Elmet

Elmet ist ein Gebiet im nordenglischen Yorkshire. Im Frühmittelalter war Elmet ein unabhängiges Königreich. Bis ins 17. Jahrhundert waren die Moorgebiete Zuflucht für Gesetzesflüchtige. Fiona Mozley erzählt in ihrem Debüt eine brutale Geschichte über Außenseiter und Ungerechtigkeiten.

„Wir wussten, dass es Scherereien gab. Unser Zuhause war in Gefahr. Aber in diesem Augenblick, da eine strahlendweiße Sonne ihr Licht auf meine blassen, dünnen Arme warf und ich ein dickes Stück knuspriges Speck zwischen zwei Scheiben weichem, warmem Brot in der Hand hielt, war ich rundum glücklich.“

Elmet

John Smith ist mit seinen Kindern Danny und Cathy nach Yorkshire in die Wälder von Elmet gezogen. Hier hat sich der Preisboxer ein eigenes Haus in der Wildnis gebaut und lebt als Selbstversorger ein zurückgezogenes Leben. Die Familie baut Gemüse an und jagt im Wald. Manchmal verlässt „Daddy“ die Kinder und nimmt an illegalen Faustkämpfen in London teil. Anfänglich gehen Cathy und Danny noch zur Schule, dann nehmen sie nur noch am Literaturunterricht der Außenseiterin Vivianne teil. Vivianne ist keine geborene Pädagog*in, aber tut John gerne einen Gefallen. Während der neunjährige Ich-Erzähler Danny große Begeisterung für den Unterricht entwickelt, Interesse an Kunst zeigt und das behagliche bürgerliche Zuhause der Freundin des Vaters am liebsten gar nicht wieder verlassen würde, streift die vierzehnjährige Cathy durch den Wald und beobachtet wilde Tiere. Da die Situation im Norden immer schwieriger wird, muss sich John auf zwielichtige Geschäfte einlassen und beginnt als Geldeintreiber für den Gauner Price zu arbeiten. Eines Tages steht Price vor der Tür und behauptet, das Land auf dem das Haus der Familie steht, gehöre ihm. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, denn John Smith will sich dieses übergriffige Verhalten nicht gefallen lassen und versucht Allianzen mit anderen Arbeiter*innen aus dem Dorf zu schmieden…

Bereits auf den ersten Seiten ist klar, dass das Projekt Elmet gescheitert ist. Der Ich-Erzähler Danny flieht vor einem Feuer, er verlässt das „verwüstete Land“ (S.9), hinter ihm „züngelnde Flammen“ (S.9), „die Überreste von Elmet“ (S.11) unter seinen Füßen. Abwechselnd changiert die Perspektive zwischen Danny auf der Flucht und den ersten Tagen der Familie in Elmet und ungeahnten Entwicklungen, die zu einer brutalen Katastrophe führen. Die Geschichte ist traurig, brutal und nicht wirklich vorhersehbar, auch wenn das Ende des Romans bereits vorweg genommen wird. Fiona Mozley hat aber nicht nur eine überaus berührende Familientragödie verfasst, in der die verarmten Außenseiter*innen versuchen, gegen die Mächtigen des Ortes vorzugehen. Aus der Perspektive von Danny erleben die Leser*innen auch viele besondere Naturbeschreibungen, die an das New Nature Writing erinnern.

„Der Frühling begann richtig mit Wolken von Blütenstaub und tanzenden Mauerseglern. Die kleinen Vögel, wieder da, um nach einem Flug von Tausenden von Kilometern wieder zu nisten, wurden vom Wind, der mal warm, mal kalt wehte, hin und her geworfen. Sie waren zu leicht, um wie Möwen oder Krähen auf die Windböen loszugehen, und durch sie sah ich den Wind wie ein Meer. Dicke, weiche Wellen, die an bewaldete Erdküsten brandeten und winzige Geschöpfe gegen vorspringende Felsen warfen. Die Mauersegler surften und tauchten und durchschnitten die unsichtbare Masse, die für sie so laut tosen und heulen musste wie jegliches Meer auf Erden, nur um dann die Luft wieder im Aufwind einzufangen und bis ganz nach oben aufzusteigen. Sie waren Experten. Sie wussten, wie man es macht. Und sie brachten den wahren Frühling.“

Elmet

John, Cathy und Danny sind ein bisschen wie die oben beschriebenen Mauersegler. Sie werfen sich gegen vorspringende Felsen und fangen die Luft im Aufwind ein, damit sie bis ganz nach oben aufsteigen können. Sie sind Expert*innen, den eigentlich wissen sie ganz genau, wie man das macht – überleben. Doch mit einem Menschen wie Price haben sie nicht gerechnet.

Ein bisschen schwarz-weiß gezeichnet sind die Figuren schon, auf der einen Seite die guten Aussteiger*innen, auf der anderen Seite die schlechten Menschen um Price. Trotzdem gibt es eine klare Leseempfehlung für diese berührende Geschichte, auch wenn Mozley vor brachialen Szenen nicht zurückschreckt. 2017 landete sie mit ihrem Debüt auf der Finalistenliste des Man Booker Prize.

Fiona Mozley – Elmet. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. btb 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefragt! Vielen Dank!

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Buchperlenblog

wortgeflumselkritzelkram

Zauberberggast

Sören Heim auf Die Kolumnisten

Kimono Blog

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