand Jury klagt die Polizisten nicht an.

 In diesem gesellschaftlichen Klima beginnt Angie Thomas, die in Mississipi lebt und Creative Writing studiert hat, ihren Debütroman zu schreiben, der aktueller nicht sein kann und zum Bestseller wird. Inspiration für den Titel ist für die ehemalige Rapperin der Musiker und Rapper Tupac Shakur (1971-1996), der auch für Khalil einen Heldenstatus inne hat. 2Pac war Mitglied der HipHop-Gruppe Thug Life und hat in seiner kurzen Musikkarriere über 75 Millionen Alben verkauft. Im Amerikanischen Slang werden Kriminelle häufig als Thugs bezeichnet. Tupac deutet den Begriff Thug Life für sich um.

„Listen! The Hate U – the Letter U – Give Little Infants Fucks Everybody. T-H-U-G L-I-F-E. Meaning what society gives us as youth, it bites them in the ass when we wild out. Get it?“ (S.21)

Starr muss sich nach dem Tod von Khalil nicht nur mit ihren besorgten Eltern herumschlagen. Sie hat selbst Angst vor der Polizei und Angst davor, wie es mit den Kings (den Gangchefs ihres Viertels) weiter geht. Außerdem hat sie niemandem in ihrer Schule von dem Abend erzählt. Nach Khalils Tod ändert sich ihr Leben. Vieles, was für sie selbstverständlich war, ist es nicht mehr. Ihre neue Wachsamkeit für die eigene Situation führt auch dazu, dass sie anfängt, ihr eigenes Leben zwischen den verschiedenen Welten zu hinterfragen.

The Hate U give ist ein Roman, den man so schnell nicht vergisst. Weil er wahr ist und weh tut. Thematisiert werden race, identity, Freundschaft, Liebe und besonders das gesellschaftliche Klima, das in den USA herrscht. Angie Thomas zeigt die konkreten und tödlichen Folgen von Vorurteilen und Rassismus und macht so Alltagsrassismus greifbar – auch für Weiße* Menschen wie mich, die diese Diskriminierung – zum Glück – nie erleben mussten. Zum Schluss möchte ich noch John Green zitieren, denn das kann nie verkehrt sein: „Angie Thomas has written a stunning, brilliant, gut-wrenching novel that will be remembered as a classic of our time.“ The Hate U give hat eine Menge Potenzial zum modernen Klassiker zu werden. Lest dieses Buch.

 Angie Thomas: The Hate U give. Walker Books 2017.

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Herr Booknerd

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