[Rezension] Ich bin ein vergammeltes, leckes Boot … – Schlaflos

24415Damals kam mir die Idee, dass ich eines Tages in einem fremdem Haus leben und von einer anderen Familie adoptiert werden würde. Ich hatte vorher schon jede Menge Adoptionsphantasien gehabt, aber das waren eher Tagträume darüber, wer wohl meine wahren Eltern sein könnten: berühmte Schriftsteller, Thronerben oder Milliardäre. Hierbei ging es um eine echte Flucht. Aufregender als mein Lieblingsbuch Papillion, hinterlistiger als in Gesprengte Ketten. (S.47)

Schlaflos in Seattle war romantisch und leicht, vielleicht schön, und wahrscheinlich verkläre ich den Film auch im Nachhinein. M.J. Hylands Version Schlaflos in Chicago trieft hingegen vor schwarzem Humor und ist trotzdem gefühlvoll erzählt. Die 16-jährige Lou hat ein großes Abenteuer vor sich. Für ein Jahr soll die Australierin, die aus schwierigen Verhältnissen kommt, als Austauschschülerin in den USA leben. Die Vorstadtvilla der neuen Familie ist toll und anfänglich sind Margaret, Henry und ihre Gastgeschwister James und Bridget, die nettesten Menschen, die sich Lou vorstellen kann.  Sie träumt davon, für immer bei den Hardings zu bleiben und strengt sich deswegen besonders an. Denn ihr Plan stand schon lange vor dem Austausch fest: nach Hause möchte sie nicht mehr, sie möchte in den USA bleiben, koste es, was es wolle. Doch von Anfang an, geht irgendetwas schief. Ihre Ankunft bei den Hardings wird kein aufregendes Abenteuer, sondern auch eine Gewalterfahrung.

Da ist mein begehbarer Kleiderschrank, und da mein Schreibtisch mit Rotholz aus den Schubladen. Da ist der Schlüssel für die Schubladen. „Gefällt es dir?“ In dem Zimmer, das ich mit Erin teile, hängen ausgebeulte Poster mit dämlichen Popstars an den Wänden, und hässliche, versaute Fotos meiner Schwester innen an der Tür . Die Fotos von dem Tag, als sie im Shopping-Center hundert Dollar ausgegeben haben, um sich aufzubrezeln und wie Nutten fotografieren zu lassen. Neben Erins Bett stehen immer stinkende, von Kippen überquellende Aschenbecher, und am Türknauf trocknen Unterhosen. „Es ist perfekt“, sage ich. „Gut“, sagt Margaret, die plötzlich zwischen mir und dem Bett steht, und ihre Augen flackern freudig blau. Ich fühle mich schmutzig und weiß nicht, was ich tun soll. Ihr Haar glänzt und ist auf ihrem runden Kopf zu einem ordentlichen Knoten gebunden. Ich bin wie ein kleines, vergammeltes, leckes Boot, das vor dem Rumpf eines Luxusdampfers dümpelt. (S.21)

Anstatt Lou etwas Zeit nach der langen Reise zu geben, sie einfach mal allein zu lassen, drängen sich die Hardings mit ihren starren Regeln, in Lous Leben.

„Möchtest du, dass ich dir beim Auspacken helfe?“, fragt sie. Sie möchte sehen, was für Sachen ich besitze. „Danke“, sage ich und habe solche Angst, wieder berührt zu werden, dass meine Alufolienzähne anfangen zu klappern. „Setz dich einfach“, sagt sie. „Ich hänge deine Sachen auf.“ Warum lässt du mich nicht schlafen? will ich sagen. Warum deckst du nicht das Bett ab, packst mich hinein und deckst mich zu, bringst mir Tee und Toast, ziehst die Vorhänge zu, damit es dunkel wird? Weißt du nicht, wie schwer mir schon allein das Stehen fällt? (S.23)

