Turtles All the Way Down

 You’re both the fire and the water that extinguishes it. You`re the narrator, the protagonist, and the sidekick. You’re the storyteller and the story told. You are somebody’s something, but you are also your you. (S. 257)

Nach dem Riesenerfolg von The fault in our stars (Das Schicksal ist ein mieser Verräter) nahm sich Green viel Zeit für seinen Nachfolger, der auf Deutsch unter dem Titel Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken erschienen ist. Insgesamt sechs Jahre mussten seine Fans auf das neue Buch warten. In Turtles all the way down befinden wir uns in Greens Lieblingsterritorium, das er meiner Meinung nach in jedem seiner Bücher in verschiedenen Variationen wieder aufgreift: im mittleren Westen der USA, der von superintelligenten und nerdigen Teenagern bevölkert wird, die sich mit existentiellen Krisen herumschlagen. Das klingt nicht außergewöhnlich, aber wenn dann noch Star Wars und The Tempest als (pop)kulturelle Referenzen gedroppt werden, schwebe ich schon im Zitatehimmel.

Turtles all the way down

Es geht es um die 16-jährige Aza und ihre Freundin Daisy, die beide in ein großes Abenteuer stolpern. Ein Milliardär aus der Nachbarschaft ist verschwunden (ihr Lieben, es ist ein Jugendbuch!) und Hinweise auf seinen Aufenthaltsort werden mit hunderttausend Dollar belohnt. Die Detektivstory ist eigentlich nur eine Nebensache, denn Aza verliebt sich in den Sohn des Milliardärs, der alleine mit seinem kleinen Bruder auf die Rückkehr seines Vaters wartet. Aza kennt ihn schon seit einem gemeinsamen Sommer im „Sad Camp“ – einem Feriencamp für Kinder, die einen Elternteil verloren haben. Genug Inhalt und Konfliktpotenzial sind also da. Aber Green legt noch eine Schüppe nach.  Aza hat ein großes Problem. Sie leidet an einer Angststörung und Panikattacken. Sobald sie anfängt sich in ihren Gedankenspiralen zu verlieren, kann sie nicht mehr aufhören. Ein komisches Gefühl im Bauch wird für sie gedanklich direkt zu einer Lebensmittelvergiftung mit ungewissem Ausgang. Die einzige Gewissheit, die sie hat, besteht darin, dass alles immer nur noch schlimmer werden kann.

 

I think, You will never be free from this.

I think, You don’t pick your thoughts.

I think, You are dying, and there are bugs inside of you that will eat through your skin.

I think and I think and I think.

 Natürlich ist die Geschichte insgesamt sehr konstruiert. Der Milliardärssohn schreibt Poesie und anonyme Blogposts und interessiert sich für Astrologie (und romantisches Sterne gucken). Auch während sein Vater verschwunden ist, hat er nur Augen für Aza – das ist natürlich alles ein bisschen too much und ein bisschen kitschig. Genau so, wie man es von einem wirklichen guten Green gewohnt ist (oder fandet ihr die Geschichte von Hazel, die krebskrank nach Amsterdam fährt um ihren Lieblingsschriftsteller zu treffen, realistisch? Ja, eben…).

Trotzdem bleibt gerade im Mittelteil das Gefühl zurück, dass sich Green für diesen Roman wirklich sehr viele Themen vorgenommen hat. Die beiden Jungs, die alleine in ihrem Haus leben und mit der Angst um ihren Vater klar kommen müssen, werden von Azas ausführlichen und tragisch-absurden Ängsten in den Hintergrund gerückt. Vielleicht ist das auch ein überzeugendes Argument für diese Konstruktion: Aza ist so sehr in ihrem Kopf gefangen, dass selbst ein so unrealistisch Abenteuer sie nicht von sich selbst und ihren psychischen Zwängen befreien kann. Und auch die große Liebe ist kein Allheilmittel. Insgesamt fand ich den Roman sehr viel düsterer als andere Romane von John Green, auch wenn es ein stimmiges Wohlfühlende gibt (das man nicht mit einem Happy-End/ „Ende gut, alles gut“ verwechseln sollte). Die Dialoge sind umwerfend komisch, Daisy ist eine grandiose Figur (die auch noch Rey- Chewbacca-Liebesfanfiction schreibt – wie genial ist das denn bitte!) und auch die Geschichte, die sich hinter dem Titel des Romans verbirgt, hat mir gut gefallen.

