[Rezension] Ein unterbrochenes Leben – Seelensprung

„Die Leute fragen, wie bist du da reingekommen? Was sie eigentlich wissen wollen, ist, ob sie möglicherweise auch drin landen werden. Die eigentliche Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann nur sagen: Es ist leicht.“ (S.9)

Was bedeutet Verrückt-sein eigentlich? Wer macht den Cut zwischen normal und nicht-normal? Und was bedeutet die Diagnose mit einer psychischen Erkrankung für minderjährige Frauen in den 1960er Jahren in den USA? In Seelensprung. Mein Leben in zwei Welten beschreibt Susanna Kaysen die Erfahrungen, die sie während ihres Aufenthalts auf der geschlossenen Station der Psychiatrie machte. Und die eigene Wahrnehmung von dem, was die Lesenden  anfänglich noch als verrückt bezeichnen, wird auf eine harte Probe gestellt.

Kaysen fühlte sich nicht wohl, depressiv – sie sucht Hilfe bei einem Psychiater, der sie sofort in die Psychiatrie überweist. Nach einem einstündigen Diagnosegespräch. Diagnosen werden nicht hinterfragt, wenn man einmal drin ist, ist man drin. Kaysen bleibt zwei Jahre. In einem Ausschnitt ihrer Einweisungsakte wird festgehalten: „promiskuitiv, könnte sich umbringen oder schwanger werden“ (S.13), Kriterien die anscheinend 1969 genauso ausschlaggebend sind, wie eine ernsthafte Depression. Klare Linien gibt es nicht, die Einweisung scheint aus reiner Willkür zu erfolgen, zu nichtssagend sind die Kriterien. Ihre Promiskuität wird an der Affäre mit einem Lehrer festgemacht – ihm passiert nichts, Susanna hingegen wird eingewiesen und schildert in kurzen zwei- oder dreiseitigen Essays ihre Erfahrungen. Und die sind mehr als verstörend. Die Frauen werden abgeschoben, Therapien gibt es, doch die meiste Zeit werden mehr oder weniger verwahrt. Lisas Psychiater macht in ihrer Therapiestunde gerne ein Nickerchen. Beschweren zwecklos. Was gegen Depression helfen sollte und heutzutage nur noch an Folterungen erinnert, ist die Behandlung mit Elektroschocks. Eine Methode übrigens, deren Auswirkungen auch eindringlich in Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig beschrieben wird. Für Susanna sieht das dann so aus:

„Wir sahen vieles mit an. Wir sahen mit an, wie Cynthia einmal in der Woche weinend von den Elektroschocks zurückkam. Wir sahen mit an, wie Polly zitterte, wenn sie in eiskalte Laken eingepackt gewesen war.“ (S.30)

Eine Revision der Diagnose findet nicht statt. Und die Eltern glauben den Ärzten eher als ihrer Tochter. Kaysen nimmt es mit Galgenhumor:

„Unsere Klinik war berühmt und hatte viele große Dichter und Sänger beherbergt. […] Sylvia Plath war gekommen und gegangen. Was haben Metrum, Sprachmelodie und Rhythmus an sich, daß ihre Schöpfer davon wahnsinnig werden?“ (S.67)

Klar, Plath kam raus – und nahm sich das Leben. Susanna versucht drinnen auszuhalten, macht sich Gedanken über die unterschiedlichen Zugänge der Psycholog_innen und Psychiater_innen. Wird ihr Gehirn behandelt oder ihre Seele? Am nächsten sind ihr noch die Schwesternschülerinnen, nicht nur weil sie im selben Alter sind. Auf ihnen lastet auch – genau wie auf allen Patientinnen – derselbe gesellschaftliche Druck:

„Wir fragten sie, welche Filme sie gesehen hatten und wie sie ihre Examen bestanden hatten und wann sie heiraten wollten (die meisten trugen bedauernswert schmale Verlobungsringe). Sie erzählten uns alles – daß der Freund darauf bestand, daß sie es vor der Hochzeit ,machten‘, daß die Mutter trank, daß die Noten schlecht waren und daß das Stipendium nicht verlängert wurde. Wir gaben ihnen gute Ratschläge „Nehmt ein Kondom“, „Ruf die Anonymen Alkoholiker an“, „Arbeite das restliche Semester hart und verbessere deine Noten“. Später berichteten sie uns dann: „Ihr hattet Recht, vielen Dank.“ (S.123)

Zum Glück bekommt Susanna einen Heiratsantrag – und darf ohne Probleme die Klinik verlassen, denn „einen Heiratsantrag verstand 1968 jeder“ (176). Nicht nur hier musste ich bei den Beschreibungen mehrmals schlucken. Heirat = Heilung? Ja dann ist ja alles klar, Hauptsache nicht unehelich schwanger. Zum Glück greift die Autorin am Ende noch einmal diese merkwürdigen Vorgehensweisen sehr reflektiert auf. Und berichtet auch, dass sie eigentlich nie genau von ihrer psychischen Verfassung in der Klinik erzählt hat. Nie. Und trotzdem war sie zwei Jahre ihres Lebens einfach gesellschaftlich nicht mehr vorhanden. Foucault würde sagen, es ist der Diskurs, der hier das nicht-normale festschreibt, ein Diskurs der Psychiatrie der zumindest zu diesem Zeitpunkt noch von offenem Sexismus geprägt war. Und merkwürdigen Kriterien der Diagnosefindung sind offensichtlich, wenn Kaysen schreibt:

„Der Klinikbelegung nach zu urteilen, wurden viele Störungen bei Frauen häufiger diagnostiziert, z.B. auch ,zanghafte Promiskuität‘. Was glauben Sie, wie viele Mädchen ein siebzehnjähriger Junge bumsen muß, um sich das Etikett ,zwanghaft promiskuitiv‘ einzuhandeln? Drei? Nein, das reicht nicht. Sechs? Unwahrscheinlich. Zehn? Das klingt wahrscheinlicher. Wahrscheinlich irgendetwas zwischen 15 und 20, würde ich schätzen – wenn sie dieses Etikett jemals für Jungen verwende, woran ich mich nicht erinnere. Und wie viele Jungen braucht ein siebzehnjähriges Mädchen?“

Der Roman von Kaysen, der mich sehr beeindruckt und gleichzeitig auch sehr wütend gemacht hat, war die Vorlage für den Film Girl, Interupted. Eine Referenz auf ein Gemälde Vermeers, das Susanna fasziniert hat, es heißt „Die unterbrochene Musikstunde“, unterbrochen, wie ihr Leben. Dabei sind ihre Erzählungen nicht immer nur Ansammlungen von Schrecklichkeiten, sie sind auch witzig geschrieben und verlieren nie einen selbstironischen Touch und bleiben doch bemerkenswertes Zeugnis für ein System der Unfreiheit. Sehr bemerkenswert, wenn man sich den realen Hintergrund dieses ganzen Dramas genauer überlegt.

1999 verfilmte James Mangold Kaysens Erinnerungen, in den Hauptrollen Winona Ryder und Angeline Jolie. Vielleicht muss ich den Film noch einmal ansehen, aber ich bin ganz sicher, dass in diesem Fall der Roman weitaus mehr Denkanstöße geboten hat, als die auch gelungene Verfilmung.

Susanna Kaysen: Seelensprung. Ein Leben in zwei Welten (Original: Girl, Interrupted).

Übersetzt von Sabine Schulte.  btb (2011). 224 Seiten.

ISBN: 9783442742370

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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