[Rezension] Der Doktor ruft zum Interview – Dr. Sex

Prüderie und Prärie. Es ist das Jahr 1939 und an der Uni Indiana ist so etwas wie eine sexuelle Revolution losgebrochen – also, zumindest fast. Dr. Kinsey, Zoologieprofessor und bisher bekannt für seine Forschungen über Insekten, hält Vorträge für verlobte Studierende, sogenannte „Eheseminare“ und zeigt, was Sache ist. Bilder von Geschlechtsorganen, Aufklärung über Verhütungsfragen – den Studierenden schlackern die Ohren. Kinsey ist in seinem Element. Ganz im Sinne der Wissenschaft versucht er im prüden Amerika Schranken einzureißen und macht sich damit nicht unbedingt beliebt. Unter den Zuhörer_innen befindet sich auch John Milk, ein junger Wissenschaftler, der von Kinseys Charme hingerissen ist. Sofort meldet er sich für eines der Interviews, die Kinsey angekündigt hat und für die er eifrig Freiwillige sucht. John wird Teil einer der ersten und größten Sexumfragen der Geschichte, die offenbaren soll, dass eben doch vieles ganz anders läuft, als es die gängige Moral vorschreibt. Kinsey zeigt besonderes Interesse an Johns Ausprägung auf der von ihm entwickelten Kinsey-Skala, die die sexuelle Orientierung eines Menschen messen soll und von 0 (heterosexuell) bis 6 (homosexuell) verschiedene Ausprägungen der Bisexualität in einem einzelnen Zahlenwert erfasst. Ein Skandal, war die „H-Frage“ zu dieser Zeit doch mehr als umstritten und wurden doch noch unterschiedliche sexuelle Praktiken per Gesetz verboten. John erreicht eine 3, Kinsey sieht Potenzial in John. Er stellt ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter ein und bildet ihn für Interviews aus. Doch der Doktor ist keine einfache Person. Kinsey verlangt absolute Folgsamkeit, rekrutiert seine Mitstreiter_innen im Kampf gegen die Unterdrückung der Sexualität mit fragwürdigen Methoden und sorgt doch dafür, dass sich eine verschwiegene Gemeinschaft bildet, deren Kern seine Mitarbeiter_innen sind – der Inner Circle.

Hier gelten andere Regeln. Gegen die Unterdrückung, gegen die Prüderie der Gesellschaft setzt Kinsey in aufklärerischer Manier, die bisweilen ins Diktatorische übergeht, die Befreiung der eigenen Mitarbeiter_innen voraus. Wie sonst sollen sie auch Interviews führen können? Milk verfällt Kinsey mehr und mehr, wird ihm nahezu hörig, tut alles, was der Sexgott von ihm verlangt – seien es tausende Überstunden auf der Jagd nach Interviewpartnern oder eben auch homosexuelle Gefälligkeiten, die für Kinsey (oder Prok, wie er genannt wird), besonders ansprechend sind. Auch wenn Prok an den geselligen Wochenenden gerne nackt durch den Garten flaniert und Sex mit seinen Mitarbeiter_innen hat – der Schein muss gewahrt werden. Nach außen präsentiert sich die Gruppe als vertrete sie die drei großen Ks – oder zumindest zwei. Frauen in der Küche, Kinder im Garten – bürgerliches Idyll. Prok arbeitet an einer Veröffentlichung über die Sexualität des Mannes, bald soll eine über die Sexualität der Frau folgen. Doch das Projekt ist gefährdet, Journalisten bespitzeln die Gruppe, das schweißt den kleinen Kreis nur noch mehr zusammen.

Das Interesse da draußen wächst, und das wißt ihr. Sobald sie Witterung aufgenommen haben, werden sie wie die Bluthunde hinter uns her sein, und sie werden die Zahlen aus dem Zusammenhang reißen und uns als Scharlatane hinstellen und in dieselbe Schublade stecken wie die Nudisten oder die Vegetarier oder die Leute von der Gesellschaft gegen Tierversuche. Stellt euch doch mal vor, was sie mit einer Tabelle wie der machen würden, die John neulich angefertigt hat, in der das Alter von Männern und Frauen zum Zeitpunkt der maximalen sexuellen Betätigung verglichen wird. Oder über die Häufigkeit von H-Aktivitäten. Oder über außereheliche Beziehungen. […] Stellt es euch vor. […] Denn es wird eine Invasion geben. (415)

Irgendwann reichen Befragungen  nicht mehr aus – Prok will Action sehen. Iris ist die einzige, die sich gegen Proks Allmachtsanspruch zur Wehr setzt. Sie versucht John die Augen zu öffnen. Wenn Prok behauptet: „Wir sind bloß menschliche Säugetiere“ –  wo bleibt dann die Liebe?

T.C. Boyle hat mit Dr. Sex einen Roman geschrieben, in dem zwar sehr viel über Interviews und Sex gesprochen wird – explizites aber Leerstelle bleibt. So berichtet John, dass er zwar „erst spät nach Hause kam“, aber nicht, was tatsächlich zwischen ihm und Prok gelaufen ist – doch wir können es uns denken. Dabei erweist sich der naive John als interessanter Vermittler zwischen Leser_in und beschriebener Realität. Milk ist der Bewunderer, der Guru-Anhänger, derjenige, der dem Missionar glaubt. Kinsey bleibt so eine schwer zu fassende Figur, was vor allen Dingen daran liegt, dass John zu sehr in einer Heldenverehrung gefangen bleibt und das auf Kosten einer bissigen Zeichnung des Gurus geht. Doch daran liegt die interessante Ambivalenz, mit der hier der Sexforschung um Kinsey begegnet wird. Immerhin ebnete Kinsey auch den Entwicklungen der 1960er Jahre durch seine Forschung den Weg. Gleichzeitig wird ein Sittengemälde der 1940er gezeigt, das die Prüderie der Zeit gekonnt offenbart, ohne Kinsey zu verklären. Der idealistisch angelegten Revolution folgt eine nicht autonome Sexualität, die vom Guru abhängig ist. Und das wird schnell deutlich, auch wenn T. C. Boyle nicht versucht, die Forschung von Prok zu verdammen. Interessant, denn bereits mit Erscheinen des Romans 2004, liefen, wie in guten alten Zeiten, konservative amerikanische Kreise Sturm. Doch Boyle idealisiert Kinsey auch nicht. Durch seine Sexforschung entstehen Abhängigkeitsbeziehungen, Prok mischt in allen Lebensbereichen seiner Mitarbeiter_innen mit – wie viel Freiheit bleibt noch, wenn Prok die Revolution an sich reißt?

T. C. BOYLE: Dr. Sex (=The Inner Circle). Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2005.

ISBN 978-3-446-20566-6

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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