John Green ist auf YouTube ziemlich aktiv und hat auch einen eigenen Kanal, den er zusammen mit seinem Bruder Hank betreibt. Als Vlogbrothers erreichen sie mittlerweile 3 Millionen Abonnent*innen. Zum Erscheinungstermin seines neuen Buches, machte John Green auch in einem Vlog deutlich, dass er persönlich auch von OCD betroffen ist, die sich bei ihm, wie bei seiner Hauptfigur Aza, in ewigen Gedankenspiralen äußert. Sicherlich ein Grund dafür, warum die Probleme der Hauptfigur so sensibel verhandelt werden, ohne die Absurdität der Handlungen der Betroffenen und die Probleme, die sich daraus auch für zwischenmenschliche Beziehungen ergeben, außen vor zu lassen.

Madness, in my admittedly limited experience is accompanied by no superpowers; being mentally unwell doesn’t make you loftily intelligent any more than having the flu does. So I know I should’ve been a brilliant detective or whatever, but in actuality I was one of the least observant people I’d ever met.

Das Ende ist ziemlich positiv, das hatte ich schon gar nicht mehr erwartet. Und die Freundschaft zu Daisy bekommt noch einmal eine neue Dimension, die mich ebenfalls überraschen konnte.

John Green: Turtles all the way down. Dutton Books 2017.

 

 

Ein Gentleman in Moskau

Ein Gentleman in Moskau

Moskau, 1922. Graf Rostov wird vom Revolutionskomitee zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, ausgerechnet im Hotel Metropol, dem besten Hotel am Platz. Und das ist sein Glück. Fast wäre er hingerichtet worden, aber ein Gedicht, das er mehrere Jahre zuvor veröffentlicht hat, rettet ihm das Leben.  Das Komitee einigt sich darauf, dass der einst so hellsichtige Geist des Grafen im Kontakt mit der adligen Klasse moralisch korrumpiert wurde. Das kann passieren und soll natürlich laut Komitee angemessen bestraft werden – aber glücklicherweise nicht mit dem Tod.

Der Graf darf nur das Hotel nicht mehr verlassen. Das ist die Ausgangslage für Amor Towles und der Beginn einer ungewöhnlich feinsinnigen Erzählung über das Leben in Gefangenschaft. Genauer gesagt,  in einer jahrzehntelangen Gefangenschaft in einem geschichtsträchtigen Haus, das sich ebenfalls im Wandel der Zeit befindet.

Graf Rostov ist niemand, der unter der Situation leidet oder anfängt, Trübsal zu blasen. Getreu seinem Motto: „Wenn man nicht Herr über seine Umstände ist, so werden die Umstände Herr über einen selbst“, beginnt sich der Graf in seiner Gefangenschaft einzurichten. Er lässt sich durch nichts in seiner Höflichkeit oder seinem Optimismus erschüttern. Von seiner Suite zieht er in eine Dachkammer im obersten Stock, die Hälfte seiner Möbel muss er zurücklassen und noch nicht einmal alle seine Bücher passen in sein neues Zimmer. Aber der Graf bleibt pragmatisch. Wenn er das Hotel nicht mehr verlassen kann, versucht er sich eben den Essays von Michel de Montaigne. Wann hat man schon Zeit dafür, einfach mal zu lesen?

Es war sicherlich zehn Jahre her, dass der Graf sich vorgenommen hatte, dieses in allen Landen gelobte und von seinem Vater hochgeschätzte Werk zu lesen. Aber jedes Mal, wenn er mit dem Finger auf  den Kalender gezeigt und erklärt hatte: Diesen Monat widme ich mich den Essays von Michael de Montaigne, hatte das Leben mit einer teuflischen Verlockung gewirkt. Sei es, dass unerwartet ein Liebesinteresse aufgekommen war, an dem er guten Gewissens nicht vorbeigehen konnte, oder dass sein Bankier angerufen hatte oder dass der Zirkus in die Stadt gekommen war. Das Leben hatte seine Verlockungen, fürwahr. Doch hier waren die Umstände endlich derart, dass sie den Grafen nicht ablenken, sondern ihm im Gegenteil Zeit und Muße schenken würden, so dass er sich dem ganzen Buch widmen konnte. (S.35)

Amor Towles hätte eine unendlich langweile Geschichte geschrieben, wenn es nur um den lesenden Grafen gehen würde. Stattdessen beginnt der Graf bald das Hotel mit anderen Augen zu sehen. Das liegt unter anderem auch an einem besonderen Hotelgast. Die neunjährige Nina schließt Freundschaft mit dem Grafen und zeigt ihm alle geheimen Gänge und Ecken, von denen der Graf noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren.