Doch Lou wird nicht in Ruhe gelassen. Die Hardings lassen sie nicht schlafen. Um ihr Unwohlsein und ihre Angst in ein rechtes Licht zu rücken, stellt sie sich den australischen Arktisforscher Mawson vor. Mawson musste seine Schlittenhunde essen, um nicht zu verhungern. Durch den übermäßigen Verzehr von Hundeleber und einem Überschuss von Vitamin A, begann sich seine Haut an den Füßen und Händen abzulösen. Medizinisch nennt man dieses Phänomen Desquamation. Ein Zustand, der Lou bekannt vorkommt. Ständig fühlt sie sich Margaret gegenüber ausgeliefert, nackt. Das Wissen über dieses medizinische Phänomen wird für Lou zum Prüfstein ihres Gegenübers. Kennt er sich aus, gewinnt er Vorschusslorbeeren. Die Hardings kennen sich nicht aus, aber Henry hat zumindest Interesse an dem schrägen Wissen der Australierin. Ein wirklicher Neubeginn für Lou? Die anfängliche Traumwelt, die sich das Mädchen mit dem beeindruckend hohen Intelligenzquotienten herbeisehnt, bekommt schon bald hässliche Kratzer. Ihre Gasteltern interessieren sich nur dann für die 16-jährige, wenn sie sich den strengen Familienregeln unterwirft, in denen klar unterschieden wird, wer wirklich zur Familie gehört (und damit automatisch Straffreiheit genießt), und wer als Fremdkörper, nur temporär, die Gastfreundschaft der Familie genießen darf. Kontrolle ja, tiefergehende Gespräche, z.B. über Lous familiäre Situation, nein. Echte Nähe, die Lou sich erträumt hat, gibt es nicht.

Auch das Problem der Schlaflosigkeit nehmen ihre Gasteltern nicht ernst. Lou fängt heimlich an zu trinken, um besser schlafen zu können und ihr Unwohlsein zu bekämpfen. Während die Hardings sie nicht zur Ruhe kommen lassen, lernt Lou allerdings auch immer wieder Menschen kennen, die ihr ein Bett zur Verfügung stellen. Menschen, die sie schlafen lassen und die ihr ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Doch am Ende schaffen es weder die Hardings, noch die Austauschorganisation, einem begabten, talentierten Menschen, neue Perspektiven zu eröffnen. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zeigt Lou seine hässliche Seite. Oder wie Roland Krüger für Deutschlandradio Kultur schreibt:

Schon die Gegenüberstellung Australien – USA steht für eine ganze Liste von Unterschieden. Anfangs sieht Lou die USA als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, während sie selbst wider Willen Australien verkörpert. Der fünfte Kontinent steht hierbei als Sinnbild für übertriebene Freizügigkeit aber auch für die Missachtung von Vorschriften, für Wildnis und sogar für Straffälligkeit, denn schließlich war Australien eine Strafkolonie, und jeder weiße Australier muss logischerweise einen Gesetzesbrecher unter seinen Vorfahren haben.

Doch es ist nicht nur ein kultureller Unterschied. Lou ist ein Teenager: schwierig, unsicher, dabei sich selbst zu finden und gleichzeitig alles richtig zu machen. Am Anfang war ich mir gar nicht sicher, was ich von dieser schwierigen Figur halten sollte, die so zwanghaft alles richtig machen will, die schwitzt und dauernd rot anläuft und so unpassend besserwisserisch ist, von der ich als Leser_in weiß, dass sie mir die Hälfte aus ihrem Leben verschweigt und der ich auch einen Mord zugetraut hätte (gut, vielleicht hat mich das Cover mit der Kippe im Mund etwas in die Irre geleitet). M. J. Hyland schreibt in ihrem Debütroman von 2005 unglaublich fesselnd und wahnsinnig gut. Mal ist Lou in ihren Reflektionen über ihre Familie hochphilosophisch, dann schwarzhumorig; immer dabei, ihr Gegenüber messerscharf zu analysieren, während sie sich selbst nur anstrengend findet um im nächsten Moment vor Selbstbewusstsein fast durch die Luft zu schweben. Lous Probleme lösen sich am Ende des Buches nicht in Wohlgefallen auf. Die Situation bleibt beklemmend und wahrscheinlich ist alles noch viel schlimmer als vorher, bevor Lou sich voller Hoffnung in ein neues Leben aufgemacht hat. Vielleicht spielt das für Lou aber auch alles keine Rolle mehr:

„Das macht eigentlich keinen Unterschied“, sage ich. „Ich muss in jedem Fall meine Sachen packen, und im Flugzeug muss ich auf demselben Platz sitzen, wie ich selbst.“ (S.377)

M. J. Hyland: Schlaflos (How the light gets in, 2003). Übersetzt von Ingo Herzke. Piper 2005.

ISBN: 978-3-492-27099-1

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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