Ghachar Ghochar

„Es stimmt, was man sagt– nicht wir kontrollieren das Geld, sondern das Geld uns. Wenn es wenig Geld gibt, ist es ganz kleinlaut, doch je mehr davon da ist, desto dreister wird es und desto stärker packt es uns am Kragen.“

9783351037338Ein Mann sitzt in seinem Lieblingscafé und sinniert über das Leben nach. Sein Ansprechpartner ist der Kellner Vincent, der aber zunehmend in den Hintergrund gerät. Der Ich-Erzähler blickt zurück auf seine Entscheidungen, seinen beruflichen Erfolg, seine Ehe und macht eine traurige Feststellung. Seitdem seine Familie zu Reichtum gekommen ist, ist alles „ghachar ghochar“ – hoffnungslos miteinander verstrickt oder verwickelt. Den Neologismus hat seine Frau Anita geprägt, er kennt es seit ihrer Hochzeitsnacht, als es ihm nicht gelang, den Sari seiner Frau zu öffnen. Der Ich-Erzähler ist angetan davon, dass Anita ihn in die geheime Sprache ihrer eigenen Herkunftsfamilie einweiht. Seitdem wird es von der Familie immer verwendet, wenn alles zu kompliziert erscheint. Er erinnert sich auch an seine Exfreundin Chitra, die mittlerweile für eine Frauenrechtsorganisation arbeitet und ihm schon früher von den Misshandlungen erzählt hat, die ihre Klientinnen erleiden mussten. Aber auch Chitra gerät in den Hintergrund. Trotzdem bleiben die Erinnerungen an Chitra als düsterer Hintergrund immer präsent.

Sie sagte Sachen wie: „Warum bricht man jemandem den Arm, nur weil der Tee einem nicht geschmeckt hat?“ Oder : „Bringt man seine Frau um, nur weil sie vergessen hat, den Schlüssel beim Nachbarn zu hinterlegen?“ Ich wusste, dass ein schlecht gemachter Tee keinen gebrochenen Arm nach sich ziehen sollte, ein nicht hinterlegter Schlüssel keinen Mord. Aber es ging doch auch nie um diesen Tee oder diesen Schlüssel, dachte ich. Die letzten Stränge, die eine Beziehung zusammenhalten, können schon aufgrund eines einzigen Blickes oder einer Sekunde des Schweigens reißen. (S. 14)

Der Erzähler bewegt sich in der Retrospektive durch frühere Wohnorte seiner Kindheit bis in die Gegenwart. Der namenlose Ich-Erzähler lebt zusammen mit seiner Schwester Malati, seinen Eltern, seiner Frau Anita und dem jüngeren Bruder seines Vaters, Chikkappa, der durch einen Gewürzhandel  zu Geld gekommen ist. Chikappa ist es zu verdanken, dass die Familie gesellschaftlich aufgestiegen ist, also versuchen alle Familienmitglieder, den Onkel bei Laune zu halten.

In jeder Familie gibt es bestimmte Rituale, ungeschriebene Regeln, Verhaltensweisen und Zeremonien, die sich Fremden nicht sofort erschließen. In dieser Familie hat jeder eine festgelegte Rolle, das wird spätestens klar, als der Ich-Erzähler heiratet und Anita mit in die Familie bringt. Malati und seine Mutter streiten sich, Chikappa bringt das Geld ins Haus, der Ich-Erzähler hat einen Alibi-Job im Gewürzhandel (er ist zwar der Geschäftsführer und bekommt monatlich sein Geld überwiesen, aber wird von seinem Onkel maßgeblich von den echten Geschäftsentscheidungen ferngehalten) und sein Vater wird irgendwann ein Testament schreiben und das Haus vererben. Anita muss sich erst in ihre Rolle einfinden. Als ihre Schwiegermutter ein spezielles Gericht kocht, dass bei Anita allein durch den Geruch Übelkeit auslöst, flieht der Ich-Erzähler ins Café: er kann den drohenden Streit der Frauen nicht ertragen, in den sich auch seine Schwester und sein Vater einmischen werden.

Als unerwartet eine junge Frau vor der Haustür auftaucht und behauptet, den Onkel näher zu kennen und ihn mit freundlichen Kosenamen bittet, zur Tür zu kommen, reagieren Anita und Malati sehr schnell. Getrieben von einer schockierenden Kaltherzigkeit, die mich überrascht hat, werfen sie gemeinsam die fremde Frau vor die Tür. Niemand soll den Familienfrieden stören. Vielleicht ist das der Punkt, an dem klar ist, dass Anita doch dazu gehört.

Die psychische und physische Abschottung der Familie setzt sich nicht nur durch die verschiedenen Wohnhäuser fort, in denen sie zusammenleben. Der Ich-Erzähler beschreibt im Detail, die Möblierung der unterschiedlichen Wohnungen und kleinen Appartements bis zu dem Zeitpunkt, als die Familie so reich ist, dass sie anfängt, wahllos Möbel zu kaufen und ihr Haus vollzustellen. Diese Entwicklung hat fast klaustrophobische Momente. Gleichzeitig wird die Wohnungsburg, in der sich alle Familienmitglieder verschanzen, von innen bedroht: Ameisen finden ihren Weg in die Wohnung und niemand ist vor den kleinen Insekten sicher.

Vivek Shanbag hat fünf Kurzgeschichtenbände, drei Romane und zwei Dramen in der südindischen Sprache Kannada verfasst. Ghachar Ghochar ist sein erster Roman, der auch auf Deutsch übersetzt wurde. Es ist faszinierend zu lesen, wie sich der moralische Zerfall der Familie auf gerade einmal 150 Seiten vollzieht. Ganz große Leseempfehlung.

Vivek Shanbag – Ghachar Ghochar. Übesetzt von Daniel Schreiber. Aufbau Verlag 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei Netgalley angefragt. Vielen Dank!

 

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