Immer wieder sind es kleine Begegnungen, die dem Grafen neue Lebensqualität versprechen. Als der Graf beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er die Situation nach vier Jahren Gefangenschaft nicht mehr aushält, entdeckt er, dass einer der Hausmeister auf dem Dach des Hotels eine Imkerei betreibt. Ein Honigbrot rettet den Abend und der Graf hat einen neuen Freund gefunden.

 Im Laufe der Zeit, gelingt es Graf Rostov, viele wichtige Personen ins Hotel zu manövrieren und mit ihnen Kontakt zu halten: seinen besten Freund Michail, ein Schriftsteller, der anfänglich noch an die sozialistische Revolution glaubt, wichtige Leute vom Geheimdienst, eine berühmte Schauspielerin. Der Graf lässt alle ins Hotel kommen. Als Rostov die Gelegenheit bekommt, als Aushilfskellner einzuspringen, sagt er nicht nein. Wenigstens hat er so das Gefühl, dass er ein bisschen für Ordnung sorgen kann, wenn ihm sonst nur der Blick aus dem Fenster bleibt und das gesellschaftliche Leben an ihm vorbeirauscht.

Aber es ist nicht seine Position als Kellner, die den Grafen für immer verändern wird. Es ist eine neue Rolle, die der Gentleman und Lebemann sich nie hätte träumen lassen. Jahre später kehrt Nina ins Hotel zurück. Sie ist mittlerweile Mutter geworden und überlässt ihre Tochter Sofia der Obhut des Grafen, der immer noch nicht das Metropol verlassen darf. Nina kann sich keinen besseren und sicheren Platz für das Mädchen vorstellen. Der Graf hat mittlerweile viele Freunde gefunden, die Näherin Marina, den Koch Emile, den Kellner Andrei. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft und versuchen politische Verstrickungen so gut es geht außerhalb des Hotels zu lassen. Aber das ist mit einem unter Hausarrest stehenden Grafen natürlich nicht so einfach. Gemeinsam versuchen sie Sofia eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Wenn auch eine Kindheit in einem goldenen Käfig. Aber für Sofia wächst der Graf über sich hinaus.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt, nicht nur, weil Graf Rostov eine Figur mit sehr viel Haltung und Charme ist, auch weil der Roman meisterhaft geschrieben ist. Amor Towles hat eine Geschichte über Mut und Courage geschrieben und darüber, dass man nie aufgeben sollte, sondern viele Situationen mit stoischem Optimismus ertragen kann. Man muss nur auf den richtigen Moment warten – und der kommt bestimmt.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. List 2017.

The Hate U give

Wenn ihr in diesem Sommer Zeit für nur ein Jugendbuch habt (zum Beispiel, weil ihr gar keine Jugendbücher lest oder diese nur im Sommer lest oder überhaupt zu wenig Zeit zum Lesen habt – Gründe gibt es viele) – dann lest The Hate U give von Angie Thomas. Punkt.

The Hate U give.jpg

Starr ist 16 Jahre alt und hat endlich eine Balance für die unterschiedlichen Welten gefunden, in denen sie lebt. Einerseits ist da das schwarze* Problemviertel, in dem sie aufgewachsen ist und mit ihrer Familie lebt und andererseits das weiße* Viertel, in dem ihre Privatschule steht und sie als „Quotenschwarze“ gilt. Ihre Mitschüler*innen reden gerne vom „Ghetto“, wenn sie über Starrs Viertel sprechen – die meisten von ihnen waren noch nie dort. Starr hat sich daran gewöhnt, dass die beiden Welten nicht miteinander vereinbar sind.

Starrs Leben ändert sich mit einem Schlag, als ihr bester Freund Khalil von einem Polizisten bei einer Routinekontrolle seines Fahrzeugs erschossen wird. Khalil war unbewaffnet. Landesweit berichten die Medien über Khalils Tod. Viele stempeln ihn als Drogendealer ab, andere protestieren in seinem Namen gegen Polizeigewalt. Die Polizei und die Gangs des Viertels fangen an Druck auf Starrs Familie auszuüben, denn Starr saß im Auto und ist die einzige Zeugin des Vorfalls…

They probably heard me crying. Great. What’s worse than being the Angry Black Girl? The Weak Black Girl.  (S.116)

Angie Thomas hat ein Buch geschrieben, das wirklich jede_r lesen sollte. Es geht um Alltagsrassismus, Racial Profiling und rassistische Polizeigewalt und fiktionalisiert so Ereignisse, die 2013 unter dem Hashtag #BlackLivesMatter auf Twitter und verschiedenen SocialMedia-Kanälen thematisiert wurden.

Neben vielen anderen Fällen von rassistischer Polizeigewalt, sorgten drei Todesfälle in den Jahren 2013 und 2014 für Aufsehen. 2013 wurde der 17-jährige Trayvon Martin in Californien von dem Nachbarschaftswachtmann George Zimmermann erschossen. Zimmerman behauptete, er habe in Notwehr gehandelt, als er den am Boden liegenden Jugendlichen erschossen habe. Trayvon war unbewaffnet. Zimmerman wurde freigesprochen.

 2014 wurde der 18-jährige Michael Brown von dem weißen* Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, erschossen. Brown war unbewaffnet, Wilson feuerte insgesamt zwölf Schüsse auf den Jugendlichen ab. Einige Zeugen sagen, Brown habe sich „bedrohlich“ auf den Polizisten zubewegt. Als die Grand Jury entscheidet, dass es kein Verfahren geben soll, kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in Ferguson.

 Im selben Jahr stirbt der 43-jährige schwarze* Michael Garner bei einer gewaltsamen Polizeiaktion in New York. Garner wurde von der Polizei verdächtigt, illegal Zigarretten zu verkaufen. Garner verneinte das und wehrte sich gegen eine körperliche Untersuchung, daraufhin wird er von dem Polizisten Daniel Pantaleo in einen (für Einsatzkräfte eigentlich verbotenen) Würgegriff genommen. Obwohl Garner, der an Asthma litt, mehrmals rief, dass er nicht atmen könne, warfen mehrere Polizisten den Mann zu Boden und behielten ihn im Würgegriff. Garner starb vor Ort. Keiner der anwesenden Polizisten hat auch nur versucht, Garner wiederzubeleben. Die Grand Jury klagte die Polizisten nicht an.

In diesem gesellschaftlichen Klima beginnt Angie Thomas, die in Mississipi lebt und Creative Writing studiert hat, ihren Debütroman zu schreiben, der aktueller nicht sein kann und zum Bestseller wird. Inspiration für den Titel ist für die ehemalige Rapperin der Musiker Tupac Shakur (1971-1996), der auch für die Figur Khalil einen Heldenstatus inne hat. 2Pac war Mitglied der HipHop-Gruppe Thug Life und hat in seiner kurzen Musikkarriere über 75 Millionen Alben verkauft. Im Amerikanischen Slang werden Kriminelle häufig als Thugs bezeichnet. Tupac deutet den Begriff Thug Life für sich um.

„Listen! The Hate U – the Letter U – Give Little Infants Fucks Everybody. T-H-U-G L-I-F-E. Meaning what society gives us as youth, it bites them in the ass when we wild out. Get it?“ (S.21)

Starr muss sich nach dem Tod von Khalil nicht nur mit ihren besorgten Eltern herumschlagen. Sie hat selbst Angst vor der Polizei und Angst davor, wie es mit den Kings (den Gangchefs ihres Viertels) weiter geht. Nach Khalils Tod ändert sich ihr Leben. Vieles, was für sie selbstverständlich war, ist es nicht mehr. In ihrer Schule weiß niemand was vorgefallen ist. Starrs neue Wachsamkeit für die eigene Situation führt auch dazu, dass sie anfängt, ihr eigenes Leben zwischen den verschiedenen Welten zu hinterfragen.

The Hate U give ist ein Roman, den man so schnell nicht vergisst. Weil er wahr ist und weh tut. Thematisiert werden race, identity, Freundschaft, Liebe und besonders das gesellschaftliche Klima, das in den USA herrscht. Angie Thomas zeigt die konkreten und tödlichen Folgen von Vorurteilen und Rassismus und macht so Alltagsrassismus greifbar – auch für Weiße* Menschen wie mich, die diese Diskriminierung – zum Glück – nie erleben mussten. Zum Schluss möchte ich noch John Green zitieren, denn das kann nie verkehrt sein: „Angie Thomas has written a stunning, brilliant, gut-wrenching novel that will be remembered as a classic of our time.“ The Hate U give hat eine Menge Potenzial zum modernen Klassiker zu werden. Lest dieses Buch.

 Angie Thomas: The Hate U give. Walker Books 2017.

Weitere Rezensionen findet ihr bei

Herr Booknerd

paper and poetry

 

Die Gene der Mrs. Generousity – Das größere Glück

Was bedeutet Glück und wie werden wir glücklich? In Powers Roman ist es nicht mehr die Philosophie oder die Literatur, die die Frage des gelungenen glücklichen Lebens beantwortet, sondern die Wissenschaft und das mit katastrophalen Folgen. Die Handlungen dreht sich dabei eigentlich um zwei Hauptfiguren. Zum einen gibt es den vom Leben gebeutelten Dozenten Russel Stone, der nach zwei Veröffentlichungen nicht mehr viel produziert und jetzt in Chicago am Mesquakie College unterrichten darf, allerdings ist das auch seine letzte Chance etwas im akademischen Bereich zu erreichen. Zum anderen, geht es um eine seiner Kursteilnehmerin, die Studentin Thassadit Amzwar. Sie besucht Russels Kurs und neben den anderen Möchtegern-Schriftsteller_innen ist sie die absolute Ausnahme. Sie hat nicht nur Talent, sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist glücklich, immer und überall und ihr Glück wirkt ansteckend. Russel fühlt sich besser, wenn er mit ihr geredet hat, die anderen verkrachten Student_innen im Kurs fangen an, sich gegenseitig zu loben. Thassa wird fortan nur noch ,Mrs. Generousity‘ genannt. Was ist los, mit dieser Frau, die dafür sorgt, dass sich sogar die gestressten Passanten glücklicher fühlen? Woher kommt ihr tiefes Glück, das Teil ihrer Persönlichkeit zu sein scheint? Russel versucht Thassa ihr Geheimnis zu entlocken und erfährt dabei, dass sie vor dem algerischen Bürgerkrieg geflohen ist. Ihr Vater ist erschossen worden, ihr Bruder arbeitslos – warum ist diese Frau so glücklich? Russel vermutet, dass eine schwere Störung hinter diesem ewigen Glück steckt und wendet sich an die Psychologin Candace. Doch auch Candace kann nichts ungewöhnliches an Thassa feststellen, ist sogar selbst glücklich, nachdem sie ihr begegnet ist. Thassa trifft auf Menschen und Thassa wirkt wie eine Droge:

Diese Algerierin hatte etwas Ansteckendes. Ihre Freude war unwiderstehlich: Wie sieben Jahre alt zu sein und in zehn Stunden acht zu werden. Wie mit achtzehn über den Highway zu brausen und im Radio zum ersten Mal einen Song zu hören, der nach Erlösung klingt. Wie mit neunundzwanzig vom Arzt zu erfahren, dass Nachwuchs unterwegs ist. (S.123)

Ein kleiner Bericht schlägt schließlich Wellen: ein Forschungsteam, das schon seit geraumer Zeit nach einem „Glücks-Gen“ forscht, wird auf Thassa aufmerksam. Candace ermutigt sie, sich der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, ohne zu wissen, welchen Kreislauf sie damit in den Gang setzt. In Thassas Körper wird tatsächlich ein „Glücks-Gen“ gefunden. Die Medien überschlagen sich, Talkshows und Wissenschaftssendungen wollen das Glücksmädchen interviewen. An diesem Punkt beginnt auch der Kampf der Wissenschaften: Was bedeutet Glück? Und wenn Glück in den Genen liegt, sollte es dann nicht unser Ziel sein, dafür zu sorgen, dass unser Nachwuchs den richtigen Genpool in sich trägt? Wer weiß mehr, die Philosophie, die Literatur oder eben doch die Genforschung? Leider hat letztere eine weitaus größere Gewinnspanne als die Geisteswissenschaften:

Die Argumentation des Schriftstellers ist allerdings eindeutig: Genetische Verbesserung bedeutet das Ende der menschlichen Natur. Beherrscht man das Schicksal, dann zerstört man alles, was die Menschen verbindet und dem Leben Würde verleiht. Eine Geschichte ohne Hindernisse oder Ende ist keine Geschichte. Wenn man die Beschränkung durch zügellosen Appetit ersetzt, wird alles Sinnvolle zu einem Albtraum. Ein vernichtend respektvoller Applaus hebt an, als sich der zitternde Mann setzt. […] Dann der Genforscher. Sogar auf dem Weg zum Podium wirkt Thomas Kurton charmant. Seine Schultern wippen wie die eines jungen am ersten Tag des sommerlichen Zeltlagers. […] Kurton gibt zu, dass Veränderungen stets Umbrüche bedeuten. „Aber Umbruch ist der Mädchenname dessen, was wir eine große Chance nennen.“ Zum Schluss zitiert er ein Baustellenschild, das er auf der Fahrt von O’Hare am Expressway gesehen hat: Unannehmlichkeiten sind befristet;Verbesserungen sind dauerhaft. Das Publikum im Saal, mehr als bereit zum Mitspielen, lacht beifällig. (S.197)

Thassa wird von den Medien nicht mehr in Ruhe gelassen. Immer mehr Menschen wollen sie sehen, wollen wissen, wie es ihr geht. Gleichzeitig gibt es die ersten Todesdrohungen und Proteste, von denen, die eben keinen perfekten Gen-Pool haben. Auch Candace Chef hat erfahren, dass sie mit dem Glücksmädchen Kontakt hatte und verbietet ihr, Thassa weiter zu sehen, als Psychologin habe Candace einfach falsch reagiert, sie hätte Thassa nie dem Medienzirkus überlassen dürfen. Thassa bittet Russel ihr zur Flucht zu verhelfen, denn sie ist längst nicht so stark wie es scheint…

Richard Powers hat mit Das größere Glück zwar einen Wissenschaftsroman geschrieben, in dem der ewige Kampf zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ausgefochten wird, doch im Mittelpunkt steht nicht die Wissenschaft. Stattdessen sind es die Figuren, die im Mittelpunkt stehen und die ausbeuterische Medienlandschaft. Leider bleibt Thassa eine etwas schwache Figur, deren Glaubwürdigkeit daran krankt, dass sie eben ein Prinzip verkörpert – das Glück, das nicht mehr verschwindet, wenn man es einmal gefunden hat. Ganz egal, was noch im Leben geschehen mag. Und natürlich das Schreiben, als Suche nach dem Glück, nach dem perfekten Moment. Denn der Erzähler macht sich nur zwischendurch bemerkbar, kommentiert das Geschehen (hier ein Treffen zwischen Candice und Russel) und bettet durch diese Authentizitätsfiktion die Handlung in seinen Roman ein, ganz so, wie es Russel in seinem Kurs unterrichtet:

Sie sprechen über ihren beruflichen Werdegang, die Arbeit am Mesquakie, die Viertel im Norden der Stadt, einen Staat, in dem alle an Angst mitverdienen. Beim Dattelpudding erzählt sie ihm vom Übergewicht des Negativen. Natürlich weiß ich nicht genau, ob sie ihm dies beim Dattelpudding oder überhaupt während dieses bestimmten Essens erzählt. Auf jeden Fall berichtet sie ihm zu einem recht frühen Zeitpunkt davon. So viel steht fest – hier muss nichts erfunden werden. (S.132)

Ein Roman, der auf mehreren Ebenen funktioniert und dadurch seine Faszination gewinnt. Nicht zuletzt dadurch, dass der namenlose Schriftsteller, der Russel, Candice und Thassa in seinen Roman einbaut, damit natürlich deutlich macht, wer den Kampf der Wissenschaften gewonnen hat. Am Ende bleibt es Aufgabe der Literatur, Fragen über das Glück zu entscheiden.

Richard Powers: Das größere Glück. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Fischer Taschenbuch Verlag 2009.

ISBN: 978-3-596-18092-9